Stinkefinger gezeigt : Karel Gott: Zwei Seelen in der Brust

Der angeblich so sanftmütige Karel Gott zeigt sein zweites Ich - und seinen Gegnern den „Stinkefinger“. In seiner Heimat gilt der Sänger als politischer Opportunist.

Knut Krohn
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Karel Gott.Foto: dpa

Das ist nicht Karel Gott! Das Gesicht verzerrt, fuchtelt der Mann vulgär mit dem „Stinkefinger“ vor dem Objektiv des Kameramannes vom tschechischen TV-Sender Prima herum. „Zehnfach gilt dieser Finger allen, die mir die Ehrung nicht gönnen“, stößt der Mann, der aussieht wie Karel Gott, Verwünschungen hervor. Das kann doch nicht der ewig lächelnde Künstler sein, der einst so lustig die kleine Biene Maja besang.

Und doch, er ist es. Offensichtlich wohnen zwei Seelen in der Brust von Karel Gott. Kennen ihn die Zuschauer im Westen vor allem als fröhlichen Schnulzensänger, haben viele Tschechen den Schlagerstar ganz anders in Erinnerung: als politischen Opportunisten.

Diese Vergangenheit, an die der Künstler wohl nicht mehr erinnert werden möchte, drängt in diesen Tagen wieder an die Oberfläche. Der Grund ist ein Orden, der Karel Gott verliehen wurde. Zusammen mit 22 anderen verdienten Personen wurde er wegen seiner Verdienste für Tschechien geehrt. Künstler, Sportler und Wissenschaftler empfingen das Edelmetall aus den Händen des Präsidenten Vaclav Klaus. Auch auf dem Podium saßen eine Handvoll Helden, die einst im Kampf gegen das kommunistische Schreckensregime Leib und Leben für die Freiheit riskiert hatten. Genau 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sollte ihr Mut honoriert werden.

Diesen Geehrten aber stach ins Herz, dass sie die gleiche Auszeichnung wie Karel Gott überreicht bekamen. Der Mann, der in jener Zeit der Unterdrückung alles andere als ein Kämpfer für die Freiheit war. Mehr noch: er sei nicht nur mit dem Strom geschwommen, wird dem Künstler von Kritikern vorgeworfen, er habe sich bei den Machthabern regelrecht angebiedert, um Karriere zu machen. Trauriger Höhepunkt: Karel Gott setzte seine Unterschrift unter die sogenannte Anti-Charta, in der die Bürgerrechtler der Charta 77 um Vaclav Havel diffamiert wurden.

Auch die erklärende Bemerkung von Präsident Klaus, dass Karel Gott die Medaille als „Legende der tschechischen Popmusik“ erhalten habe, konnte die Kritiker nicht milde stimmen. „Dass er die gleiche staatliche Anerkennung wie politische Gefangene bekommt, ist wirklich ein Hohn“, urteilt der angesehene tschechische Musikkritiker Jan Rejzek in der Zeitung „Mlada fronta dnes“.

In den Internet-Foren überwiegt allerdings der Spott über die Vulgärgestik des Sängers. Der stehe wohl unter dem schlechten Einfluss des Berliner Rappers Bushido, heißt es. Mit dem hatte Karel Gott zuletzt das Lied „Für immer jung“ eingespielt. Seine Fans aber stehen weiter treu hinter ihrem Idol. Wie zur Bestätigung erhielt Karel Gott nach dem hohen Orden aus der Hand des tschechischen Präsidenten nun auch noch in seiner Heimatstadt Plzen (Pilsen) die Ehrenbürgerschaft. Knut Krohn

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