„Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“

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Aktivist Jean Ziegler : „Ich bin so radikal, weil ich die Opfer kenne“
Interview: Harald Schumann,Norbert Thomma

Sie machen sich Vorwürfe?

Ja, ich war es doch, dem diese Bauern vertrauten. Und ich konnte die Hoffnungen nicht erfüllen. Erreicht habe ich nur eins: Jetzt wird wenigstens dank Geldern der Weltbank mit einer ordentlichen Kartierung Guatemalas die Voraussetzung für die Erstellung eines Grundbuchs geschaffen. Wenn sich irgendwann die Machtverhältnisse ändern, ist eine Landreform wenigstens machbar.

Ihre viel zitierte Anklage lautet: „Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ Wer sind die Mörder?

Wir alle, wenn wir schweigen. Zu den Tätern zählen auf jeden Fall die Banditen in den Banken und Hedgefonds, die an den Rohstoffbörsen mit Agrarrohstoffen spekulieren und die Preise hochtreiben. Deshalb können sich 1,25 Milliarden Menschen in den Slums, die mit weniger als 1,50 Dollar am Tag auskommen müssen, nicht mehr genug Nahrung kaufen. Diese Spekulanten sind Massenmörder.

Hungernde gab es auch, bevor die Banken die Rohstoffbörsen eroberten.

Aber dieses Raubgesindel hat auch das Finanzsystem ins Chaos gestürzt, und die westlichen Regierungen mussten dafür mehr als 1000 Milliarden Dollar bereitstellen. Gleichzeitig wurden die Beiträge zum UN-Welternährungsprogramm heruntergesetzt, das den Menschen bei akuten Krisen hilft. Die Folge ist, dass, nur zum Beispiel, in Nordkenia die Helfer jeden Tag Hunderte von Familien zurückweisen müssen, weil sie von den reichen Regierungen des Nordens nicht genug Geld bekommen, um das teure Getreide zu kaufen. Und …

Spekulation ist allenfalls eine von vielen Ursachen.

… dazu kommt der Wahnsinn mit den Agrartreibstoffen. Die Amerikaner verbrennen 40 Prozent ihrer jährlichen Maisernte in Automotoren. Und auch in Europa werden zig Millionen Tonnen Getreide zu Biodiesel, Bioethanol und Biogas verarbeitet. Das bringt für den Klimaschutz gar nichts, ist jedoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, solange so viele Menschen hungern. Nur die Agrar- und Energiekonzerne verdienen daran.

Von den weltweit agierenden Agrarhandelskonzernen wie Cargill oder Glencore behaupten Sie sogar, deren Chefs würden entscheiden, wie viele hungern müssen. Beweisen können Sie das nicht.

Doch. Nahrung bekommt nur, wer sie bezahlen kann. Und diese Konzerne kontrollieren 85 Prozent des Handels mit Grundnahrungsmitteln und beherrschen so die Preisbildung.

Das würde nur als Kartell gehen.

Natürlich stimmen die sich ab! Ein Markt, auf dem so wenige Akteure so große Mengen handeln, da finden sich auch ohne Verschwörung im Hinterzimmer subtile, oligopolistische Arrangements.

Der allergrößte Teil der Welternten wird in den Ernteländern selbst vermarktet. Damit haben Ihre bösen Konzerne nichts zu tun.

Indirekt schon, denn sie fixieren den Weltmarktpreis, an dem sich alle nationalen Märkte ausrichten. Ich habe selbst mitbekommen, wie die Weizenproduzenten in Kasachstan oder die Reishändler in Nigeria ihre Preise völlig daran orientieren.

Der frühere Chef des Nahrungsmittelriesen Nestlé, Peter Brabeck-Letmate, wirft Ihnen „ideologisch getriebene Polemik“ vor. Tatsache sei, „dass wir jede Sekunde zwei Menschen mehr zu ernähren und 0,2 Hektar Agrarfläche weniger zur Verfügung haben“. Darum würden Lebensmittel immer teurer.

Ach, der Brabeck. Der fühlt sich angegriffen und sagt, er sei der falsche Gegner. Er ist ein kluger Mann, aber doch auf der falschen Seite. Natürlich ist der demografische Druck nicht zu bestreiten. Und doch gibt es einen Überfluss an Nahrung. Es sind die Strukturen, die strukturelle Gewalt, die den Armen den Zugang verwehren. Und die Institutionen der reichen Länder machen es fortwährend schlimmer.

Schon wieder so ein pauschaler Vorwurf.

Nein, es ist immer dasselbe: Ein Land ist überschuldet, dann kommen der IWF und die Weltbank und sagen, ja, ihr müsst eben die Baumwollfelder vergrößern oder andere Exportkulturen, um das Geld zu verdienen für den Schuldendienst. Im Ergebnis gibt es weniger Hirse, weniger Tomaten, weniger Reis. Und besonders schlimm ist das „land grabbing“, also der Verkauf von zig Millionen Hektar Bauernland an ausländische Investoren. In Afrika sind deswegen 2011 die Bauern von 41 Millionen Hektar Land vertrieben worden. Die Weltbank finanziert solche Projekte mit der perfiden Begründung, die ansässigen Bauern seien nicht so produktiv wie die Agrarunternehmen.

Sie schreiben selbst, Afrikas Landwirtschaft ist so produktiv wie die europäische im Mittelalter. 600 Kilo Ertrag pro Hektar dort, 10 000 Kilo hierzulande.

37 von 54 afrikanischen Staaten sind Agrarländer. Diese Bauern sind nur deshalb wenig produktiv, weil die Staaten unter ihrer Schuldenlast leiden und nicht in die Landwirtschaft investieren konnten. Den Menschen ist nicht geholfen, wenn die Konzerne dort für den Weltmarkt produzieren. Stattdessen müssten die Staaten entschuldet werden, damit sie den Kleinbauern die nötigen Mittel für Dünger, Lagerhaltung und Transport zur Verfügung stellen können. Das Ziel muss die Selbstversorgung in den armen Ländern sein.