Tessin : Architektur als Interpretation der Natur

Er hat auf der ganzen Welt gebaut. Nun eröffnete Mario Botta in seinem Heimatdorf die „Steinblume". In der Zahnradbahn mit dem Stararchitekten.

Monumental. Bottas Bauten dominieren ihre Umwelt.
Monumental. Bottas Bauten dominieren ihre Umwelt.Enrico Cano

Das Glück des Schöpfers scheint dem Architekten fremd. Den Rücken gebeugt, die Hände gefaltet, den Blick über die Grenze nach Italien gerichtet, steht er still vor den Panoramafenstern. Ein Bild demütiger Einkehr. Mario Botta nimmt Abschied.

Am Vortag hatte der Tessiner Architekt sein neuestes Bauwerk eröffnet, ein Ausflugsrestaurant auf dem Monte Generoso, rund 1700 Meter über seinem Heimatdorf Mendrisio. Die lokale Presse feierte die aufgrund ihrer achteckigen Form „Fiore di pietra“ (Steinblume) getaufte kubistische Burg danach als „neues Wahrzeichen für Süd-Tessin“.

Seine Bauten erinnern oft an geometrische Skulpturen

Botta, der in den vergangenen 50 Jahren mehr als 100 Gebäude in der ganzen Welt entworfen hat, vom Einfamilienhaus in der Schweiz über Bibliotheken in Dortmund und Peking bis hin zu Bankhäusern in Athen und einem Museum in San Francisco, könnte also mit Recht stolz sein. Ist er aber nicht. Sei er nie, sagt der 74-Jährige, der mit seinen oft an geometrische Skulpturen erinnernden Gebäuden seine Heimat architektonisch so geprägt hat, dass man seinen Stil als „Tessiner Schule“ bezeichnet.

Der Philosoph Alain de Botton wälzte einst in seinem Buch „Glück und Architektur“ die Frage, wann und ob ein Gebäude den Menschen erheben und erfreuen könne. Eine wirkliche Formel fand er nicht. Doch zumindest für den Architekten muss man wohl sagen: am Ende nie. Botta wird später noch verraten, warum.

Wo ist die Übersetzerin? Und wo ist sei Handy?

Eine gute Stunde vorher. Der Bahnhof von Capolago, 20 Minuten Fahrt südlich von Lugano. Hinter dem gelben Bahnhofshäuschen ragt steil der Monte Generoso in den klaren Frühlingshimmel. Was, den ganzen Vormittag solle er jetzt einplanen, um sein Werk zu erklären? Botta wirkt alles andere als begeistert. Dann fehlt auch noch die Übersetzerin! Und wo ist überhaupt sein Handy?!

Aber gut, nun ist er einmal da. Energisch erklimmt der kleine Mann in der braunen Cordjacke und schlammfarbenen Cordhosen mit Bügelfalte den Waggon der Zahnradbahn. Immerhin das mit dem Handy lässt sich schnell regeln. Sein Sohn wird es ihm mit dem Auto zur Mittelstation bringen.

Es wäre leicht, Botta für einen Sturkopf zu halten. Bis heute arbeitet er ausschließlich mit dem Bleistift, und seinen Gebäuden wohnt ein zuverlässiger Wiedererkennungswert inne. Doch was immer man davon halten will, flexibel ist er. Was einen in Zeiten, in denen Kompromisslosigkeit gerne mit Charakterfestigkeit verwechselt wird, dann gleich mal für den grummeligen Start entschädigt. Übersetzt halt eine Dame vom Schweizer Tourismusverband. Wird schon passen.

Mario Botta (74) hat auf der ganzen Welt gebaut und seine Heimat Tessin architektonisch geprägt wie kein Zweiter.
Mario Botta (74) hat auf der ganzen Welt gebaut und seine Heimat Tessin architektonisch geprägt wie kein Zweiter.Foto: promo

Lärmend rumpelt die Zahnradbahn den Berg hinauf, vorbei an den silbernen Stämmen der noch kahlen Buchen, bis nach etlichen Kurven und einer halben Stunde Fahrt Bottas Bau in Sichtweite kommt. Früher stand hier oben mal ein Hotel, dann ein Gasthaus, jetzt funkelt auf dem Gipfelgrat zwischen der Schweiz und Italien Bottas eckiges Gebilde in der Sonne. Jeder James-Bond-Bösewicht würde sich darin sofort heimisch fühlen, so dominant und futuristisch prangt der Bau auf dem Fels.

Der Name war nicht Bottas Idee. Er selbst habe gar nicht an eine Blume gedacht, sondern eine streng geometrische Form entworfen, sagt er. Aber das tut er ja eigentlich immer, weswegen mancher Kritiker giftet, der Architekt, der unter anderem im Büro von Le Corbusier lernte, kopiere sich seit Jahren selbst.

Architektur als Interpretation der Natur

Aber wäre das schlimm? Alain de Botton schrieb: „Architekten sollten das Selbstvertrauen und die Güte besitzen, ein wenig langweilig zu sein.“ Mario Botta sagt: „Ich lese den Ort und forme ihn nach den Bedürfnissen des Menschen.“ Architektur als Interpretation der Natur durch das Unterbewusste – es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie sich Bottas Häuser auf dem Berliner Alexanderplatz gemacht hätten. Aber weil er den Wettbewerb anno 1993 nicht gewann, will er darüber auch gar nicht mehr reden.

Also zurück zur Natur: Als es um die Bebauung seines Heimatbergs ging, zeichnete Botta einen Turm mit sieben nach außen abgeknickten Vorsprüngen am Ende einer lang gestreckten Aussichtsterrasse. „Ich wollte die Geografie des Felsens fortführen“, erklärt Botta, der sich, inzwischen im holzverkleideten Tagungsraum im zweiten Stock des Gebäudes angekommen, doch noch warm geredet hat.

20 000 Tonnen Material mussten auf den Berg

25 Millionen Franken teuer war das Projekt, 20 000 Tonnen Material mussten sie mit einer eigens konstruierten Seilbahn auf den Berg karren, drei Kilometer Abwasserleitung verlegen. Zwei Jahre wurde gebaut. Fünf Entwürfe gab es, am Ende wurde der erste genommen. Keine Kompromisse? „Ach“, sagt Botta nur. Sein Lehrer Louis Kahn pflegte zu sagen, Architektur existiere nicht, das Einzige was existiere, sei das fertige Gebäude.

Wie ein Altar thront die Cappella Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro über dem Tal.
Wie ein Altar thront die Cappella Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro über dem Tal.Foto: Moritz Honert

Das hat nun statt des gewünschten Flachdachs eins mit Aufbauten, die Abluftanlage musste ja irgendwohin. Anstelle der Buchen draußen benutzte Botta Eichenholz („eine Qualitätsfrage“), und statt des Kalksteins, aus dem der Berg besteht, verbaute er Beton. Wie 2009 in dem doch ein wenig an eine Parkgarage erinnernden Weingut Moncucchetto in Lugano. Seine Erklärung: „Ich liebe die Gegenwart, und das sind nun mal die zeitgenössischen Materialien.“

Im dritten Stock der Fiore di pietra gibt es eine Cafeteria, darüber ein Restaurant, das am Freitag und Samstag auch abends geöffnet hat. Helle Holzböden, schnörkellose schwarze Tische. Das ausgefallene Äußere setzt sich im Innern, wo Botta sonst oft mit indirektem Licht arbeitet, nicht fort. Aber wie auch, wenn die Aufgabe war, das Panorama zu präsentieren.

Ob sich der Neubau mit Bottas inspiriertesten Arbeiten wie der Cappella Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro, die einem Altar gleich über dem Tal thront, messen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Doch vielleicht ist die Überlegung auch müßig. Eine allgemeingültige Definition von dem, was gefällt, existiert ja eh nicht, musste de Botton bei seinen Nachforschungen irgendwann feststellen.

Seine Bauwerke können auch provozieren

Lieber fragt man also, was Botta mit seinen Entwürfen eigentlich will. Das mit der Fortschreibung der Natur ist nämlich nur die halbe Wahrheit. Es geht ihm bei seinen Bauten, von denen man, wenn man im Tessin urlaubt, rund vier Dutzend besichtigen kann, nicht um eine nahtlose Einbettung in die Umgebung, kein Verwischen der Grenzen. Seine Gebäude stechen heraus, mitunter provozieren sie.

Wie die Kirche in Mogno zum Beispiel. Wenn man sich von Locarno aus kommend die Serpentinen des Maggiatals hinaufmüht, die so eng sind, dass kein Reisebus sie schafft, landet man irgendwann in dem winzigen Dörfchen, erbaut aus Holz- und Steinhütten. In deren Mitte steht wie ein abgestürztes Ufo ein von einem Schrägdach durchschnittener Zylinder: die Kirche San Giovanni Battista.

Den Entwurf für die Kirche San Giovanni Battista zeichnete Botta, so die Legende, nach 15 Minuten Ortsbegehung auf eine Serviette.
Den Entwurf für die Kirche San Giovanni Battista zeichnete Botta, so die Legende, nach 15 Minuten Ortsbegehung auf eine Serviette.Foto: Moritz Honert

Als Botta 1986 nach Mogno kam, um die von einer Lawine zerstörte Dorfkirche wiederaufzubauen, zeichnete er den Entwurf, so die Legende, nach 15 Minuten auf eine Serviette. Das Dorf war wenig angetan. Zu gewagt. Zehn Jahre Hickhack zogen ins Land, bis die Kirche stand. Damals blieb Botta hart. Obwohl: Am Ende verzichtete er auf Geld, um seine Vision zu realisieren und das Dorf zu einem anderen zu machen. Er bereut das nicht. „Ich will nicht Orte bebauen, ich will Orte bauen.“

Das gilt auch für den Monte Generoso. Botta selbst interpretiert sein neuestes Werk als eine Festung gegen die Banalität des Alltäglichen. „Schon die Fahrt hinauf mit der Zahnradbahn, die See und Gipfel wie eine Nabelschnur verbindet, ist eine Initiation“, sagt er. Die „Steinblume“ sei ein Ort der Reinigung. „Ein Platz, an dem man die Unendlichkeit spürt.“

Ein Blick vom Matterhorn bis nach Mailand

Das muss jeder selbst wissen. Aber zumindest hat man an klaren Tagen freien Blick vom Matterhorn bis nach Mailand – und das ist ja schon mal nicht verkehrt.

Ob sich Bottas Interpretation mit der seines Auftraggebers, dem Handelskonzern Migros, dem auch die Zahnradbahn gehört, deckt, ist nicht übermittelt. Auf der Eröffnungsfeier ließ man durchblicken, dass man sich von dem Restaurant vor allem mehr Fahrgäste verspricht, die Zahl war zuletzt rückläufig.

Botta arbeitet bis heute nur mit dem Stift. Eine Skizze transportiere für ihn Hoffnung, sagt er.
Botta arbeitet bis heute nur mit dem Stift. Eine Skizze transportiere für ihn Hoffnung, sagt er.Foto: promo

Botta muss das nicht mehr kümmern. Sein Job ist getan. Was er nun tun muss, ist, sich von seinem Werk zu verabschieden. Daher rühre seine Melancholie, sagt er. „Ein Gebäude zu übergeben, ist jedes Mal so, wie ein Kind loszulassen.“ Ein schmerzhafter Prozess.

Bei seinen leiblichen Kindern hat er das Abschiednehmen vielleicht auch deshalb zu verhindern gewusst. Natürlich zogen seine zwei Söhne und seine Tochter irgendwann aus, aber heute arbeiten sie allesamt in seinem Büro. Man kann auch das einen Kompromiss nennen.

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