Schriftsteller Erich Kästner : Kästner und der Detektiv

Am Anhalter Bahnhof kam er an, hatte eine Studentenbude am Mehringdamm, schrieb in den Cafés. Unser Autor hat die Wege Erich Kästners von Kreuzberg bis Charlottenburg neu recherchiert.

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Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes Schreib-Café. Michael Bienert hat sich in seinem Buch "Kästners Berlin" auf die Spuren des Schöpfers von Emil und die Detektive und vieler anderer in Berlin spielender Bücher gesetzt. Hier eine Galerie mit Bilder aus dem im Verlag Berlin-Brandenburg erscheinenden Buch, Untertitel: "Literarische Schauplätze". Foto: Deutsches LiteraturarchivWeitere Bilder anzeigen
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22.11.2014 23:09Erich Kästner vor dem Cafe Carlton am Nürnberger Platz, Geisberg- Ecke Nürnberger Straße, eine Zeit lang Kästners bevorzugtes...

Im August 1927 ist es so weit: Erich Kästner zieht von Leipzig nach Berlin. Hier wird er Großstadtromane wie „Emil und die Detektive“ oder „Fabian“ schreiben. So steht es in den Kästner-Biografien. Das Haus Prager Straße 17 wurde weggebombt, doch ein paar Schritte weiter an einer Kita hängt eine Gedenktafel, wenn auch mit falschen Jahreszahlen. Als Kästner hier ein Zimmer bei der Witwe Ratkowski mietete, war er 28 Jahre alt, hatte bisher in Dresden und Leipzig gelebt. Doch könnte es nicht sein, dass seine Liaison mit Berlin schon früher begann?

Die Frage führt geradewegs ins schwäbische Marbach, zum Deutschen Literaturarchiv, wo Kästners Nachlass liegt:

„Liebes Muttchen! Soeben – Sonntag, 5h nachmittags – sind wir in Berlin angekommen und wohnen im Hotel Terminus, dessen Adresse ich auf der Rückseite notiert habe (...). Kleines, verhältnismäßig billiges Gasthaus am Potsdamer Platz. Jetzt sitzen wir auf der Terrasse unseres Hotels und wollen mal ganz gründlich essen. Dann wird sich umgezogen und nachher Berlin am Abend bißchen bestaunt. Bin sehr fröhlich, wieder mal in diesem Radaunest zu sein.“

So schreibt Kästner ziemlich genau ein Jahr vor der Übersiedlung aus Leipzig. Dem 27-jährigen Redakteur der „Neuen Leipziger Zeitung“ gefällt das Nachtleben so gut, dass er beschließt, Silvester in der Hauptstadt zu verbringen. Am 31. Dezember 1926 gegen 21 Uhr steigt er am Anhalter Bahnhof aus dem Zug. Gleich gegenüber vom Bahnhofsportal am Askanischen Platz, dessen Ruine heute noch steht, quartiert er sich im Hotel Excelsior ein. Das Zimmer 555 besitzt eine tolle Badewanne: „Großartig! Ich hab andauernd in der Wanne gesessen und geplantscht. Dann bin ich in die Stadt gebummelt“, schreibt Kästner seiner Mutter. „Hab bisschen getanzt, Leute beobachtet und mich sehr wohl gefühlt. Berlin ist das einzig Richtige.“

Ein Neujahrsspaziergang führt Kästner zur Universität, dabei denkt er zurück „an jene Zeit, als mir mein Muttchen Geld nach Berlin schickte“. Er sucht Orte auf, die ihm im Winter 1921/22 wichtig waren, als er in Berlin immatrikuliert war. Aus den Kästner-Biografien ist über diese erste intensive Begegnung mit Berlin wenig zu erfahren. Vergeblich die Suche in den Briefen aus dieser Zeit: keine Berliner Adresse, nirgendwo. Erst der Silvesterrapport an die Mutter vom 3. Januar 1927 führt auf die richtige Spur. Kästner besuchte am Neujahrstag ein unauffälliges Wohnhaus in Kreuzberg mit der Adresse Belle-Alliance-Straße 26.

Seine Studentenbude lag am Mehringdamm

Die Straße heißt heute Mehringdamm. Johan Zonneveld, niederländischer Verfasser einer 2500-seitigen Kästner-Bibliografie, hat das Haus Mehringdamm 26 fotografiert, wusste aber nicht, dass sich auch die Hausnummern geändert haben. Alte Adressbücher verraten: Das Haus an der Ecke Kreuzbergstraße trägt jetzt die Nummer 72. Und es steht noch! Anders als Kästners spätere Adressen.

Ein Fund mit Folgen: Nun liest man das Kreuzberg-Kapitel in Kästners 1931 erschienenem „Fabian“-Roman mit neuen Augen. Der arbeitslos gewordene Jakob Fabian streunt darin durch Berlin, um die Zeit totzuschlagen, und besucht seine ehemalige Studentenbude: „Das Haus stand wie ein alter Bekannter da, den man lange nicht gesehen hat und der verlegen abwartet, ob man ihn grüßen wird oder nicht.“ Fabian liest die Türschilder im Treppenhaus, erinnert sich an eine Geheimratswitwe, die ihn gelegentlich zum Mittagessen einlud, und daran, dass er kein Geld zum Heizen hatte: „Vorher, damals und heute, er war stets ein armes Luder gewesen, und er hatte große Aussichten, eines zu bleiben.“

Seine Erlebnisse als Student in Berlin hat Kästner später benutzt, um die Figur Jakob Fabian mit einem Vorleben auszustatten. Im Marbacher Archiv findet sich Kästners Berliner Immatrikulationsurkunde, Seminarmitschriften und auch ein Briefentwurf von 1921 an die Studentenhilfe. Darin bittet Kästner ihm einen Nachlass auf den Mittagstisch in der Friedrichstraße 107 zu gewähren. Heute ist das die Adresse des Friedrichstadt-Palasts, früher stand dort eine Kaserne, in der nach dem Ersten Weltkrieg Finanzbehörden und eine Studentenspeiseanstalt untergebracht wurden. Auch diese Erfahrung aus der Studienzeit dichtet Kästner später seinem Romanhelden Fabian an: Der verabscheut Süßes, seit er „in der Mensa am Oranienburger Tor dreimal wöchentlich Nudeln mit Saccharin hinuntergewürgt hatte“.

Ein Schreibmuster wird sichtbar: Die Schauplätze in Kästners Berlin-Romanen haben meistens einen lokalisierbaren, persönlichen Erfahrungshintergrund. Im Kinderroman „Emil und die Detektive“ ist das besonders offensichtlich. Zumindest teilweise stenografierte Kästner das Buch auf der Terrasse des Café Josty an der Kaiserallee, heute Bundesallee, Ecke Trautenaustraße. Dort befindet sich inzwischen ein Biosupermarkt (Bundesallee 201–203). Auf der Caféterrasse wird im Roman der Dieb Grundeis von den Kinderdetektiven observiert. Die Verfolgungsjagd vom Bahnhof Zoo zum Nollendorfplatz verläuft im Halbkreis um Kästners damaliges Pensionszimmer in der Prager Straße 17. Sich selbst hat er als freundlichen Kiezbewohner mit ins Bild gesetzt: In der Straßenbahn 177 auf der Kaiserallee spendiert er dem bestohlenen Emil Tischbein aus Dresden einen Fahrschein.

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