Von Wuppertal über Berlin bis Tokyo : Wim Wenders über seine Lieblingsstädte

Am Donnerstag startet Wim Wenders' neuer Film in den Kinos: In "Everything Will Be Fine" gehört Montréal zu den Hauptdarstellern. Städte spielen bei Wenders immer eine große Rolle. Warum der Regisseur in Berlin-Mitte wohnt und wo er in Tokyo trinkt, erzählt er hier.

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Regisseur Wim Wenders wird dieses Jahr, am 14. August, 70 Jahre alt. Foto: Breuel Bild/Daniel Hinz Alle Bilder anzeigen
Foto: Breuel Bild/Daniel Hinz
27.03.2015 14:45Regisseur Wim Wenders wird dieses Jahr, am 14. August, 70 Jahre alt.

Montréal. Bei mir läuft es im Prinzip so: Zuerst ist meist der Ort da, an dem ich einen Film drehen will, anschließend suche ich nach der Geschichte, die dort hingehört und nur dort spielen kann. Im Fall von „Every Thing Will Be Fine“ war das ausnahmsweise anders. Der Norweger Björn Olaf Johannessen hat mir das Drehbuch zugeschickt, die Geschichte spielte da noch im Nirgendwo. Ich brauchte also eine hügelige Landschaft, in der im Winter mit Sicherheit Schnee liegt und wo es in unmittelbarer Nähe eine richtige Großstadt gibt. So kam ich auf Montréal. Da bin ich seit 40 Jahren Stammgast beim „Festival du Jeune Cinéma“. Anfangs war ich ja auch wirklich noch ein junger Cineast – meine ersten Filme habe ich dort gezeigt –, heute bin ich wohl eher der „Elder Statesman“. Aber ich mag das Festival und die Stadt eben so gerne.

Montréal ist eine merkwürdige europäische Enklave auf dem nordamerikanischen Kontinent, komplett zweisprachig, englisch und französisch. Es gibt den riesigen Sankt-Lorenz-Strom, der bis in den Atlantik führt. Um einmal Montréals Silhouette mit dem Olympiastadion zu zeigen, haben wir die Szene, die man auf dem Foto sieht, auf das andere Flussfer verlegt. Im Winter ist der Strom mitunter ganz zugefroren – eine schöne Metapher, die im Film eine wichtige Rolle spielt: dass der Fluss zu Beginn erstarrt ist und dann am Ende wieder fließt. So was hat sich eben erst durch den Ort ergeben.

Berlin. Eine Zeit lang haben meine Frau Donata und ich gleichzeitig in Berlin und in Los Angeles gewohnt. Jetzt sind wir nur noch in Berlin zu Hause, auch wenn wir zwei Drittel des Jahres reisen. Berlin ist eine sauehrliche Stadt, aber vor allem eine, in der man gut arbeiten kann. Andere Städte saugen einem Energie ab. Ich habe mal ein Jahr in San Francisco gelebt, wunderschön – aber ich kam zu nix. So ähnlich war’s in New York, das ich heiß und innig liebe, aber wo man permanent überfordert ist. Berlin lässt einen so angenehm in Ruhe und gibt einem Energie. Als wir 2001 wieder hierherkamen, war die Wahl des Bezirks ein bisschen strittig. Meine Frau ist in Zehlendorf geboren, und es hat sie dorthin zurückgezogen, wegen des Grüns und der Seen, doch ich wollte unbedingt in die Gegend, in der ich nach dem Mauerfall wochenlang herumgestreunt war: Prenzlauer Berg, das Scheunenviertel – dort habe ich 1992 „In weiter Ferne, so nah!“ gedreht, die Fortsetzung von „Der Himmel über Berlin“.

Nun wohnen wir in der Torstraße, und meine Frau hat immerhin ihren Baum vorm Fenster, den sie zur Bedingung gemacht hatte. In den 70er Jahren habe ich in Charlottenburg gelebt, in den 80ern in Kreuzberg. Der Potsdamer Platz, wie man ihn auf dem Bild vom „Himmel über Berlin“ sieht, war damals eine Brache, quer durch verlief die Monorail-Teststrecke. Wie ich es dort heute finde? Ich hatte gehofft, dass man ein bisschen liebevoller und erfindungsreicher umginge mit diesem neuen Stadtzentrum. Stattdessen wurde es ruckzuck aus dem Boden gestampft, einfach zu schnell. Nichts mehr erinnert an die Mauer. Das ist so eine richtig deutsche Haltung: Erinnerung möglichst schnell ab- oder wegzubauen.

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