Zwischen fremden Möbeln : Ambulantes Wohnen

Sie sind jung und folgen ihren befristeten Jobs: Praktikanten, Doktoranden, Projektarbeiter. Sie leben zur Untermiete – und damit ständig zwischen fremden Möbeln. Eine Selbsterfahrung.

Christoph Dorner
Der Autor in fremder Behausung.
Der Autor in fremder Behausung.Kitty K-Heinrich

Seltsam, dass die Standuhr nicht stehen geblieben ist. Metallisch hell schlägt sie vier Mal zur vollen Stunde. Das Klavier im Flur stöhnt leise, wenn ich auf seinen Tasten herumdrücke. Wann hierauf wohl der letzte Mozart gespielt wurde?

Ein Schleier der Zeit liegt über dem nussbraunen Interieur, den schweren Teppichen und Möbeln, den Küchenutensilien und der klobigen Haustechnik. Der Bundeskanzler heißt innerhalb dieser vier Wände definitiv noch Helmut Schmidt. Der Telefonapparat, immerhin mit Tasten, ist abgestellt. Einen Internetanschluss, über den 80 Prozent der deutschen Haushalte verfügen, hat es hier nie gegeben. Dafür sendet die Fußbodenheizung, in den 70er Jahren ein Ausweis modernen Luxus, von unten so viel Gemütlichkeit, dass ich mich hier zu Hause fühlen müsste. Ich bin es aber nicht.

Ein Bungalow mit aufgeräumter Garage und wildwüchsigem Garten in Reutlingen, in seiner Architektur unentschlossen zwischen kalifornischer Moderne und schwäbischer Spießbürgerlichkeit an den Hang gebaut. Hier lebe ich, 30 Jahre alt und selbst in einem Einfamilienhaus in dörflichen Verhältnissen in Franken aufgewachsen, seit dem vergangenen Herbst zur Untermiete. Was mir gehört, befindet sich in drei Kisten: ausreichend Kleidung, fünf Bücher, ein Topf, eine Pfanne, zwei Tassen, zwei Teller, eine Müslischüssel, Besteck, Lebensmittel.

Für eine eigene Wohnung ist das Geld zu knapp und der ausbildungsbedingte Aufenthalt in Reutlingen zu kurz. Und für eine Wohngemeinschaft fehlt die Mitbewohnerin: Denn Frau B., die hier vier Jahrzehnte gelebt und vier Kinder großgezogen hat, die ihrerseits längst in respektable Erwerbsbiografien aufgebrochen sind, hat das Haus bereits vor ein paar Jahren verlassen. Sie wird bald 85 und lebt drei Straßen weiter im Altersheim.

Mit Frau B. bin ich nicht verwandt, wir kennen uns nicht einmal. Meine akute Wohnungsnot und die Hilfsbereitschaft ihrer Familie haben bewirkt, dass sich unsere Biografien ausgerechnet in der Privatsphäre eines verwelkten Eigenheims berühren.

Man muss nicht gleich das wehleidige Etikett der „Generation Praktikum“ bemühen, um festzuhalten, dass viele junge Erwachsene heute eine Art zweite Wandervogelbewegung bilden. Nur dass sie nicht wie die Steglitzer Gymnasiasten im ausgehenden 19. Jahrhundert romantischen Freiheitsidealen nachhängen, sondern als Studenten, Praktikanten, Doktoranden, befristet Beschäftigte, Projektarbeiter und Freiberufler um einen Platz und ein Auskommen in einer Arbeitswelt kämpfen, die ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität von ihnen einfordert.

Mit den 3,4 Umzügen, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid 2011 pro Bundesbürger im Lauf eines Lebens ermittelt hat, ist es für diese modernen Nomaden längst nicht mehr getan. Vor der Industrialisierung waren Lehrjahre stets Wanderjahre, heute können es schnell Wochen und Monate in fremden Betten werden. Mit Sex hat das leider nichts zu tun.

Der selbst auferlegte Druck zur Optimierung von Lebensläufen, berufliche Umorientierungen, branchentypische Warteschleifen beim Berufseinstieg oder einfach nur rastlose Selbstverwirklichung können dahinterstecken, dass Menschen zwischen Anfang 20 und Mitte 30 „Heute hier, morgen dort“ leben. Es ist, als hätte Hannes Wader mit diesem populären Volkslied aus dem Jahr 1972, das auch Frau B. in Reutlingen irgendwann auf den Lippen gehabt haben dürfte, nicht nur die Vogelfreiheit eines Künstlerlebens besungen, sondern auch die Malaise einer Generation vorausgeahnt.

Mit der Vielzahl von Arbeitsplatz­ und Ortswechseln hat sich auch eine neue Wohnkultur entwickelt. Sie ist mobil, wenn nicht gar dauerambulant geworden. Mit nichts als dem Inhalt eines Koffers spazieren wir vom Ausstand bei der letzten Praktikumsstelle zur nächsten Wohnungsschlüsselübergabe, während der materielle Ausweis einer halbwegs erwachsenen Existenz über Wochen im ehemaligen Kinderzimmer bei den Eltern Staub ansetzt. Dort bin ich auch längst wieder gemeldet, dort kommt die Post an.

Wenigstens meint es der Zeitgeist gut mit uns: Die Vermittlungserfolge von Miet-Marktplätzen wie wg-gesucht.de oder Airbnb zeigen, dass viele Menschen bereit sind, Fremden ihre Wohnungstür zu öffnen. Und sei es nur, um die Miete hereinzubekommen. Die Digitalisierung hat uns die zentnerschwere Last von Büchern, Musik und Fotoalben abgenommen.

Produktdesign-Studenten der Hochschule Zwickau stellten bei der Kölner Möbelmesse jüngst ein Wohnkonzept in Boxen vor, die sich nach Bedarf mit wenigen Handgriffen zu Küche, Bett oder Schreibtisch umfunktionieren lassen. Ich hatte bei meinen Umzügen zunächst noch ordnungshalber mein Expedit­Regal mitgeschleppt, bis es eines Tages krachend auseinanderfiel. Heute nehme ich nur noch den Kleiderständer mit, der sich in fünf Minuten zusammenschrauben lässt.

Was mir insbesondere in Berlin auffällt: Viele junge Erwachsene besitzen kein Bett mehr. Das mag einer Vorstellung von hippem Minimalismus geschuldet sein. In jedem Fall ist es ein Hinweis auf eine innere Unruhe im Übergang zum Erwachsenwerden, von der auch das junge deutsche Kino in „3 Zimmer/Küche/Bad“ bereits erzählt und dabei auch die Bindungsängste dieser Generation angedeutet hat.

In Berlin war mein Leben zur Untermiete noch am einfachsten. Hier habe ich immer einen Koffer stehen, wie einst Hildegard Knef. Als ich neulich für zwei Monate in die Hauptstadt musste, konnte ich dankenswerterweise in der Einzimmerwohnung von Christine, einer befreundeten Doktorandin, bleiben, die im gleichen Zeitraum in Brasilien für ein Forschungsprojekt der Technischen Universität Löcher in die Erde grub. Christine wohnt in einem Plattenbau in Lankwitz. Bei ihr fühlte ich mich wohl, obwohl zu ihr keine Nachtbusse fuhren, ihr Nachbar von oben zu laut und ihre Matratze zu weich war.

In der Regel war ich als Untermieter jedoch ein Fremder und Mitbewohner auf Zeit. Dieser Status verheißt dem Nomaden eine schnelle Integration in ein neues Umfeld bei geteilten Kosten. Meine Realität sah oft anders aus: Ich wohnte etwa bei zwei paranoiden Sinologie-Studentinnen in Köln, in einem fensterlosen Abstellraum einer WG in Hamburg und bei einem Informatik-Studenten in Nürnberg. Er sah aus wie der Beißer aus den James-Bond-Filmen, guckte jeden Abend fern, aß dabei zwei Tiefkühlpizzen und quarzte eine Schachtel billiger Zigaretten.

In solchen Momenten wähnte ich mich nicht weit entfernt von den drei Untermietern in Kafkas Novelle „Die Verwandlung“. Sie kündigen das Mietverhältnis bei Familie Samsa auf der Stelle empört, als sie Gregor bemerken, der sich zu Beginn der Erzählung in ein Ungeziefer verwandelt hat. Ich bin immer geblieben – es ging doch nur um ein paar Wochen.

Der Untermieter ist immer auch ein Eindringling, ein Fremdkörper in einem bestehenden sozialen System, so antiquiert, wesensfremd oder unaufgeräumt es auch sein mag. Das kann jedoch auch interessant sein: Im vergangenen Jahr wohnte ich für sechs Wochen im verwaisten Kinderzimmer bei Frau H. in Augsburg. Sie war 57, hatte eine Ausbildung zur Kindergärtnerin begonnen und berichtete beim Abendessen aufbrausend von dem Unterhaltsstreit mit ihrem Exmann. Es war herrlich. An unserem letzten Abend liefen Frau H. und ich durch ihr Viertel und zogen kichernd Porzellangeschirr und einen funktionstüchtigen Herd für meine erste eigene Wohnung aus dem Sperrmüll.

In der habe ich immerhin neun Monate gewohnt. Dann musste ich weiter.

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