Tresor-Gründer Dimitri Hegemann : „Wer nur aufs Geld guckt, macht Fehler“

Dimitri Hegemann wäre gern Professor für Subkultur und tanzt nie zu Techno. Einst war der Club-Chef stolz auf den West-Berliner Ausweis und fand die Mauer gut.

von und Felix Denk
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Dimitri Hegemann, 60, gründete den Techno-Club TresorFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Hegemann, wir befinden uns im Keller eines alten Kraftwerks in Mitte. Die Decke ist niedrig, die Wände aus Beton, überall stehen verrostete Schließfächer. Um hier zu feiern, kommen jeden Samstagabend hunderte Leute aus aller Welt her.

Das ist gut so, aber Berlin wird manchmal missverstanden: als Ballermann. Das schafft auch Probleme. Da kommen Gruppen, die extra vorglühen. Zehn Jungs, voll auf Alkohol, die schon in der Schlange Stress machen, die will ich nicht haben.

Ihr Publikum ist zwischen 18 und 30 Jahren. Können Sie mit dem etwas anfangen?

Nein, kann ich natürlich nicht. Ich bin 60. Mir gefällt nach wie vor die Energie der Leute. So ein Techno-Club bringt Welten zusammen. Theatermacher, Philosophen, Elektriker, dieses Zwanglose der Parallelwelt, dieser Schutzraum hinter der Tür lockt die Jungen an.

Schlägt man die „zitty“ auf, stehen dort für Samstag 30 Techno-Partys. Gibt es zu viele Clubs?

Das könnte sein. Aber es würde ganz schnell viel weniger geben, wenn eine Sache passiert, nämlich die Sperrstunde wieder eingeführt wird. Das gäbe einen Dominoeffekt. Easyjet, Hostels, Gastronomie, Clubs. Das Berliner Nachtleben würde zusammenbrechen. Ich glaube, 60 Prozent aller Besucher kommen wegen der alternativen Kultur nach Berlin – und nicht wegen der Shoppingmalls. Die Rolex kannst du auch in Dubai kaufen, aber Clubs wie in unserer Stadt findest du dort nicht.

Der Tresor war einer der ersten Techno-Clubs Berlins.

Als wir 1991 anfingen, hatten wir fast eine Alleinstellung. Es gab drei Clubs, die eine ähnliche Spielstätte hatten, heute blicke ich da nicht mehr durch und kenne die auch nicht alle. Ich gehe selten aus.

Ihr Büro ist über dem Tresor, im ersten Stock des Kraftwerks in der Köpenicker Straße.

Da bin ich nicht mehr jeden Tag. Ich habe ein tolles Team, das den Laden führt.

Was machen Sie?

Ich arbeite an der Berlin-Detroit-Connection, ein Kulturaustausch zwischen beiden Städten. In einem weiteren Projekt würde ich gerne mein Wissen in einer Akademie für subkulturelles Unternehmertum an junge Menschen weitergeben.

Wie soll die aussehen?

Es gibt nach wie vor Menschen wie mich aus der Provinz, die zwischen Aussteiger und Dorftrottel wandeln, die Welt verändern wollen und in ihrer Stadt nicht verstanden werden. Diese Leute möchte ich auffangen. Zehn Studenten pro Jahr, ich erzähle denen, wie ich den Tresor aufgebaut habe, dann laufen sie hinter mir her und machen ihre Erfahrungen. Das wäre toll, hier eine Art Harvard für Subkultur zu etablieren: Wie mache ich aus einer Mülltonne ein Unternehmen?

Erzählen Sie es uns. Was braucht man, um einen Club lange erfolgreich zu machen?

Einen ungewöhnlichen Raum, der bezahlbar sein muss, und einen ewigen Mietvertrag. Ein guter Club reift wie ein guter Wein.

Mehr nicht?

Hätte der Club 1991 nicht diesen Raum am alten Standort gehabt, diese verrostete Stahlkammer unter dem ehemaligen Wertheim-Gebäude am Leipziger Platz, wäre er nicht so populär geworden.

Sie haben das Haus im Herbst 1990 zum ersten Mal betreten, nachdem einer Ihrer Freunde auf der Leipziger Straße im Stau stand und es entdeckte ...

... weil wir einen Club im Osten suchten, der Westen war ausgebucht. Die beiden Freunde haben einen Hausmeister gefunden, der ihnen die Schlüssel gab. Als wir dann durch die Doppeltür hineingingen, sah alles furchtbar aus: ein rechteckiger Grundriss, alles parzelliert mit blöden Zwischentüren und Pappwänden. Plötzlich sahen wir ganz hinten ein Regal, dahinter gab es eine Tür. Wir öffneten sie, eine Treppe führte in eine riesige Unterkellerung, und uns schlug dieser heftige Geruch entgegen, so alte, kalte Luft.

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