Rekonstruktion eines Doppellebens : Wie der Tod die Lüge schützt

Eine junge Frau sucht als Leukämiekranke ein Hospiz auf, trifft Sterbebegleiter und hat Operationsnarben. Für Familie und Freunde ist sie derweil kerngesund. Sie hat alle getäuscht – auch unsere Redaktion.

von
Ihren Namen sollten wir nicht nennen, sie wollte auch nicht erkannt werden, darum hielt sie sich auf dem Foto die Hände vors Gesicht.
Anonym. Im April veröffentlichten wir im „Sonntag“ ein großes Interview mit einer jungen Frau, die Krebs hat und vom nahenden Ende...Foto: Mike Wolff

Das plötzliche Ende kommt für Jasmin Zöller mitten in ihrer 26. Chemotherapie. Es ist ein recht warmer Sommertag im Juli dieses Jahres, als sie sich am frühen Abend von ihrer Wohnung auf einen vertrauten Weg macht: Sie besucht ein Hospiz im Zentrum der Stadt. Seit zwei Jahren hat sie ihn immer wieder zurückgelegt.

Sie kennt das Gebäude gut, hier bereitet sie sich auf ihr Sterben vor. Sie führt Gespräche, meditiert, manchmal schaut sie nur auf eine Tasse Kaffee vorbei. Bisweilen kümmert sie sich auch einfühlsam um Todkranke, und wenn sie vor einer Zimmertür brennende Kerzen sieht, weiß sie: Es ist wieder jemand gestorben.

Das ist die Welt von Jasmin Zöller, ihre Diagnose Leukämie hat sie vor mehr als vier Jahren erhalten, am 26. März 2011. Ein elend langer Leidensweg. Vom Hospiz bekommt sie zwei Sterbebegleiter an die Seite gestellt, das ist ungewöhnlich, doch sie ist jung und fordert viel Zuwendung ein, eine Ehrenamtliche alleine kann das nicht leisten.

Sterben für Anfänger

Andererseits wird die Psychologin Zöller, die an ihrer Promotion arbeitet, soweit es die Krankheit zulässt, dem Hospiz eine enorme Hilfe. Sie ist die ideale Person für Fort- und Ausbildung von Hospiz-Experten und Sterbebegleitern; „ein Glücksfall“, sagen die. Sie spricht so klug über den Tod, so souverän, auch so heiter.

Im Januar zum Beispiel hält sie dort einen Vortrag vor 150 Leuten, Titel: „Sterben für Anfänger“.

Die Zuhörer sind bewegt, viele weinen. Im Publikum sitzt auch meine Kollegin Susanne Kippenberger. Im Büro erzählt sie tags darauf von einer beeindruckenden jungen Frau. Ob wir ein Interview mit der Krebskranken machen sollten?

Die Redaktion sagt nach kurzer Diskussion ja, wir beide werden uns um das Thema kümmern. Klar ist, keiner von uns darf beim Treffen Schnupfen oder eine Erkältung haben, denn das Immunsystem von Frau Zöller ist angegriffen; erste Termine platzen aus diesem Grund.

Der Tagesspiegel wird in den Schwindel verwickelt

Noch ahnt niemand, dass der Tagesspiegel mit der Veröffentlichung am 12. April in einen unglaublichen Schwindel verwickelt werden wird.

Ende Februar schickt die 26-Jährige eine Mail: „Dieses Mal bin ich diejenige, die unseren Interviewtermin absagen muss. Mich hat letzte Woche die Virusgrippe erwischt, und am Wochenende haben sich noch eine schwere bakterielle Entzündung des Kehlkopfes und eine Mittelohrentzündung dazugesellt.

Bei einer gleichzeitigen Leukämieerkrankung sind solche bakteriellen Infekte schon eine heftige Komplikation. Ich kann kein Wort mehr sprechen und auch nur sehr eingeschränkt hören – nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Interview.“

Die Interviewte will anonym bleiben

Wir begegnen Frau Zöller schließlich Wochen später in ihrer Wohnung. Zur Vorbereitung haben wir mit Hospizhelfern gesprochen, „Arbeit und Struktur“ vom krebskranken Wolfgang Herrndorf gelesen, auch Susan Sontags „Krankheit als Metapher“, Christoph Schlingensiefs Krebsgeschichte und die anderer Autoren aus jüngster Zeit, Fritz J. Raddatz’ Todeswunsch, haben auch die Debatte um Sterbehilfe verfolgt.

Das Gespräch soll Mitte April im Tagesspiegel erscheinen. Einigen Kollegen kommen beim Korrekturlesen der zwei Zeitungsseiten die Tränen.

Die Interviewte will anonym bleiben, auf dem Porträtfoto hält sie sich die Hände vors Gesicht. Der Wunsch danach ist verständlich, nicht alle, mit denen sie beruflich und privat zu tun habe, wüssten von der schweren Erkrankung. Als Überschrift steht in der Zeitung: „Ich sterbe nicht früher, wenn ich über das mögliche Sterben spreche.“ In der Redaktion sind sich alle einig: So etwas Packendes und Anrührendes können wir selten drucken.

48 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben