Weddinger Modell : Berliner Klinik revolutioniert die Psychiatrie

Die Idee des „Weddinger Modells“: Patienten ernst nehmen und nicht bevormunden; die Türen sind offen, die Regeln flexibel. Ein Gespräch mit den beiden Erfinderinnen.

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Voll Psycho. Ausschnitt aus "Hedi Schneider steckt fest".
Voll Psycho. Ausschnitt aus "Hedi Schneider steckt fest".Komplizen Film/Pandora Film 2015

Im touristischen Teil von Berlin-Mitte liegt das St. Hedwig-Krankenhaus, Große Hamburger Straße 5-11, eine der traditionsreichsten Kliniken der Stadt, von einer katholischen Gemeinde 1846 gegründet. Seit 2001 wird auf dem Gebiet der Psychiatrie mit der Charité kooperiert, seit 2010 arbeitet man nach dem „Weddinger Modell“, dessen Initiatorinnen Oberärztin Lieselotte Mahler und Pflegedirektorin Ina Jarchov-Jádi sind.

Tagesspiegel (TSP): Frau Jarchov-Jádi, Frau Mahler, Ihre Psychiatrie ist zuständig für Patienten aus Tiergarten und Wedding, beide Stadtteile beschreiben Sie selbst als „schwierig“ mit „besonders vielen psychisch schwer kranken Menschen“. Mit welchen Problemen schlagen Sie sich herum?

Lieselotte Mahler (LM): Schwere Krisen, die mit sozialer Armut zu tun haben, oder suizidale Krisen, bei denen jemand voller Alkohol oder Drogen ist, die finden Sie in unseren Stadtteilen häufiger. Wenn Sie dagegen Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen nehmen, unterscheidet sich der Wedding kaum von Zehlendorf oder Pankow.

Ina Jarchov-Jádi (IJJ): Unsere Klinik liegt in Mitte, zu unserer Versorgungsregion gehört auch der Hauptbahnhof, und das Zentrum einer Großstadt wie Berlin zieht andere Menschen an als deren grüne Ränder.

LM: Berlin wirkt wie ein Magnet, man könnte von Psychiatrie-Tourismus sprechen. Viele Patienten sagen uns, dass sie sich hier freier fühlen. Wenn Sie stundenlang auf einen Busch einschlagen oder mit einem Mülleimer diskutieren, landen Sie in Zürich oder Nürnberg schnell in der Psychiatrie. In Berlin müssen Sie dazu noch den Mülleimer anzünden und die Polizei beschimpfen. Wenn Sie sich hier verrückt kleiden oder Stimmen hören, kein Problem, Sie haben eine größere Narrenfreiheit. Auch das Regierungsviertel zieht kreative Leute an, die sich irgendwo in den Zug setzen und sagen, ich muss mal zu dieser Frau Merkel ins Kanzleramt, ich will endlich wissen, warum meine Wohnung abgehört wird und wie die NSA da involviert ist.

IJJ: In der konservativen Ländlichkeit, so wie in Schwaben, im Emsland, Odenwald oder ähnlichen Gegenden, gibt es eine starke soziale Kontrolle. Das ist ein schwieriger Lebensraum für Menschen, die anders ticken. Die fühlen sich in der Metropole – in Anführungsstrichen – normaler, weil sie nicht ständig einer moralischen Bewertung ausgesetzt sind. Und irgendwann regeln sie hier auf einer vielbefahrenen Straße den Verkehr, rennen in Geschäfte rein und veranstalten wilden Trubel, sie klettern aufs Dach vom Bahnhof oder die Gleise. Wenn sie bedrohlich wirken für andere oder sich selbst, landen sie bei uns.

LM: Mir sagen Patienten oft, ich musste aus meinem alten Umfeld weg, was ja schon mit ihrer Psychose zu tun hatte, weil die mobben und verfolgen mich, die reden alle über mich. Man nennt das Beziehungserleben: Ich sehe, wie die Bäckerin meinen Arbeitskollegen grüßt, ganz klar, die stecken unter einer Decke. Wenn ich dann aus einem kleinen Kosmos in die große Stadt flüchte, habe ich erst mal meine Ruhe. Man sollte gar nicht prinzipiell das Landleben verteufeln, ein soziales Netz hat viel Positives. Denn in Berlin kann sich jemand wochenlang isolieren und die Wohnung nicht verlassen, ohne dass es auffällt.

TSP: Warum entscheidet sich jemand dafür, nicht mehr aus dem Haus zu gehen?

LM: Dahinter stecken oft, wie in dem Film „Hedi Schneider steckt fest“, Ängste, in deren Rahmen es auch zu Panikattacken kommen kann. Zum Beispiel Angst vor großen Plätzen oder vor Menschenmengen, Angst, auf offener Straße verfolgt zu werden. Die Diagnosen hinter Ängsten sind mannigfaltig.

TSP: Wohlstand und Bildung sind wichtige Faktoren für die Gesundheit. Ließe sich danach ein spezifischer Berliner Stadtplan erstellen?

IJJ: In jedem Fall bei Krankheiten, wo Drogen eine Rolle spielen. Im Osten ist das vorrangig der Alkohol, die Vielfalt der Substanzmittel ist geringer als in Kreuzberg oder Mitte, wo alles Mögliche konsumiert wird. In bürgerlichen Gegenden finden Sie Probleme mit Medikamenten. Das fängt harmlos an, der Hausarzt verschreibt was zur Beruhigung oder dass man besser einschläft – das wächst dann schleichend bis in die Abhängigkeit.

LM: Auch Biografien können wichtig sein, da unterscheiden sich die Bezirke. Einige unserer alten Patienten, die bis zur Wende im Osten lebten, haben ja auf einen Schlag nicht nur ihren Staat verloren, sondern häufig auch ihre Jobs. Manche haben noch Bomben und Krieg erlebt, vielleicht eine Vertreibung, die Vergewaltigung der Mutter, dann waren sie berufstätig und haben sich stabilisiert. Mit dem Mauerfall erlebten sie einen zweiten Zusammenbruch, und irgendwann entwickelten sie eine schwere Depression oder Angststörung, die können etwa plötzlich nicht mehr in einem geschlossenen Raum sitzen.

TSP: Das Bild der Psychiatrie in unseren Köpfen ist geprägt durch Filme wie „Einer flog übers Kuckucksnest“ mit Jack Nicholson, wo Patienten mit Elektroschocks und Zwangsjacken gemartert werden. Gibt es das noch?

IJJ: In dieser Form in Deutschland nicht. Was es manchmal noch gibt, sind der Anstaltscharakter und die Trostlosigkeit von Kliniken und immer wieder mal eine große Distanziertheit zwischen Personal und Patienten. Viel spielt da natürlich auch die gelebte Haltung – im Positiven wie im Negativen – eine Rolle. Ein großes Problem ist nach wie vor die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Wer mal in der „Geschlossenen“ war, trägt diesen Makel ein Leben lang.

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