Regisseur Christian Petzold : „Uuuuuh, die Sache wird nicht nur angenehm“

Christian Petzold erinnert sich an den Fall der Mauer und den Irrsinn danach. Er verrät seinen Lieblingsplatz im Kino und welches deutsche Volkslied das beste ist.

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Christian Petzold
Christian Petzold, 54, lebt in Berlin.Mike Wolff

Herr Petzold, alle Ihre Filme haben Deutschland zum Thema. Die RAF, die DDR, die Nachkriegszeit. Wann haben Sie das erste Mal erfreut registriert: Hey, ich bin Deutscher!

Als Deutschland bei der Europameisterschaft 1972 im Wembleystadion 3:1 gegen England gewonnen hat. Netzer, Beckenbauer, Hoeneß, Grabowski. Ich dachte, dieses Muffland, in dem ich groß werde, dass daraus so wunderschöne Spielzüge entstehen können – unglaublich!

Haben Sie ein spezielles Deutschlandbild im Kopf?

Es gibt keins. Wenn die Franzosen für Gauloises Reklame machen, ist das ganz einfach. Die zeigen die kupferbeschlagenen Dächer von Paris, ein Mädchen mit einem Kleid wie Isabelle Adjani in „Ein mörderischer Sommer“, ein Glas Rotwein … Und Deutschland? Zwei Männer mit Bierflasche am Grill? Die deutschen Bilder müssen erst erfunden werden, da halte ich es mit dem jüdischen Denken: Der Messias kommt noch.

Und wie klingt das Land?

Ich saß neulich im Flugzeug, und als wir die Wolkendecke durchbrachen, dachte ich: „Über den Wolken“ von Reinhard Mey ist ein richtig großes Lied. Nie zuvor wurden Zeilen wie „Irgendjemand kocht Kaffee / in der Luftaufsichtsbaracke“ gesungen. Was erzählt das Lied? Dass wir Deutschen nur über den Wolken frei atmen können, nicht auf Erden, nicht auf dem „nassen Asphalt“ dieses Songs. Es ist das einzige gute deutsche Volkslied.

Ihre drei Favoriten unter den Deutschland-Filmen?

Ich liebe Listen, ich fülle sie nur nicht gern aus. Es sind immer Jungs, die das tun, wie in Nick Hornbys Roman „High Fidelity“. Also gut: „Alice in den Städten“ von Wim Wenders, weil ich da mit 14 das erste Mal gesehen habe, dass meine Welt auch im Kinoland existiert. Der ist in Wuppertal gedreht, und in der Eisdiele Taormina habe ich selbst Erdbeereis geschleckt. Dann „Rocker“ von Klaus Lemke. In unserer Kleinstadt gab es die Haaner Kirmes mit der Jaguarbahn, ein schnelles Karussell, das durch eine Höhle fuhr. Wagen rasten vorbei, Mädchen kreischten. Dort standen Tätowierte, Männer mit breiten Nietenlederbändern und Jim-Morrison-Hosen, die das Geschlecht ausstellten. Ich sah „Rocker“ und wusste, das ist der Film aus der Höhle. Und Helmut Käutners „Unter den Brücken“. Während das nationalsozialistische Dreckssystem zusammenbricht, versammelt Käutner die Reste des Humanen wie in einer Überlebenskapsel.

Inzwischen gibt es unzählige Filme über die Shoah. Nun auch noch Ihren.

Der Raum der Shoahfilme ist viel kleiner als der Raum mit lauen Unterhaltungsfilmen mit Walter Giller, die in Italien spielen. Und es gibt fast keinen, das war für mich das Motiv, der von den Rückkehrenden erzählt. Gibt es darüber Literatur? Von Heinrich Böll und Wolfgang Borchert „Draußen vor der Tür“, zu meiner Zeit Schulstoff, aber das ist es auch schon. Wir haben keine Nachhausekommfilme, sondern Heimatfilme. Die sehen aus wie Modelleisenbahnwelten. Da wird der Traum vom harmonischen Glück nachgebaut, es gibt eine Kirche, einen Marktplatz, und die Lok fährt immer im Kreis herum, sie bricht nie aus.

In Ihrem neuen Werk „Phoenix“ geht es um eine Überlebende der Nazi-Lager. Wann hatten Sie denn das erste Mal eine Vorstellung vom Holocaust?

Als „Nacht und Nebel“ in der Schule gezeigt wurde, ein Film von Alain Resnais. Da bekam der Schrecken für mich ein Bild. Später erfuhr ich, dass die deutsche Delegation protestiert hat, als der Film 1956 in Cannes laufen sollte, er wurde tatsächlich aus dem Wettbewerb genommen.

Woran erinnern Sie sich?

An das Gerippe eines Stahlstuhls und die Assoziationen, die das bei mir auslöste: Folterungen, Erschießungen, medizinische Experimente. Resnais zeigt ja Bilder aus Auschwitz nach dem Krieg, die Ruinen, lediglich Spuren. Da gibt es eine lange Kamerafahrt über das Gelände des Vernichtungslagers, dazu hört man einen Text von Paul Celan, so in der Art: „Wer wird uns schützen, wenn sie wiederkommen, die Täter, werden wir diesmal wachsamer sein …“ Dieser Stuhl ist ein Friseurstuhl, vielleicht ganz harmlos, doch mit diesen Worten dazu ist es das Grauen.

Resnais zeigte auch Berge von Leichen.

Die sind in ihrer unfassbaren Brutalität nicht zu verarbeiten. Ich war damals elf, zwölf Jahre alt.

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