Der Staat hat keine Kontrolle darüber, was gepredigt wird

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Religiöser Beistand im Gefängnis : Mit Allah hinter Gittern
Florian Niedermann
"In der Gruppe zu beten verbindet uns", sagt ein Insasse.
"In der Gruppe zu beten verbindet uns", sagt ein Insasse.Foto: Florian Niedermann

Es gibt aber auch Vorbehalte gegenüber der Gefängnisseelsorge. Zumindest in der Form, wie sie in Deutschland heute organisiert ist. Weil die muslimischen Religionsgemeinschaften keine Körperschaften des öffentlichen Rechts bilden, sind die Vereine und Verbände für die Ausbildung ihrer Imame selbst zuständig. Der Staat hat keine Kontrolle darüber, wo und wie die Seelsorger ausgebildet werden – und welche Auslegungen sie predigen.

Die Folgen zeigten sich 2013 in Berlin, als die Behörden den ersten Versuch abbrachen, eine muslimische Betreuung für Häftlinge einzurichten. 2012 hatten sich unter dem Vorsitz von Imran Sagir mehrere Verbände zur „Arbeitsgemeinschaft Muslimische Gefängnisseelsorge“ zusammengeschlossen und 28 Imame für diese Aufgabe vorgeschlagen. Der Senat unterstützte das Vorhaben. Er ließ die Seelsorger in Seminaren über das Berliner Justizsystem informieren. Doch im Jahr darauf stoppte CDU-Justizsenator Thomas Heilmann das Projekt wieder: Der Verfassungsschutz hatte „zentrale Personen“ des Trägervereins als „problematisch“ eingestuft, wie die Senatsverwaltung für Justiz damals mitteilte. Später wurde bekannt, dass gegen mehr als die Hälfte der vorgeschlagenen Imame Bedenken bestanden, einige unterhielten offenbar auch Kontakte zur islamistischen Szene.

Die muslimischen Verbände kritisierten darauf, dass die Einschätzungen des Verfassungsschutzes intransparent gewesen seien. „Weder wurde uns mitgeteilt, um welche Personen es sich handelt, noch wurde gesagt, welche Vorwürfe erhoben werden“, sagte ihr Sprecher Sagir – der heutige Imam von Plötzensee – damals. Beim zweiten Anlauf, eine religiöse Betreuung für muslimische Häftlinge einzurichten, beauftragte Heilmann daher einen Beirat, dem auch das 2005 gegründete Islamforum Berlin und der Integrationsbeauftragte des Senats angehören.

Anfang des Jahres posierten junge Ditib-Mitglieder mit dem Hassprediger Pierre Vogel

Nach wie vor in das Projekt involviert ist allerdings die „Arbeitsgemeinschaft Muslimische Gefängnisseelsorge“. Ihr gehören Verbände wie die „Initiative Berliner Muslime“ und die „Islamische Föderation Berlin“ an. Diese stehen unter Verdacht, Verbindungen zur Muslimbruderschaft beziehungsweise der türkisch-islamistischen Milli-Görüs-Bewegung zu haben.

Daniel Köhler, Direktor des Deutschen Instituts für Radikalisierungs- und Deradikalisierungsforschung, ist auch gegenüber dem von der Türkei gesteuerten staatlichen Islamverband Ditib, für den Süleyman Küçük arbeitet, skeptisch: Anfang dieses Jahres posierten jugendliche Mitglieder des Verbands bei einer Reise nach Mekka mit dem Hassprediger Pierre Vogel. Darauf angesprochen, sagt Imam Küçük, die jungen Muslime seien von den Radikalen „ausgenutzt“ und die Bilder „inszeniert“ worden.

Für Islamisten sind die hiesigen Imame verwestlichte Muslime

Köhler fordert wegen solcher Vorfälle, dass für Imame, die in Gefängnissen arbeiten, mehr Studiengänge an Universitäten geschaffen und die Seelsorger auch vom Staat angestellt werden. Solange dies nicht der Fall sei, gebe es keine zufriedenstellende Lösung: „Entweder die Behörden verwehren Seelsorgern den Zutritt in die Gefängnisse und überlassen den Salafisten das Feld, oder sie erteilen Imamen nicht staatlicher Glaubensvereine die Erlaubnis und müssen damit rechnen, dass da auch schwarze Schafe darunter sind.“ Das Land Berlin will nun an der Humboldt-Universität ein entsprechendes Institut aufbauen, um dort ab 2018 Imame für den Staatsdienst auszubilden.

Im Umgang mit Salafisten sei es wichtig, dass Seelsorger den Insassen nicht als akademische Gelehrte begegnen, die ihnen den Koran erklären, sagt Köhler: „Der Islam kennt viele Auslegungen. Ein guter Imam zeigt Alternativen auf und beharrt nicht auf der eigenen Auslegung.“ In den Augen der Radikalen stehen die hiesigen Imame im Verdacht, verwestlichte Muslime zu sein.

Wer jungen Gläubigen mit salafistischen Ansichten vorhalte, sie seien einem Irrglauben aufgesessen, bestätige in ihren Augen nur diesen Vorwurf. Stattdessen sollten Imame verschiedene Auslegungsmöglichkeiten des Korans aufzeigen. „Am Wichtigsten ist es, ein Vertrauensverhältnis zu den Gläubigen zu schaffen; gemeinsam zu beten und einen Zugang zu ihnen zu bekommen.“ Seelsorger sollten als eine Art Sozialarbeiter fungieren. Wenn ihnen dies gelinge, würden sie effektiv helfen, die Radikalisierung in Gefängnissen einzudämmen.

Im Knast müssen die Männer hart bleiben, beim Gebet nicht

In Plötzensee ist das Freitagsgebet nach etwa 40 Minuten vorbei. Die Häftlinge rollen die Gebetsteppiche zusammen, ziehen die Schuhe an und tragen die Konferenztische zurück an ihre angestammten Plätze. Einige verabschieden sich sogleich von Sagir, doch die meisten bleiben stehen und suchen das Gespräch mit ihrem Imam.

So auch Youssef, jener Insasse, der zu Beginn wegen des Duftöls ins Schwärmen kam. Er sitzt eine Strafe von zwei Jahren ab, wofür, will er nicht sagen. Er brauche das Freitagsgebet, sagt der 25-Jährige: „In der Gruppe zu beten verbindet uns. Es beruhigt mich im Alltag, man findet seinen inneren Frieden.“

Wenn er ab Herbst die Möglichkeit erhält, will er unbedingt auch Einzelgespräche mit Sagir führen. „Gegenüber den Mithäftlingen und Aufsehern müssen wir immer Männer sein, immer hart bleiben. Mit ihm ist das nicht so. Er ist herzlich und sieht uns als Menschen.“ Das sei hier ganz anders als mit den Sozialarbeitern, wirft ein anderer Häftling ein.

Es dauert fast eine Viertelstunde, bis sich alle von Sagir verabschiedet haben. Dann ist der Gebetsraum wieder nur ein karges Konferenzzimmer. Einzig ein leichter Duft nach Zitrus und Jasmin bleibt zurück.

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