Slavoj Žižek : „Studenten haben meistens keine Ahnung“

Und trotzdem wollen sie immer diskutieren, klagt Slavoj Žižek. Kein Wunder: Niemand sonst schlägt den Bogen von Hegel zu einem Dessousmodel

von
Slavoj Žižek
Slavoj ŽižekFoto: Laif

Herr Žižek…

…wen interviewen Sie denn sonst so für Ihr Sonntagsmagazin? Echte Stars?

Mitunter.
Oh, wen denn? Ich bin da wie ein Kind. Ich mag zwar Marxist sein, aber ein Star ist ein Star.
Sie selbst wurden in der „Zeit“ sogar als „Superstar der Kapitalismuskritik“ bezeichnet.
Mit dem Begriff Star werde ich neutralisiert. Das heißt doch nichts anderes als: Der ist ganz lustig, aber nicht ernst zu nehmen.
Das Publikum sucht bei den Philosophen Weisheit ...
... Weisheit ist mir ein Gräuel.
Sie geben den wilden Denker.
Mein Stil zu argumentieren ist ein wenig sprunghaft. Doch im Grunde bin ich ein traditioneller Hegelianer. Hegel erlebte die Französische Revolution. Er sah, wie die absolute Freiheit in Terror mündete. Ihn trieb um, wie man die progressiven Ideen weiterverfolgt, ohne in die Falle des Terrors zu geraten. Die Frage ist nach wie vor aktuell. Der Kapitalismus ist in einer Art Krise. Der Versuch, mit dem Kommunismus eine neue Welt zu errichten, endete in einer Katastrophe. Wie bleibt man dennoch der Idee eines emanzipatorischen Projektes treu?
Wie denn? Was ist Ihrer Ansicht nach zu tun?
Die Leute fragen mich immer, was zu tun sei. Zum Beispiel: Was sollten wir tun in der Ökologie? Ja, verflucht, woher soll ich das wissen?
Fehlt Ihnen die naturwissenschaftliche Expertise, um sich zu ökologischen Fragen zu äußern?
Das ist nicht der Grund. Die Mächtigen legitimieren sich heute mithilfe von technologischen Autoritäten: Vermeintliche Experten inszenieren sich als Problemlöser. Dabei ist oft schon die Art und Weise, wie ein Problem formuliert wird, irreführend. In der Ökologie ist beispielsweise von Mutter Erde die Rede. Was soll das sein? Die Prämisse einer radikalen Ökologie müsste lauten: Die Natur gibt es gar nicht. Sie ist kein harmonisches Ganzes, sondern selbst voller Katastrophen. Und das vom Einzelnen geforderte ökologisch korrekte Verhalten ist erst recht ideologisch – tu etwas für Mutter Erde, sammle deine Cola-Dosen. Das ist eine geniale Operation. Du fühlst dich schuldig, und gleichzeitig bietet man dir einen einfachen Ausweg an. Doch die wahren Ursachen bleiben unangetastet: unsere Fertigung von Waren.
Sie mögen den Ausdruck „Mutter Erde“ nicht.
Furchtbar. So ein New-Age-Mist. Es heißt immer, wir leben in postideologischen Zeiten. Aber das stimmt nicht. Überall sind Ideologien. Wir Intellektuelle müssen alles Täuschende aufzeigen.
Hans-Magnus Enzensberger nannte Intellektuelle mal „unbewaffnete Eierköpfe“.
Was meint er damit?

Ich nehme an, dass Intellektuelle sich aufspielen, aber nichts tun.
Aber man tut doch am allerwenigsten, wenn man in diese Pseudoaktivität reingerät. Dieser konstante Druck, der da aufgebaut wird, etwas zu tun, ist Teil der Reproduktion der existierenden Ordnung. Don’t talk. Just do something. Ich sage stattdessen: Lass uns nicht einfach Dinge tun. Lass uns anfangen zu reden. Wir brauchen keine Handlungsanleitung, sondern eine Diagnose.

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