Streit um Favela : Drahtseilakt in Rio

Die älteste Favela Brasiliens hat eine Toplage: nah am Zentrum und Aussicht aufs Meer. 2014 kommt die Fußball-WM und 2016 Olympia – nun sorgen eine Seilbahn und Abriss für Ärger.

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Morro da Providência ist Brasliliens älteste Favela.Weitere Bilder anzeigen
Alle Fotos: Philipp Lichterbeck
12.05.2013 08:48Morro da Providência ist Brasliliens älteste Favela.

Es geht in diesem großen Streit um einen kleinen Hügel. Der steht mitten im Zentrum von Rio de Janeiro und ist 115 Meter hoch. Zu zwei Seiten bricht er schroff ab, zu den anderen aber läuft er sanft aus. Sein Rücken ist bedeckt mit dicht an dicht gebauten Häusern. Fragt man die Stadtverwaltung, wie viele Menschen dort leben, erhält man die Antwort: 4889. Realistische Schätzungen gehen von mindestens doppelt so vielen aus. Jahrzehntelang hat sich niemand für sie interessiert. Der Hügel war eine Favela, eine Siedlung ohne Staat, fest in der Hand der Drogenmafia. Nun tobt auf ihm der Streit darüber, wie das Rio der Zukunft aussehen soll. Das der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016.

Eine „Stadt für alle“ hat der Bürgermeister versprochen. Maurício Hora kann darüber nur lachen. „Rio wird zum Spielplatz für die Reichen und Touristen“, sagt er. „Die Armen und Alteingesessenen müssen gehen.“ Hora blickt einen aus grünen Augen über seine schwarze Brille hinweg an. „Unser Hügel ist klein, aber beispielhaft. Schau dich um!“

Tatsächlich gibt es keinen besseren Ort, um den Wandel zu verfolgen, den Rio zurzeit durchmacht. Der Fels trägt den Namen Morro da Providência – Hügel der Vorsehung. Vor 120 Jahren entstand an seinen Hängen die erste Favela Brasiliens. Ihr bekanntester Einwohner ist Maurício Hora. Fotograf, Künstler, Aktivist und Sohn des ersten Drogenchefs. Manche nennen ihn das Gedächtnis des Hügels.

Der Weg zu Hora führt über Rios Hauptbahnhof. Man kommt mit der Metro an, verlässt die Station über den Nordausgang, schiebt sich an hetzenden Pendlern vorbei, steigt über irre Obdachlose, erschreckt vor zahnlosen Prostituierten und barfüßigen Kids auf Crack. Vor einem Busterminal ragt ein kastenförmiger Betonrohbau in den Himmel. Stahlkabel führen heraus und hinauf auf den Morro da Providência. Gondeln baumeln daran.

Die Seilbahn ist eines der großen Prestigeprojekte des neuen Rios. Sie soll die Providência mit dem Bahnhof verbinden, „den Hügel an den Asphalt anschließen“, wie man hier sagt. Die Fahrt soll eine Minute dauern und für die Anwohner zweimal am Tag gratis sein. Ende Mai soll die Bahn ihre Jungfernfahrt absolvieren. Noch müssen sie sich in einen alten VW-Kombi quetschen. Zwei Reais, 80 Cent, nehmen die Chauffeure für die kurze Fahrt, hinauf und hinab.

Besuch auf dem Morro da Providência
Morro da Providência ist Brasliliens älteste Favela.Weitere Bilder anzeigen
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12.05.2013 08:48Morro da Providência ist Brasliliens älteste Favela.

Man kann auch laufen. Unter den Kabeln der Seilbahn führt eine schmale Treppe durchs Labyrinth aus unverputzten Häusern. Nach zehn Minuten ist man an der oberen Seilbahnstation angelangt. Rundherum sind Arbeiter mit Fegen, Bohren und Schrauben beschäftigt. Zur ersten Fahrt wird Rios Bürgermeister Eduardo Paes in der Favela erwartet. Er hat den Morro da Providência als „zweiten Zuckerhut“ bezeichnet, die nächste große Attraktion der Stadt. Umgerechnet 30 Millionen Euro hat seine Regierung in die Seilbahn gesteckt. Sie ist ein Element der Revitalisierungspläne für Rios verrottetes Hafenviertel, das sich auf der nördlichen Seite der Providência erstreckt. Auf dem 500 Hektar riesigen Areal sollen mithilfe privater Investoren Museen, Fußgängerzonen, eine Tram, Büro- und Wohntürme entstehen.

„Attraktion – für wen?“ Maurício Hora schaut die Seilbahnstation empor, die mit ihrem Glasdach wie ein Raumschiff inmitten der gammeligen Favela-Häuser wirkt. „120 Jahre haben sie uns ignoriert“, sagt Hora. „Und jetzt kriegen wir das hier geschenkt?!“ Der 44-Jährige ist klein, von rundlicher Gestalt und trägt ein schlabberiges T-Shirt. Anfang der 70er Jahre zog sein Vater unweit von hier die erste Koks-Verkaufsstelle des Viertels auf. Keine zehn Jahre später endete seine Karriere im Knast. Maurício Hora lernte daraus. Er wurde Fotograf und begann, das Leben in der Favela zu dokumentieren.

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