Typologie : Der Rucksack der Geschichte

Einst war er Zeichen des Protests, dann kam es auf die Marke an: Der Rucksack war nie bloß ein praktisches Accessoire, er ist ein Statement. Eine Typologie durch die Jahrzehnte.

Eva Riedmann
Illustration: Xenia Saquet

Die 70er – Anti-Kriegs-Rucksack

Mailänder Modewoche, 1979. In dunklen Offiziersjacken mit goldenen Knöpfen und bestickten Schulterklappen stolzieren Gianni Versaces Models über das Parkett. Der italienische Designer holt auf diese Weise einen Trend von der Straße auf den Laufsteg. Und demonstriert nebenbei seine politische Haltung. Versace ist Pazifist, er nimmt den militärischen Zeichen ihre Funktion und macht sie zu bloßen Ornamenten.

Zugegeben, er war nicht der Erste. Militärstiefel, Parka, Tarnhosen, in Beige, Olivgrün oder Camouflage, waren in den 70ern Gegensymbole zum staatlichen Militarismus. Entstanden ist der Military Look in den USA der späten 60er Jahre, als Reaktion auf den Vietnamkrieg. Militärkleidung zu tragen bedeutete: Ich bin Kriegsgegner.

Auch der Rucksack war Teil des Oppositionsoutfits: riesige, abgenutzte Bundeswehrrucksäcke, auf die man Peace-Zeichen kritzelte, die Camouflage-Flecken mit grellen Farben ausmalte und Militärabzeichen abriss. So karikierte man den Zweck der Kleidung: die Tarnung.

„Den Jugendlichen ging es darum, eine Haltung zu demonstrieren“, sagt Carlo Michael Sommer, Trendforscher an der Hochschule Darmstadt, „praktisch und bequem waren die Rucksäcke nicht“. In den Militärrucksack, eigentlich ein zylinderförmiger Leinensack, ohne Polster an Rücken oder Trägern, wurde alles ungeordnet hineingestopft. Auch Trendforscher Sommer trug in den 70er Jahren eines dieser Ungetüme. Für ihn sei das ein Symbol für Freiheit gewesen, erinnert er sich. „Ich dachte, ich könnte jederzeit abhauen, durch Europa oder Afrika touren.“ Der Besitz sollte so wenig sein, dass man ihn jederzeit mit sich herumtragen konnte.

Damit passte der Military Look in den Zeitgeist. Feminismusdebatte, Ölkrise, Umweltprobleme, RAF-Terror – die 70er Jahre waren ein Jahrzehnt des Protests, nicht nur in der Mode.

Die 80er – bunt, schrill, individuell

Ökos, Punks, Anzugträger, Outdoorfreaks. Nicht so sein wie die in den 70er Jahren – das vereinte die Mode der 80er Jahre. „Man war von der Einseitigkeit des Hippietums gelangweilt und wollte sich abwenden“, sagt Trendforscher Sommer. Sich abgrenzen – und nicht das Gleiche auf dem Rücken tragen.

Punks entschieden sich sowieso gegen den Rucksack. Sie schleppten Taschen oder Tüten aus Plastik, zerrissen und zerfetzt, in Neonfarben. Es galt: Hauptsache bunt, schrill und individuell. Anhänger der Ökobewegung forderten „Jute statt Plastik“ und transportierten ihr Hab und Gut in Stoffbeuteln.

Jane Fonda hüpfte in grellen Gymnastikbodys durch Aerobic-Videos und löste einen vorher nie da gewesenen Fitnesswahn aus. Also musste auch der Rucksack sportlich sein, leicht und flexibel. So wie die schwarze Nylon-Sporttasche, die sich Jennifer Beals in „Flashdance“ lässig über die Schulter wirft, bevor sie zum Vortanzen geht.

Funktionalität stand im Vordergrund, der Rucksack musste perfekt auf dem Rücken sitzen und bequem sein. Mit ihm sollte man Fahrrad fahren können, joggen gehen, wandern – und skaten. „Mitte der 80er sickerten Trendsportarten nach Deutschland durch“, sagt Sommer. „Sportlern ging es vor allem darum, die Hände frei zu haben.“

Neue, wasserdichte Materialien kamen auf den Markt, die Marke Jack Wolfskin eroberte deutsche Outdoorläden. Rucksäcke, die man in Großstädten trug, waren tauglich für Polexpeditionen. Noch hielt sich die Akzeptanz für diese in Grenzen. In U- und S-Bahnen bekam man schon einmal einen Rucksack ins Gesicht oder in den Bauch, Streitereien waren vorprogrammiert – auch daran erinnert sich der Trendforscher gut. „Man war noch nicht daran gewohnt, Rucksäcke zu tragen.“

Die 90er – Hauptsache Eastpak

Spätestens in den 90er Jahren wurde das nachgeholt. Der Rucksack war überall: auf Fahrradwegen, in Bussen, in Büros und auf Schulhöfen. Er wurde zu einem Modeartikel. Neben bauchfreien Synthetikoberteilen, Plateauschuhen von Buffalo, Tamagotchis und der Diddl-Maus durfte ein Accessoire in den 90er Jahren auf keinen Fall fehlen: der Eastpak-Rucksack. In Dunkelblau, Beige, Weinrot, Khaki und vielen anderen Farben.

Grundschüler bettelten ihre Eltern an, den Schmetterlings- oder Flugdinosaurier-Schulranzen gegen einen Eastpak tauschen zu dürfen, auf den Schulhöfen von Gymnasien wurde er zur Uniform – ein Rucksack aus Kunstfaser mit einem großen Fach hinten und einem kleinen vorne. Träger und Rückseite waren leicht gepolstert, bequem war er trotzdem nicht. Weil kaum jemand ihn auf dem Rücken trug. Er baumelte irgendwo am Hintern, denn die Träger wurden maximal geweitet. Wer sich von der Masse absetzen wollte, bemalte den Eastpak mit Edding, ließ die besten Freunde darauf unterschreiben oder ein Stoffkuscheltier am Reißverschluss baumeln.

Ursprünglich produzierte die Firma, die früher Eastern Canvas Products hieß, Taschen und Rucksäcke für das US-amerikanische Militär. Erst als Marc Goldman, der Sohn des Markengründers, die Firma übernahm, wurden Produkte für die breite Öffentlichkeit hergestellt. Der große Run in Deutschland setzte 1994 mit der „Skelett-Kampagne“ ein. In der Werbung sah man ein menschliches Skelett in der Wüste, halb im Sand vergraben, nur der Eastpak erstrahlte wie neu. Der Umsatz des Unternehmens in Deutschland stieg innerhalb eines Jahres von 200 000 auf 57 Millionen DM.

„In diesem Jahr kommt der Eastpak wieder“, sagt Kathrin Svensson, Stylistin beim Onlineshop Outfittery. Die Rückbesinnung auf diese Ära, die in der Popmusik schon eine Weile andauert, macht die Mode der 90er Jahre wieder salonfähig. „Auch bauchfreie Oberteile und Plateauschuhe sind zurück.“

Die 2000er – Hauptsache praktisch 

Das Internet, neue Technologien, nach 2000 wird alles schnelllebiger. Auf ihrem Blog „Modeopfer110“ listet Berit Müller Modetrends nach Dekaden auf, von den 20ern bis zu den 90ern. Ab der Jahrtausendwende ist Schluss. „Vieles wird aus den vorangegangenen Jahrzehnten kopiert, Trends halten sich keine zehn, sondern höchstens noch zwei Jahre“, sagt die Diplom-Modedesignerin.

Um den Rucksack wird es still. Als modisches Accessoire oder als Ausdruck politischer Haltung ist er verschwunden. „Wer einen Rucksack trug, tat das aus praktischen Gründen“, sagt Müller.

Damit kehrt der Rucksack zu seinen Anfängen zurück. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts schnallten sich Landwirte oder Händler die sogenannte Rückentrage oder Kraxe auf – das Metallgestell erinnert stark an eine Sackkarre –, um ihre Güter zu transportieren.

Den einen, die noch Rucksack tragen, geht es um ihr heiligstes Besitztum. Der Laptoprucksack wird wie der „Coffee to go“ zum praktischen Begleiter des erfolgreichen Städters. Andere lassen sich vom Outdoorwahn der Nullerjahre anstecken. Sie tragen wasserdichte Trekkingrucksäcke mit unzähligen kleinen Fächern für Trinkflasche, Taschenmesser und Kompass, passend zur Multifunktionsjacke.

2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Wie integriert man das neue Gerät ins Outfit? Am besten so, dass es alle sehen. „Die Hosen waren in den Nullerjahren oft sehr eng, ein Handy passte da nicht rein“, sagt Trendforscher Michael Sommer. Die Lösung war eine Bodybag, eine kleine dreieckige Tasche, die man mit einem Klettverschluss quer über der Brust befestigte. Das Wichtigste: Am Träger war auf Brusthöhe ein Extrafach für das Handy angebracht.

Heute – Das große Comeback

Der Rucksack ist die neue Handtasche. Zuerst präsentierten Designer wie Alexander Wang, Karl Lagerfeld oder Vivienne Westwood ihn auf den Laufstegen, doch spätestens seit Modeketten wie Topshop oder Urban Outfitters ihn ins Sortiment aufgenommen haben, ist es amtlich: Nachdem er ein Jahrzehnt lang verschwunden war, feiert der Rucksack seine Wiederauferstehung.

David Beckham streift mit Frau Victoria, Kinderwagen und knallorangenem Rucksack durch Disneyland Paris, „Twilight“-Star Kristin Stewart landet mit einem gelben Modell am Flughafen Tokio. Ryan Gosling, Halle Berry, Hugh Jackman – in Hollywood ist der Rucksacktrend angekommen.

„Vorausgesagt wurde das schon seit zwei Jahren“, sagt Kathrin Svensson von Outfittery. Denn als man in Großstädten immer mehr Jutebeutel sah, war klar: Früher oder später stellen Jutebeutelträger fest, dass die Tasche unpraktisch ist. Der typische Berliner, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, atmet auf: Endlich darf er wieder Rucksack tragen.

Etwa einen der Marke Herschel, benannt nach der kanadischen Insel, auf der die beiden Erfinder aufgewachsen sind. Das Rucksackdesign ist simpel und praktisch, ein Extrafach für den Laptop und eines für die Sonnenbrille sind eingebaut. Das beliebteste Modell, das etwa so aussieht wie der Eastpak der 90er, kostet 54,99 Euro und heißt „Heritage“ – Erbe. Soll heißen: Dieser Rucksack hat Geschichte.

Ein anderes Modell, doppelt so teuer, erinnert ein bisschen an alte Pfadfinderrucksäcke: Das große zylinderförmige Fach schließt man mit einer Art Gürtelsystem. Die Gürtel sind nicht aus Leder, sondern aus Kunststoff, der Rest des Rucksacks aus einfacher Kunstfaser. Die Herschel-Rucksäcke gehören bei Urban Outfitters in Berlin zu den beliebtesten Stücken, bestätigt eine Verkäuferin.

Qualität steht scheinbar nicht im Vordergrund. Der Rucksack muss vor allem gut aussehen. Wie der Fjällräven Kranken. Der kastenförmige Rucksack mit dem kleinen Fuchs im Emblem – Fjällräven Kranken ist schwedisch und bedeutet „arktischer Fuchs“ – wurde ursprünglich als Schulranzen für Kinder entworfen und avancierte schnell zum beliebten Accessoire für Großstadt-Radfahrer.

Und auch für Damen, die eigentlich nur Handtaschen tragen, gibt es mittlerweile passende Modelle, zum Beispiel vom deutschen Modellabel MCM. Die kleinen schwarzen Rucksäcke sind mit Strasssteinen oder Nieten besetzt. Kosten: rund 600 Euro.

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