Interview mit Nir Baram : „Israel ist die Blase, Tel Aviv ist authentisch“

Für die Situation seiner Heimat hat Nir Baram starke Worte: Ghetto, Apartheid. Warum er die Armee öde findet, Körperkult am Strand meidet und sich Patriot nennt.

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Der Schriftsteller Nir Baram, 36, stammt aus einer bekannten israelischen Politikerfamilie. Sein Vater war unter Rabin Minister für die Arbeiterpartei. Baram wuchs in Jerusalem auf, er begann 1998 zu schreiben. Sein aktueller Roman „Gute Leute“ erschien bei Hanser. Er lebt in Tel Aviv. Thilo Rückeis
Der Schriftsteller Nir Baram, 36, stammt aus einer bekannten israelischen Politikerfamilie. Sein Vater war unter Rabin Minister...Thilo Rückeis

Herr Baram, halten Landsleute Ihnen ab und zu vor, ein „smolan Bogad“, ein linker Verräter, zu sein?

Vor kurzem war ich auf einer Lesereise in den Niederlanden und habe auch die zionistische Frauenvereinigung in Amsterdam besucht. Da fragte mich eine Frau: Warum helfen Sie den Gojim?

Den Ungläubigen – allen, die nicht jüdisch sind.

Ich sagte ihr: Ich unterscheide nicht zwischen jüdisch und nicht jüdisch. Das gehört nicht zu meinem Wortschatz. Ja, vielleicht halten mich andere für einen Verräter. Aber ich bin ein Patriot, ich kämpfe für einen demokratischen Staat Israel.

Ihre Vision sieht anders aus als die heutige Realität.

Völlig. Wir brauchen einen israelischen Staat, der alle miteinbezieht – die palästinensischen wie die jüdischen Israelis. Nur ist so eine Meinung nicht sehr beliebt. Israel hält sich mit Diskussionen darüber auf, wie man einen jüdischen Staat bewahren kann. Zu Israel gehören mehr Menschen als nur Juden.

Und wie viele Menschen teilen Ihre Meinung?

Vielleicht 100 000.

Recht wenig bei acht Millionen Einwohnern.

Wenn wir uns alle an einen Tisch setzen und darüber sprechen, werden es mehr. Wollen wir in einem jüdischen Ghetto leben, das von Mauern umgeben ist? Vor drei Jahren war ich mit einem palästinensischen Freund in Berlin. Wir waren Teil einer israelischen Autorengruppe, fuhren zusammen zum Flughafen Schönefeld, und dort angekommen, fischten israelische Sicherheitskräfte sofort meinen Freund heraus, weil er einen arabischen Namen hat. Sie trennten ihn von uns und verhörten ihn zwei Stunden lang. Wir protestierten, schrien die Beamten an, erklärten ihnen, dass er einen israelischen Pass besaß, es half nichts.

1,5 Millionen Palästinenser haben die israelische Staatsbürgerschaft. Wie hat Ihr Freund reagiert?

Als er wieder zu uns stieß, sagte er: Das war das kürzeste Verhör, das ich je am Flughafen hatte – vielen Dank für eure Hilfe! In jenem Moment wurde mir klar, dass jeder palästinensische Israeli diese Situation kennt, wenn er fliegen will. Für ihn ist der Flughafen eine Apartheid-Zone.

Sie sprechen von Rassismus.

Unter jüdischen Jugendlichen ist es cool, rassistisch zu sein. Schüler erzählten mir ganz selbstverständlich: Wir sollten alle Palästinenser aus Israel abschieben. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht fehlt den Linken einer mit Charisma.

Es gibt doch eine jüdisch-palästinensische Partei.

Ja, die in ihrem Stil an die Breschnew-Ära erinnert. Ich möchte meine Stimme in Zukunft einer sozialdemokratischen jüdisch-palästinensischen Partei geben können.

Angeblich wollen Sie eine gründen.

Freunde und ich haben angefangen, darüber zu reden. Sie wissen ja, in linken Gruppierungen wird gern diskutiert.

Hat die Frage, wie man Palästinenser miteinbezieht, die Parlamentswahl im Januar beeinflusst?

Nein, das denken nur Europäer. Die fragen gern: Was sagt der Wahlausgang über die Besatzung aus? Sie meinen damit die seit 1967 israelisch besiedelten Gebiete im Westjordanland, Ostjerusalem, den Gazastreifen, die Golanhöhen. Ich antworte: Nichts. Null. Gar nichts. 77 Prozent der Israelis interessiert das Problem nicht. Wer Yair Lapid gewählt hat, denkt nicht an die Besatzung.

Der ehemalige Talkshow-Master, gutaussehend und ein Star, hat aus dem Stand 11,6 Prozent der Stimmen geholt und ist damit zweitstärkste Kraft in der Knesset hinter Netanjahu geworden.

Weil sich eine Art Postbesatzungsbewusstsein entwickelt hat. Mitte der 90er Jahre hatten wir dieses großartige Projekt, in Nahost Frieden zu schaffen. Es ist gescheitert. Wir haben keine neue Vision, wie wir den Prozess in Gang kriegen können. Also gucken viele lieber auf die Innenpolitik. Deshalb ist Lapid so erfolgreich und so gefährlich.

Was ist an ihm gefährlich?

Er legt sich nicht fest. Er denkt darüber nach, einen Pakt mit der Siedlerpartei zu schließen. Diese Partei halte ich für eine Bedrohung der Demokratie: Sie will die besetzten Gebiete dauerhaft erobern, israelische Dörfer und Städte da errichten.

Sie werfen Lapid Indifferenz vor?

Wir müssen uns die Frage stellen: Wollen wir ein demokratisches System oder eine Art Apartheid? Das sind die Optionen. Lapid interessiert diese Frage nicht. Er will die Mittelschicht stärken, Steuern senken. Okay, ich werde mir nie eine eigene Wohnung in Tel Aviv leisten können. Das empfinde ich aber nicht als grundlegendes Problem.

Gerade an der Wohnungsnot und den hohen Mieten haben sich im Sommer 2011 soziale Proteste in Tel Aviv und anderen Städten entzündet.

Daran knüpft Lapid an. Sein Programm lautet: Die Mittelschicht hat Besseres verdient. Die Mehrheit der Demonstranten wollte keine Veränderung des Systems, sie kämpfte für günstige Mieten.

Sie haben also nicht demonstriert.

Doch. Weil ich glaubte, dass die Proteste ein Überdenken unseres gesamten Systems zur Folge hätten. Allein wie die Armee unsere Ressourcen auffrisst! Sie erwürgt uns, weil sie so viel Geld für eingebildete Bedrohungsszenarien ausgibt, für neueste Flugzeuge, die wir nie einsetzen werden.

2011 gingen 6,5 Prozent von Israels Bruttoinlandprodukt für Verteidigung drauf. Das Land gilt nun mal nicht als sicher, umgeben von Feinden.

2012 war eines der sichersten Jahre. Es gab keine Selbstmordattentate in Bussen, kein Israeli starb durch Angriffe aus der Westbank. Wenn es so ruhig ist, fällt es leichter, Bedenken über die Besatzung wegzuwischen und auf Demonstrationen harmlose Dinge zu fordern: mehr Wohnraum, dass Eltern ihre Kinder ab drei Jahren in den Kindergarten schicken können und dass die orthodoxen Juden auch Wehrdienst leisten müssten.

Sie sind gegen eine Gleichbehandlung der Orthodoxen?

Damit kämen 10 000 junge Menschen zusätzlich in die Armee. Na und? Die Armee braucht sie nicht. Das sage ich aus eigener Erfahrung. Als ich vor 15 Jahren meinen Wehrdienst geleistet habe, gab es in meiner Kaserne 5000 Menschen, von denen 4000 nichts taten. Sie saßen in Büros herum, telefonierten, trugen Akten von A nach B.

Sie waren ein „problematischer Soldat“, so schreiben Sie selbst.

Ich ging auf eine konservative Oberschule in Jerusalem, alle meine Mitschüler wollten zu den Spezialkommandos. Dafür hatte ich keinen Ehrgeiz. Zum Schluss diente ich in einem Panzermuseum, wenige Kilometer westlich von Jerusalem, ging an Schulen und warb für das Museum. Wenn ein Lehrer mal sagte, er möge dieses Militärgehabe nicht und wolle nicht, dass seine Klasse uns besuche, war ich heimlich froh.

Haben Sie in der Armeezeit auch etwas gelernt?

Die Armee bringt den Leuten das Betrügen bei. Jeder Soldat will um 14 Uhr nach Hause gehen, nicht erst um 17. Wir erfanden Ausreden wie „Meine Großmutter ist krank“ oder „Ich muss zum Gedenkgottesdienst für meinen Großvater“.

Dies wollen Sie den Orthodoxen ersparen?

Ich mag nicht, wie Orthodoxe dämonisiert werden.

Die „Financial Times“ nannte Yair Lapid eine „politische Sensation“. Ist er für Sie eher ein Berlusconi oder ein Obama?

Er ist eine smartere Version von Reagan. Mann aus dem Fernsehen, tolles Auftreten, guter Kommunikator. Lapid spricht von einer neuen israelischen Gesellschaft, wohingegen Netanjahu ständig vom Holocaust redet. In seinen Bildern ist er immer nur einen Schritt von Auschwitz entfernt. „Wir werden uns niemals so schwach und verteidigungslos fühlen wie 1939“ wäre ein typischer Satz. Lapid ist pragmatischer, ohne die historischen Referenzen. Er beginnt Reden oft mit Anekdoten: „Neulich habe ich diese Lehrerin getroffen, und sie erzählte mir Folgendes…“

Beide Politiker gehören zur liberalen bis konservativen Mitte. Wo gedeihen linke Ideen überhaupt?

Nur in Tel Aviv. Wenn Sie die Stadt allein betrachten und mal vom Land trennen, sehen Sie eine multikulturelle Gesellschaft. Einige Schulen und Kindergärten besuchen jüdische und palästinensische Kinder. Das ist in anderen Landesteilen undenkbar. Die Israelis außerhalb der Stadt hassen Tel Aviv. Viele behaupten, es wäre eine Blase...

... weil die Stadt so hedonistisch ist, obwohl eine Stunde Autofahrt entfernt der Gazastreifen mit all seinen Problemen liegt...

... doch eigentlich ist es andersherum. Israel ist die Blase, Tel Aviv der einzige Ort, der authentisch ist. Es ist unsere einzige Stadt, die mit anderen Metropolen etwas gemeinsam hat. Sie ist modern, kulturell, nimmt Trends auf. Jeden Abend gibt es hunderte Veranstaltungen, Konzerte, Lesungen, Partys, Galerieeröffnungen. Sie können kolumbianische, palästinensische, israelische, europäische Künstler sehen, manchmal sogar auf denselben Veranstaltungen…

… und Sie können bis zum Umfallen feiern!

Ja, es ist eine Partymetropole. Israel braucht einen Ort, in dem man nicht von der Bibel, dem Heiligen Land und über jüdische Überlegenheit redet. Ich finde, die Stadt ist eine israelische und keine jüdische.

Und alle Menschen treffen sich am Meer.

In Tel Aviv gehe ich nie an den Strand, ich mag diesen Körperkult nicht. Ich gehe auch in kein Fitnessstudio, nur manchmal spiele ich Fußball. Lieber bleibe ich zu Hause und treffe Freunde.

Sie fühlen sich trotzdem frei in Tel Aviv.

Obwohl ich die Stadt zuerst nicht mochte. Als Kind wurde uns eingebläut, die Menschen in Tel Aviv seien oberflächlich. In Jerusalem lesen wir Proust, in Tel Aviv kaufen sie Zeitschriften. Ich mochte es erst auch nicht, immer nur diese schönen Körper um einen herum. Jetzt finde ich, Tel Aviv ist die größte Errungenschaft des Zionismus.

Eine Stadt, in der Menschen über Facebook Netanjahu aufforderten: „Bibi, zieh nicht in den Krieg mit Iran, bevor Madonna am 29. Mai auftritt.“

Nie gehört, das hätte ich nicht unterschrieben. Nur, wenn es um die Rockband Guns’n’Roses gegangen wäre, hätte ich das getan. Ich habe sie mal 1995 in Tel Aviv gesehen, großartig!

Sie nutzen Facebook eher für Aufrufe.

Ich habe eine Seite, auf der ich politische Artikel schreibe. Für Zeitungen tue ich das kaum noch, sie zahlen so schlecht. Ende der 90er Jahre habe ich für einen Text 150 Euro bekommen, heute kriege ich 25 Euro für dieselbe Arbeit. Außerdem muss ich mich nicht mit einem Redakteur rumstreiten, der da und dort kürzen möchte.

Die Medien seien zensiert, behaupten Sie sogar.

Ja, weil es keine Vielfalt gibt. Wir haben kein Nachrichtenmagazin wie den „Spiegel“, es gibt nur wenige politische Fernsehformate und vier Tageszeitungen. Davon sind drei parteiisch, höchstens die liberale „Haaretz“ ist unabhängig. In allen Medien kommen bestimmte Gruppierungen wie die Palästinenser in Israel kaum vor. Als das Fernsehen im Januar von der Wahl berichtete, schickten die Sender Reporter zu allen Parteizentralen, sogar zu den verrückten kleinen Parteien, die keine Sitze bekommen haben. Niemand berichtete von Chaddasch, der Partei der palästinensischen Israelis. Das ist eine perfide Art zu sagen, palästinensische Israelis gibt es eigentlich nicht. Ich dachte, das würde nach den Demos aufhören. Nichts ist passiert. Ich bin enttäuscht.

Verachten Sie Ihre Generation?

Wir handeln einfach nicht entschlossen genug. Niemand will mehr in die Politik gehen, sondern lieber in den Kulturbetrieb. Wir haben zwar politische Meinungen, sind jedoch nicht gewillt, für sie einzustehen.

Immerhin schreiben Sie offene Briefe an den Justizminister oder setzen sich für das Asylrecht von sudanesischen Flüchtlingen ein…

Das ist nicht genug!

Werden Sie Politiker.

Will ich nicht. Als ich jung war, wollte meine Mutter, dass ich Jurist werde und eine Frau mit einem Namen wie Claudia heirate. Mein Großvater kam aus Ägypten, meine Großmutter war eine spanische Siedlerin, und meine Mutter glaubte daher, sie sei Europäerin. Jetzt bin ich Schriftsteller, und meine Freundin heißt Tamar – ein sehr jüdischer Name. Das ist eine große Schwäche vieler Israelis: Sie sehen sich als Europäer. Auch in der Literatur.

Haben Sie ein Beispiel?

Einige Schriftsteller schreiben darüber, wie das Laub in Tel Aviv fällt, wie mit dem Herbst der Wind durch die Straßen fegt. Wir haben diese Jahreszeit doch gar nicht. Das ist eine aus Europa importierte Stimmung. Wir spielen Fußball in der europäischen Liga, singen beim Eurovision Song Contest mit und lesen Bücher aus Frankreich, Deutschland oder England. Das ist ein ernstes Problem. Wir müssen uns endlich mit dem Gedanken anfreunden, dass wir Teil des Nahen Ostens sind.

So wie die Palästinenser…

… zu denen ich ein gutes Verhältnis habe. Ich habe viele palästinensische Freunde, neulich bin ich zu Besuch in Ramallah gewesen.

Die israelische Regierung verbietet Ihnen, in einige palästinensische Städte zu fahren, damit Ihnen nichts passiert. Nie schlechte Erfahrungen gemacht?

Nur ein einziges Mal. Mit 21 bin ich aufs Land gefahren. Als es Stau gab, bin ich links abgebogen in ein kleines Dorf, und plötzlich bemerkte ich, dass Menschen Steine auf mein Auto warfen. Die Windschutzscheibe und das Seitenfenster gingen kaputt, ich fuhr so schnell wie möglich weiter. Manche fragten mich: Und trotzdem bist du ein linker Liberaler? Natürlich. Ich bin für eine Zweistaatenlösung. Dieses Gebilde Israel, das wir seit 67 Jahren bewohnen, soll bleiben. Wir müssen es nur verändern.

Der Schriftsteller Amos Oz sagte einmal, er könne nicht gut in deutschen Hotelbetten schlafen, weil er den Holocaust im Hinterkopf hat. Wie werden Sie heute Abend schlafen?

Wenn ich nach Berlin komme, sehe ich sofort die dunklen Bilder vor mir: die Militärparaden, das Hakenkreuz, Bilder aus Büchern und Filmen. Das kann ich nicht komplett vergessen. Ich werde trotzdem gut schlafen.

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