Spionage : Spione, Trickser und ein General

Reinhard Gehlen galt als meisterhafter Agent, er war erster Chef des Bundesnachrichtendienstes. Seine Karriere begann er noch im II. Weltkrieg. Gleich am Anfang saß er einem Schwindler auf, der vor allem eines wollte: die Nazis überleben.

Winfried Meyer
Reinhard Gehlen, erster Chef des BND, auf einem Foto aus den 70er Jahren.
Reinhard Gehlen, erster Chef des BND, auf einem Foto aus den 70er Jahren.Foto: IMAGO/Sven Simon

Bereits zu Lebzeiten war er eine geheimnisumwitterte Legende, der „Mann ohne Gesicht“. Kurz vor seinem Tod 1979 bezeichnete ihn ein britischer Autor gar als „Deutschlands Meisterspion“, mehr noch, als „Spion des Jahrhunderts“: General Reinhard Gehlen, erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), des Auslandsgeheimdienstes der Bundesrepublik Deutschland. Hervorgegangen war der BND 1956 aus einer zuvor aufgestellten Truppe, die Gehlen nicht nur geleitet hatte, sondern die sogar seinen Namen trug: „Organisation Gehlen“.

Für seine dominierende Rolle im westdeutschen Geheimdienst der Nachkriegszeit hatte sich Gehlen ausgerechnet in Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion empfohlen, als Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“. In dieser Position war er im Oberkommando des Heeres für die Analyse und Prognose der operativen Absichten der sowjetischen Streitkräfte zuständig gewesen. Schon da hatte er begonnen, am Mythos der eigenen Unfehlbarkeit zu feilen. In seinen 1971 erschienenen Memoiren „Der Dienst“ behauptete er gar, mit seinen Analysen des Feindes im Osten zwischen 1942 und 1968 immer richtig gelegen zu haben, ob deren Empfänger nun Adolf Hitler, die Amerikaner oder die deutsche Bundesregierung gewesen waren.

Erstaunlich, dass niemand diese Lesart nachhaltig hinterfragte. Erst vor fünf Jahren berief der BND selbst eine unabhängige Historikerkommission, um die Entstehungs- und Frühgeschichte des Dienstes umfassend wissenschaftlich zu erforschen – und damit auch die Person Gehlen zu entschleiern. Ob die Abschlussberichte der Kommission wie angekündigt noch in diesem Jahr erscheinen können, ist ungewiss, weil der Bundesnachrichtendienst sich vehement dagegen sperrt, dass die Historiker auch Klarnamen von Agenten des Dienstes angeben. Schon jetzt jedoch ist das Bild vom unfehlbaren Meisterspion unhaltbar.

Die Pläne waren den Sowjets längst bekannt

Bereits Anfang September 1943 musste Gehlen als oberster Feindlagebearbeiter des deutschen Heeres eine Art Offenbarungseid leisten: Im Juli 1943 war in der größten Panzerschlacht der Geschichte im Kursker Bogen die letzte deutsche Großoffensive im Osten auch deswegen gescheitert, weil die Pläne den Sowjets lange vorher bekannt gewesen waren. Die Deutschen gerieten in die Defensive, umso dringlicher waren von Gehlens Abteilung realistische Hinweise auf Ort, Zeit und Stärke sowjetischer Angriffspläne gefordert. Doch ausgerechnet in dieser Situation musste Gehlen eingestehen: „Durch Ausfall der wichtigsten Quelle fehlen zurzeit Abwehrmeldungen über die Absichten des Gegners.“ Angewiesen war man nun „zu einem erheblichen Teil auf Schlussfolgerungen rein gedanklicher Art“.

Seit seinem Amtsantritt im April 1942 hatte sich Gehlen immer stärker auf die vom Nachrichtendienst der Wehrmacht gelieferten „Max“-Meldungen gestützt. Diese informierten über die Verlegung sowjetischer Truppen, die Lage und Belegung von Flugplätzen, berichteten zeitnah aber auch über strategische Beschlüsse des sowjetischen Generalstabs unter dem Vorsitz Stalins. Nach anfänglicher Skepsis hielt Gehlen die „Max-Meldungen“ für so zuverlässig, dass er ihnen auch dann Glauben schenkte, wenn sie allein durch weitere „Max-Meldungen“ bestätigt zu werden schienen.

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Geliefert wurden sie von einem V-Mann mit dem Decknamen „Klatt“. Der betrieb für die Abwehrstelle Wien in der bulgarischen Hauptstadt Sofia den „Luftmeldekopf Südost“ und war in eingeweihten Kreisen des Nachrichtendienstes der Wehrmacht als „der Jude Klatt“ bekannt. Dahinter verbarg sich der ehemalige Wiener Immobilienmakler Richard Kauder, Sohn eines vom Judentum zum Katholizismus übergetretenen Militärarztes der k.u.k.-Armee.

Um der Gestapo zu entkommen, wurde er Spion

Seit dem sogenannten Anschluss Österreichs galt Kauder nach den NS-Gesetzen als „Volljude“. Er erkannte die Gefahr, floh nach Ungarn, wurde aber abgeschoben. Anfang 1940 nahm ihn die Wiener Gestapo in Haft. Doch der Leiter der Abwehrstelle Wien, ein katholisch-konservativer Hitler-Gegner und Freund von Kauders verstorbenem Vater, befreite ihn. Um sich und seiner Mutter weiter den Schutz der Abwehrstelle Wien vor rassistischer Verfolgung zu sichern, trat Richard Kauder als V-Mann „Klatt“ in die Dienste der Abwehr.

Aus Sofia funkte er ab dem Herbst 1941 eine immer größere Zahl von Nachrichten sowohl aus dem Hinterland der sowjetischen Front als auch aus dem britischen Einflussgebiet im Nahen Osten und Nordafrika nach Wien, die zur Unterscheidung ihres geografischen Bezugs als „Max“- bzw. „Moritz“-Meldungen gekennzeichnet waren. Seine Informationen bezog Kauder von dem Exilrussen Longin Ira, den er als Mithäftling auf seiner Flucht im Budapester Stadtgefängnis kennengelernt hatte.

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