Thomas Pletzinger : „Da zeigt dir eine Oma den Mittelfinger“

Für sein Buch "Gentlemen, wir leben am Abgrund" hat der Schriftsteller Thomas Pletzinger ein ganzes Jahr lang hautnah die Basketball-Profis von Alba Berlin begleitet. Ein Gespräch über smarte Riesen, rohe Machosprüche und Kabinengeheimnisse.

Lars Spannagel und Norbert Thomma
Thomas Pletzinger
Thomas PletzingerFoto: Mike Wolff

Herr Pletzinger, als junger Kerl hatten Sie einen großen Traum: Sie wollten Profi im Basketball werden.

Ich bin in Hagen aufgewachsen, und dort waren Basketballspieler die großartigsten und berühmtesten Menschen, die ich kannte. Sie sprangen derart hoch, dass sie für Sekunden in der Luft schwebten. Sie sorgten dafür, dass die Zuschauer völlig die Fassung verloren, rumbrüllten, aggressiv wurden oder in Jubel ausbrachen.

Das hat Sie fasziniert?

Absolut. Und dann denkt man: Wäre das toll, wenn ich das wäre! Wenn ich so etwas könnte!

Sie haben dann selbst bei Brandt Hagen gespielt, auf ganz gutem Niveau.

Für die Bundesliga hat es bei Weitem nicht gereicht. Als ich 18 war, habe ich mein Trikot in den Schrank gelegt. Ich hätte ehrlicherweise früher erkennen können, dass das nichts werden würde.

Dafür hat der „Spiegel“ vor vier Jahren Ihr Romandebüt so gefeiert: „So mit edlen Dichterwassern gewaschen und auf die Spannungspauke dreschend, so breitbeinig und gerissen hat sich lange kein junger deutscher Schriftsteller ins Getümmel der Welt gestürzt.“ War das Applaus genug?
Das war gut, aber es ist eine völlig andere Art von Beifall als der Jubel einer hysterischen Sporthalle in einer ramponierten Stadt.

Nun haben Sie in der Saison 2010/2011 ein ganzes Jahr lang das Basketball-Team von Alba Berlin begleiten und hinter die Kulissen schauen dürfen. Stimmt Ihr Jugendtraum mit der Realität überein?
Ich habe gelernt: Profi sein ist harte physische Arbeit. Dieses Leben ist überraschend unspektakulär. Als Zuschauer nimmt man ja nur die Bühnensituation wahr, diese anderthalb euphorischen Stunden im Scheinwerferlicht. Im Alltag aber ist alles durchgetaktet. Es wird festgelegt, was die Spieler essen, wann sie aufstehen, welche Bewegungen sie immer wieder machen müssen. Sinnvolle Monotonie. Mein Kindertraum war wilder und bunter.

Es ist eben Arbeit, und zwar eine sehr gut bezahlte. Spitzenspieler in Deutschland verdienen bis zu 400 000 Euro im Jahr – netto!
Richtig. Doch habe ich dieses Leben gerne verklärt und für ungeheuer glamourös gehalten.

Sie hatten Glück und erlebten bei Alba die turbulenteste Saison der Vereinsgeschichte. Der Trainer wurde ausgetauscht, auch einige Spieler, es gab grausame Niederlagen. Und trotzdem stand nach 67 Spielen Ende Juni ein Finale in Bamberg an: Der Sieger würde Meister sein. Wie ist das, wenn sich ein ganzes Jahr auf zwei Stunden verdichtet?
Es war das Ende adrenalingeschwängerter Play- off-Wochen, für mich ging alles immer schneller und schneller und schneller, ich konnte das Ganze kaum noch einordnen. Wir fuhren immer wieder nach Oldenburg und zurück, nach Frankfurt und zurück, nach Bamberg und zurück, oft hätte eine Niederlage das Aus bedeutet. Und dann sitze ich da in dieser besonderen Bamberger Atmosphäre und denke nur: Eins noch! Gewinnt dieses Spiel! Ich will wissen, wie es ist, Meister zu sein. Der Lärm ist infernalisch, die Trommeln sind Kriegstrommeln. Die Bamberger betreiben ihr Fan-Sein mit großem Ernst. Da siehst du eine Oma mit Krücken und sie zeigt dir den Mittelfinger. Und das ist schön, eine völlig hochgeschraubte Intensität.

Und die Alba-Spieler?
Die waren in der Kabine schweigsamer als sonst, weniger Witze als sonst, konzentrierter als sonst. Völlig angespitzt auf ihr Ziel und klar, sehr klar. Ich dachte: So fühlt sich eine Einheit an.

Zwei Minuten vor Schluss führte Berlin, die Meisterschaft war nah, dann gewann Bamberg mit 72:65.
Es war fürchterlich. Man sieht etwas, was man nicht sehen will. Ein Bamberger wirft und die Halle explodiert, der nächste wirft und trifft wieder. Es ist ein widerliches, kaltes Gefühl. Du weißt: Egal, was ich jetzt tue, es hilft nichts, es hilft nichts… Ich erinnere mich noch, wie ich mein Notizbuch zuklappte.

In dieser aufgepeitschten Atmosphäre sollten Sie arbeiten, beobachten, schreiben.
Ich hatte meine Objektivität schon Wochen vorher über Bord geworfen, in den letzten Minuten habe ich nur zwei, drei Sachen notiert, aber eher als Übersprungshandlung. Es war magisches Denken. Der Versuch, das Spiel zu beeinflussen. Ich habe geschrieben: „Nicht zu früh freuen, nicht zu früh freuen!“, das hatte ich schon einmal gemacht und es hatte gewirkt. Auch dieses Ritual half nicht. Ich ging dann nach der Siegerehrung in die Kabine und dachte, da wird jetzt gezetert, geflucht. Doch da war nur Stille. Man konnte die Vibration eines Handys in einer Jackentasche hören.

Das war das Finale. Gab es während der Saison ähnlich dramatische Situationen?
Die Rückfahrt von Caserta kurz vor Weihnachten, wir hatten da im Eurocup gespielt, es gab den siebten Sieg in Folge. Mehr als 40 Stunden dauerte diese Reise! 40 Stunden ging schief, was nur schief gehen kann. Wir gaben auf dem Flughafen Neapel unser Gepäck auf, es war angenehm warm, jeder behielt nur leichte Kleidung für den Flug. Zwischenlandung in München, statt weiterzufliegen sahen wir Schnee und Räumfahrzeuge. Mit der S-Bahn zum Bahnhof, dort wehten weiße Flocken herein, alle froren, ein paar Spieler teilten sich eine Jacke, andere lehnten mit dem Rücken an einem Wurststand, um sich zu wärmen. Im T-Shirt im Schnee, das sind keine idealen Reisebedingungen. Dann hielt der Zug Richtung Berlin auf freier Strecke und es hieß, durch den Thüringer Wald kommen wir heute nicht mehr. Verwehungen. Also Ausstieg in Nürnberg, aber alle Hotels waren ausgebucht: Christkindlesmarkt. Wirren über Wirren. Einen Bus organisieren, auf schliddriger Straße nach Bamberg fahren. Zahnbürsten besorgen, übernachten, weiter mit dem Bus, sechs Stunden im Stau auf der Autobahn. Einige Spieler hatten sich erkältet, die Energie war raus, es folgten viele, viele Niederlagen.

Sie sind mit 1,94 Meter unter Basketballern schon einer der Kleineren. Mit so einer Gruppe von Riesen unterwegs zu sein, sorgt das ständig für Aufsehen?
Wenn das Team irgendwo aussteigt, schwarze Hemden, schwarze Trainingshosen, dann ist das für die Leute wie eine Freakshow, die denken: Der Zirkus kommt in die Stadt. Das ist in Moskau nicht anders als in Quakenbrück. Viele Menschen haben noch nie jemanden gesehen, der 2,15 Meter groß ist wie Patrick Femerling oder Miroslav Raduljica. Die kommen dann und wollen ein Foto machen, obwohl sie gar nicht wissen, wer dieser riesige Mensch eigentlich ist.

Das klingt verdammt anstrengend.
Es ist ja auch nicht nett, immer auf seine besondere Körperlichkeit angesprochen zu werden. Aber die langen Spieler sind da ganz souverän. Es ist die Variation des ständigen Größen-Dialogs: „Na, wie ist die Luft da oben?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben