Teppich von Bayeux : Stoff für die Geschichtsbücher

Im Oktober 1066 gelang den Normannen die Invasion Englands. Damit jeder davon erfuhr, entstand der Teppich von Bayeux – einer der ersten Comicstrips der Welt.

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Szenen der Schlacht. Die Bogenschützenschießen, die normannische Reiterei greift an.
Szenen der Schlacht. Die Bogenschützenschießen, die normannische Reiterei greift an.Abbildung: Avec autorisation spéciale de la Ville de Bayeux, wikimedia

Eine der seltsamsten Szenen in dieser an seltsamen Szenen nicht eben armen Geschichte ist folgende: Während das gegnerische Heer anrückt, das Schicksal eines Königreichs auf dem Spiel steht, geraten zwei Soldaten beim Buddeln ihres Grabens in Streit und ziehen sich gegenseitig die Schippe über den Kopf. Eine Randnotiz, wenn überhaupt. Trotzdem hielt der Chronist sie für so wichtig, dass er sie der Nachwelt übermittelte.

Szenen wie diese haben dem Teppich von Bayeux den Ruf eingebracht, so etwas wie der erste Comicstrip der Weltgeschichte zu sein, 950 Jahre alt und durchgehend in Farbe. Wobei „Strip“ zu klein klingt für eines der großartigsten in dieser Vollständigkeit erhaltenen Werke des Mittelalters. Der „Streifen“ erzählt auf 70 Metern Länge und 50 Zentimetern Höhe in bunten Bildern, wie die Normannen England eroberten.

Die Handlung beginnt etwa im Jahre 1064 mit der Vorgeschichte und endet mit der Schlacht bei Hastings, in der Englands König Harald am 14. Oktober 1066 seine Brüder, die Krone und unter den Pfeilen und Schwertern seiner Feinde das eigene Leben verliert. Neuer König ist sein Kontrahent, Wilhelm, Herzog der Normandie. Es ist zugleich die bis heute letzte erfolgreiche Invasion Englands – mit nachhaltigen Folgen für Sprache und Kultur der britischen Inseln.

Wer dann den Teppich in Auftrag gab und wann er gefertigt wurde, ist Gegenstand kontroverser Diskussionen unter Experten. Wahrscheinlich war es Odo, der Bruder des siegreichen Wilhelm. Denn obwohl er doch eher eine Randfigur war, taucht er auffällig oft mitten im Geschehen auf. Die Ereignisse dürften noch in guter Erinnerung gewesen sein. Vieles spricht dafür, dass sogar Augenzeugen am Teppich mitgewirkt haben.

Der erste Spielfilm der Weltgeschichte

Natürlich gefällt der Begriff „Comic Strip“ heutigen Historikern nicht. Es gibt auch keine Sprechblasen, keine Lautmalereien wie „smash“, „boom“, „seufz“. Der knappe lateinische Begleittext, der sich mit seinen Kommentaren zuweilen um die Figuren schmiegt, kommt allerdings einer Sprechblase schon recht nahe. Doch wer jemals den echten Teppich in dem eigens zu diesem Zweck eingerichteten Museum in Bayeux betrachtet, gewinnt den Eindruck, sogar noch etwas viel Moderneres zu sehen als einen Comic: nämlich den ersten, fast 1000 Jahre alten Spielfilm der Weltgeschichte.

In Bayeux, einer Kleinstadt in der Normandie im Nordwesten Frankreichs, wird der Teppich in einem dunklen Raum hinter Glas präsentiert. Einzige Lichtquelle sind die Spots in der Vitrine. Der Besucher schreitet die Bilder in einem 70 Meter langen Bogen ab, ein Audioguide gibt ihm das Tempo vor. Dabei entsteht tatsächlich die Illusion, nicht man selbst bewege sich, sondern die Handlung.

Die entfaltet sich kontinuierlich von links nach rechts. Eine Szene greift in die andere, keine abrupten Orts- oder Zeitwechsel hemmen den Fluss, keine trennenden Balken müssen das Geschehen gliedern. Wenn überhaupt, übernehmen ins Bild gesetzte Architekturfragmente oder Bäume diese Funktion.

Zweimal gibt der unbekannte Künstler seinen gewohnten Duktus auf, dreht sich die Handlung von rechts nach links. Zum Beispiel, als Herzog Wilhelm von der Gefangennahme Haralds durch einen abtrünnigen normannischen Grafen erfährt. Er schickt seine Boten los, um Haralds Freilassung zu fordern. Und die reiten nach links, dorthin, wo Harald in Gewahrsam genommen wurde.

Das ist kein Fehler im Teppich, wie lange geargwöhnt wurde, sondern die angemessene Form der Darstellung zweier Ereignisse, die sich nahezu gleichzeitig abspielten. Das verleiht dem Ganzen eine besondere Dynamik.

Die Normannen frisierten sich einen Undercut

Es gibt keine vergleichbaren mittelalterlichen Darstellungen. Das Ganze dürfte eine ungeheure Wirkung auf die Zeitgenossen gehabt haben. Und für die Gegenwart hat der Teppich das Bild geprägt, das man sich heute von Angelsachsen und Normannen macht.

Wir wüssten sonst wenig über den Schiffsbau in der Normandie und noch weniger darüber, wie die Normannen im elften Jahrhundert ihr Haar trugen. Populär war offenbar eine Art Undercut, bei dem Seiten und Nacken ziemlich hoch ausrasiert wurden, während das Deckhaar lang blieb. Eine Szene zeigt Reiter, die mit bloßem Haupt zum Galopp übergehen, und im Wind weht ihr Haar nach hinten. Die frühen Engländer hingegen pflegten wohl anders als die Normannen ihre Gesichter nicht vollständig zu rasieren, stattdessen einen dünnen Schnauzbart zu tragen.

Der Teppich wurde nicht geknüpft, es handelt sich um einen bestickten Wandbehang aus Leinen, wobei nicht ganz klar ist, für welche Wand er jemals gemacht wurde. Vielleicht wurde er auch als Rolle transportiert und bei Bedarf vor dem Volk abgespult, wie ein Film eben. Er will keineswegs nur belehren, sondern ganz offensichtlich auch unterhalten.

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