Wer war Elisabeth Nietzsche wirklich? : Ihr Wille zur Macht

Sie war die kleine Schwester von Friedrich Nietzsche und liebte ihn abgöttisch – bis der Philosoph Louise von Salomé verfiel, "dieser Larve von einem Menschen". War Elisabeth Nietzsche ein Monster?

Kerstin Decker
Nachlassverwalterin. Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935) inszenierte und lenkte den Kult um ihren berühmten Bruder.
Nachlassverwalterin. Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935) inszenierte und lenkte den Kult um ihren berühmten Bruder.Foto: Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv

Wer hätte denn einen miserableren Ruf als sie? Friedrich Nietzsches kleine Schwester ist die vielleicht bestgeschmähte Frau der deutschen Geschichte. Eine protofaschistische Fälscherin, eine Spießerin, die ihren Bruder auf dem Gewissen hat. So weiß es die Nachwelt. „Niemand hat sich an dem Andenken Nietzsches schwerer vergangen als seine Schwester“, urteilte der Sachverständige Karl Schlechta. Und was sagt der Philosoph selbst dazu?

An seinem 44. Geburtstag beginnt Friedrich Nietzsche seine Autobiografie, keine zwei Monate bevor er sich in Turin vor aller Augen mit einem Pferd verbrüdern wird. Selbst seine Mutter hat in diesem Jahr, 1888, seinen Geburtstag vergessen, er ist sein einziger Gast. Friedrich Nietzsche erzählt sich sein Leben, und die übrigen Familienmitglieder porträtiert er so: „Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit.“ Formulieren wir es so: Das letzte Zeugnis ihres Bruders spricht nicht für Elisabeth. „Ecce homo“ erscheint dann vorerst doch nicht, wegen akuten Wahnsinns des Autors.

Elisabeth empfängt die Nachricht von der neuen geistigen Façon ihres Bruders in Paraguay, wo sie mit ihrem Mann mitten im Urwald ein neues Deutschland errichten will, ein Nueva Germania.

Noch der Dümmste heiratet

Dass Elisabeth doch noch geheiratet hat, grenzt an ein Wunder. Ein Mädchen kommt auf die Welt, um zu heiraten, wusste ihre Mutter. „Ich nicht!“, antwortete Elisabeth. Es geht zu selten gut aus, hatte ihr Bruder immer gewarnt. Und: Noch der Dümmste heiratet. Sollte uns das nicht zu denken geben?

Ja, Lieschens Ehe war ein Wunder. Leider konnte die Mutter sich nicht recht freuen. Was hatte sie für hoffnungsvolle Kinder und was ist aus ihnen geworden! Solange noch Zeit war, wollten sie nicht und jetzt griffen sie nach jedem windschiefen Strohhalm. Eine russische Halbhure mit intellektuellen Neigungen (Lou von Salomé) und ein aus dem Schuldienst entlassener, in den Dschungel geflüchteter Antisemit. Wahrscheinlich spricht schon halb Naumburg über die arme Frau Pastor, deren überkluge Kinder sich immer für etwas Besseres hielten. Nun sehe man, was dabei herauskommt. Welches Mädchen nimmt schon den Sohn, diesen dauerleidenden akademischen Frührentner, der immer Kopfschmerzen hat wie eine derangierte Gesellschaftsdame? Und nun ist er auch noch verrückt geworden.

Elisabeths Reaktion im Dschungel: „Wenn ich nur fortkönnte und Geld zur Reise hätte ... Es quält mich beständig der Gedanke, daß vielleicht das Schrecklichste vermieden worden wäre, wenn ich drüben geblieben wäre.“ Elisabeths feste Überzeugung lautet: Ihr Bruder sei nicht verrückt, er habe nur eine Schlafmittelvergiftung. Ja, sie fühlt sich schuldig, schuldig durch Abwesenheit: „Er hat mir nie ein unfreundliches Wort gesagt, zum Dank dafür habe ich das arme Herz seinem Schicksal überlassen.“ Wenn sie wüsste!

Nietzsche, dieser Teufel

Der eine sagt „Canaille“, die andere „das arme Herz“. Man könnte es als innerfamiliäre kognitive Dissonanz durchgehen lassen, das kommt, wie die besten Familien sagen, in den besten Familien vor, doch die Sache gewinnt nur allzu bald eine gewisse, beinahe welthistorische Dimension.

Denn spätestens jetzt, 1889, beginnt ein Virus in ganz Europa zu grassieren, das binnen kürzester Zeit die besten jungen Leute aller Nationen befällt: das Nietzsche-Virus. Es ist das erste und voraussichtlich das letzte Mal, dass ein Philosoph, ein Professor der Altphilologie gar, solche Wirkungen erzielt. Zu den akut Infizierten gehören André Gide und Paul Valéry, Miguel Unamuno und Ortega y Gasset, Maxim Gorki, George Bernhard Shaw, Stefan George, Rainer Maria Rilke, Heinrich und Thomas Mann... Nein, eine Aufzählung ist unmöglich. Harry Graf Kessler, Elisabeths Freund bis zuletzt, hat den Beginn des Krankheitsverlaufs so beschrieben: „Zu Anfang war unser Gefühl eine Mischung von angenehmem Gruseln und staunender Bewunderung vor dem Monsterfeuerwerk seines Geistes, in dem ein Stück nach dem anderen unseres moralischen Rüstzeugs in Rauch aufging.“ Ein gefährliches Spiel.

Und so kommen die etwas Älteren etwas später auch schnell dahinter, wer wirklich schuld ist am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In den Augusttagen 1918 steht in der Auslage eines großen Londoner Buchhändlers am Piccadilly die 18-bändige englische Nietzsche-Gesamtausgabe, darüber ist zu lesen: „The Euro-Nietzschean War. Read the Devil, in order to fight him the better“.

Anfang der 20er Jahre betritt ein Nietzsche-Leser der ersten Stunde das Parkett der europäischen Politik, sein Name ist Benito Mussolini. Und dann kommt noch einer, der diesen Autor höchstwahrscheinlich nie las, aber er hat von ihm gehört: Es ist Adolf Hitler. Ist Friedrich Nietzsches Hauptwerk „Der Wille zur Macht“ nicht geradezu eine Art philosophische Handreichung zur Begründung des Nationalsozialismus?

Seine Schwester, die Fälscherin

Was aber, darf man nun fragen, hat das alles mit Nietzsches Schwester zu tun? Nun, Elisabeth Förster-Nietzsche hat den „Willen zur Macht“ mitherausgegeben. Und sie bekommt seit 1932 nicht nur einmal Besuch von Adolf Hitler. Elisabeth Förster-Nietzsche ist inzwischen nun seit fast 40 Jahren die Leiterin des Nietzsche-Archivs zu Weimar, drei Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen. Ein junger Mitarbeiter schildert den Aufenthalt des „Führers“ am 20. Juli 1934, da ist sie 88 Jahre alt: „Der Staatsmann im Hause des ersten Staatsdenkers: und doch nicht als Politiker bei dem Philosophen, sondern als gütig-freundlicher und persönlichster Besucher bei der in fast unwirkliches Greisenalter erhobenen ,Schwester’ ... So mag in alten Zeiten eine große Mutter ihren großen Sohn, eine Prophetin einen Helden empfangen haben ...“

Der Urheber dieser hirnerweichenden Prosa heißt Karl Schlechta, es ist jener längst erwähnte Karl Schlechta, der im westlichen Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre eine dreibändige Nietzsche-Ausgabe herausgeben und mit einem philologischen Nachwort versehen wird. Aus diesem Nachwort erfährt die Bundesrepublik: Alle Schuld an den Missverständlichkeiten und Unmissverständlichkeiten des Philosophen Friedrich Nietzsche trifft seine Schwester, die Fälscherin aus Leidenschaft. Der „Spiegel“ bringt eine zehnseitige (!) Titelgeschichte.

Der Hauptvorwurf lautet: „... sie hat die philosophischen und politischen Meinungen ihres Bruders verfälscht, sie hat außerdem unsachverständig und parteiisch aus Manuskriptfragmenten ihres Bruders jenes Buch zusammengestellt und ihm den Titel gegeben, das allen denen als Hauptwerk Nietzsches dienen mußte, die den Philosophen als Autorität für nationalistische Machtpolitik gewinnen wollten, den ,Willen zur Macht‘.“ Alle Legitimation, jenes unselige Werk herauszugeben, sei erschlichen. Das nun kann man so nicht sagen.

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