Staufen : Eine Stadt bröckelt

Im süddeutschen Staufen wird der Traum von einer Ökoheizung zum Albtraum. Seitdem nach Wärme gebohrt wird, quillt der Untergrund.

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Immer größer werden die Risse. -Foto: AFP

Staufen - Eigentlich war es eine gute Idee: Das Rathaus des Städtchens Staufen im Schwarzwald sollte ganz im Sinne der nachhaltigen Entwicklung mit Geowärme geheizt werden.

Doch nun ist aus dem Traum von der umweltfreundlichen Heizung ein Albtraum geworden. Denn seit den Bohrungen im September 2007 quillt der Untergrund des malerischen Städtchens unaufhörlich auf. In zahlreichen Gebäuden der historischen Altstadt entstanden Risse, die immer größer werden. Besonders betroffen ist das Rathaus selbst.

Jeden Morgen, wenn er die steinerne Wendeltreppe zu seinem Büro hinaufsteigt, wird Bürgermeister Michael Benitz daran erinnert. Er muss aufpassen, um nicht über bröckelnde Stufen zu stolpern. Jeden Tag verfolgt er machtlos, wie die Risse in den Wänden größer werden. Ähnlich geht es den Eigentümern von 129 Häusern, die alle in der denkmalgeschützten Altstadt liegen. „Es ist eine Katastrophe“, sagt der Bürgermeister der 7800 Einwohner zählenden „Fauststadt Staufen“ – der Legende nach soll hier der Teufel im Jahr 1539 Doktor Faust eingeholt haben.

Die Katastrophe hat sich mittlerweile zu einem handfesten Rechtsstreit entwickelt: Die Schäden dürften sich auf viele Millionen Euro belaufen, und die betroffenen Besitzer verlangen von der Stadt Schadensersatz. Die Stadt weist diese Forderungen zurück – mit dem Argument, die Ursachen seien noch nicht „eindeutig geklärt“. Zwar sind sich alle Experten in einem Punkt einig: In eine unterirdische Kalkschicht ist Grundwasser gelangt. Das in dieser Schicht enthaltene Anhydrid verwandelt sich zu Gips, der seither aufquillt – sein Volumen kann dabei um bis zu 60 Prozent zunehmen.

Im schlimmsten Fall könnte sich der Boden um mehrere Meter anheben und viele Gebäude zum Einsturz bringen.

Bei der Frage jedoch, wer für die Katastrophe verantwortlich ist, gehen die Meinungen auseinander. Auch ein Gutachten, das die Materialprüfungsanstalt an der Universität Stuttgart im Auftrag des Landgerichts Freiburg erstellt hat, gibt keine klare Antwort. Demnach ist zwar „wahrscheinlich“, dass die in 140 Meter Tiefe getriebenen Sonden den „Hebungsprozess“ des Bodens ausgelöst haben. „Natürliche Bewegungen“ als Ursache schließen die Experten aber auch nicht aus, zumal das Gebiet, in dem Staufen liegt, erdbebengefährdet ist. In Quoten ausgedrückt liege die Wahrscheinlichkeit in einem Verhältnis von „2 zu 1 zugunsten der Sondenbohrungen“, heißt es in dem Gutachten. Solange die Verantwortung nicht „eindeutig“ geklärt sei, müssten die Eigentümer die Kosten für die Reparaturarbeiten selber tragen, ließ die Stadt daraufhin die Geschädigten wissen. Sie seien außerdem zu möglicherweise notwendigen „Sicherungsmaßnahmen“ verpflichtet.

Dies sei eine „Ohrfeige“ für die Betroffenen, empört sich der Freiburger Anwalt Mirko Benesch, der mehrere Familien in dem Rechtsstreit vertritt. Die meisten Experten hielten natürliche Ursachen für unwahrscheinlich, sagt Benesch. Zumal in jüngster Zeit kein Erdbeben die Region erschüttert habe.

Der Anwalt erinnert daran, dass Bürgermeister Benitz im Vorfeld auf die „schwierigen“ geologischen Voraussetzungen hingewiesen worden sei. Tatsächlich hatte ein Freiburger Ingenieurbüro im Mai 2006 empfohlen, eine Bohrfirma zu wählen, die mit den „örtlichen Untergrundverhältnissen“ vertraut ist. Trotz dieser Warnung vergab die Stadt den Auftrag an ein österreichisches Unternehmen. Dieses habe die Bohrlöcher möglicherweise nicht genügend abgedichtet, heißt es in einer Stellungnahme der „Ingenieurgruppe Geotechnik“ aus Kirchzarten. Der Bürgermeister weist die Vorwürfe zurück. Er habe alle notwendigen Genehmigungen für die Bohrungen erhalten. Benitz weiß aber auch, dass die beteiligten Unternehmen, sollte deren Verantwortung nachgewiesen werden, den dann zu erwartenden Mammut-Schadensersatzforderungen gar nicht nachkommen können. Er fordert nun Hilfe vom Land. „Wir brauchen eine politische Lösung“, sagt er. AFP

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Immer größer werden die Risse. -Foto: AFP

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