Einsatz für einen Menschenaffen : Projekt Lolita

Die wahrscheinlich traurigste Zoogeschichte der Welt - oder: Wie die Berliner Tierärztin Marthe Arends sich für die Rettung einer Schimpansendame in Burkina Faso engagierte. Und wie sie versucht, das Leben des Tieres weiter gut zu sichern.

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Gute Freunde. Obwohl Lolita mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hat, fasste sie zu Marthe Arends Vertrauen. Die sagt: "Lolita würde mir nie etwas antun."
Gute Freunde. Obwohl Lolita mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hat, fasste sie zu Marthe Arends Vertrauen. Die sagt:...Foto: privat

Der Rat lautete: „Suchen Sie sich da bloß kein Projekt, in das Sie sich reinsteigern“, und er kam von ihrem Doktorvater von der tierärztlichen Fakultät der Freien Universität. Das war im April 2012, bevor sie los flog nach Burkina Faso, Westafrika, um dort für ihre Promotion die Rinderhaltung eines halbnomadischen Volks zu untersuchen.
Dreieinhalb Jahre später ist Marthe Arends längst wieder in Berlin, und lacht, als sie von dem Rat erzählt, wie gut der Professor sie doch kannte! Denn natürlich war da doch ein Projekt, das sie weniger gesucht hätte, als das es plötzlich da stand, in Form eines Schimpansen mit einer Kette um den Hals auf einer baufälligen Mauer in Bobo Dioulasso, Burkina Fasos zweitgrößter Stadt, und als sie näher ranging, um zu schauen, wieso der Affe mitten in der Stadt auf einer Mauer steht, entdeckte sie die wahrscheinlich traurigste Zoogeschichte der Welt.

Sie ist das letzte Tier im Zoo. Alle anderen sind tot.

Hinter der Mauer verfielen die Reste des Tierparks, für den seit der Unabhängigkeit des Landes von der französischen Kolonialherrschaft keiner mehr sorgte. Und der Schimpanse, ein etwa 35 Jahre altes Weibchen namens Lolita, war das letzte Tier, das hier noch lebte. Mit Kette um den Hals in einem Käfig mit kaputtem Dach. Alle anderen waren tot: vertrocknet, verhungert, verdurstet, gewildert.
Dass allein die Schimpansin überlebte, erklärt Marthe Arends mit deren Menschenähnlichkeit, die genügend Städter berührt habe, die immer wieder Essensreste oder Mangos für sie übrig hatten. Immer wieder besuchten sie ihren Käfig. Manche allerdings nur, um Lolita zu ärgern. Männer provozierten sie mit äffischem Verhalten, Kinder schmissen ihr Dinge an den Kopf, piesackten sie mit spitzen Ästen, man gab ihr Zigaretten, die sie rauchte wie ein Mensch.

Aber das wusste Marthe Arends alles nicht, als sie Lolita zum ersten Mal sah. Was sie wusste, war, dass ihr das Bild von dem angeketteten, abgemagerten Tier, seinem kahlen Schädel, von dem es alle Haare heruntergerissen hatte, und vor allem der leere Blick aus den allzu menschlichen Augen nie wieder aus dem Kopf gehen würden.
„Ich kann mich damit nicht abfinden“, sagt die 31-jährige Tierärztin und lächelt entschuldigend, „auch wenn mich das aufhält.“ Und wie es sie aufhielt!

Bildergalerie: Einsatz für einen Menschenaffen. Schimpansin Lolita im Zoo von Bobo Dioulasso in Burkina Faso
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1 von 9Foto: Marthe Arends
11.10.2015 10:41Erstes Vertrauen


Die zweite Besonderheit des Zoos von Bobo Dioulasso ist neben dem einen verbliebenen Tier der eine Angestellte, den es noch gibt: Mamadou, der mit seinem schmalen Gehalt seine große Familie ernährt. Davon, Lolita wegzugeben, hielt er natürlich nichts, das gehe nicht, das Tier gehöre der Stadt, sagte er der Deutschen, aber als die vorschlug, wenigstens den Käfig zu reparieren und für Verpflegung zu sorgen, war er begeistert.
Ein Jahr lang verbrachte Marthe Arends mit dem Affen. Sie organisierte Helfer, Baumaterial, Farben, der Käfig wurde ausgebessert, erweitert, bunt gestrichen, und dann fand sie – nach zähem Palaver mit Bürgermeister und Stadtverwaltung – auch noch einen Arzt, der Lolita betäubte, so dass sie ihr die Kette vom Hals abnehmen konnten. Da hatte man sie in der Stadt schon „Mama Lolita“ getauft. Und Lolita blühte bei so viel Zuwendung, tierärztlicher Versorgung und regelmäßiger Verpflegung auf – fast zu sehr.

Lolita begriff: Weiße Frauen sind gut zu ihr

Als sie dank der vielen Bananen zu dick wurde, musste sie Diät machen. Dennoch lernte sie nach so vielen Jahren voller schlechter Erfahrungen mit Menschen noch einmal, einem von ihnen zu vertrauen. „Lolita ist sozial völlig gestört, aber sie versteht viel“, sagt Marthe Arends. Was die Schimpansin schnell begriffen hat: Weiße Frauen sind gut zu ihr. Dagegen hegt sie gegenüber schwarzen Männer und Kindern einen wütenden Groll, von dem nur der Zooangestellte Mamadou ausgenommen ist.

Schuhöffner Lolita - noch angekettet.
Schuhöffner Lolita - noch angekettet.Foto: Marthe Arends


Dieses Sympathienverteilen findet Mathe Abends so menschlich, wie vieles andere an Lolitas Verhalten auch: Sie sei traurig, sie sei wütend, sie liebe einen, sie hat ein Schmusetuch, das sie hütet wie einen Schatz, sie versteht Komik, macht Scherze, sie lernt Sprache zu verstehen, kann auf Kommando ihre Blechschale bringen, trinkt Yoghurt aus Plastikflaschen, schraubt die zu und wirft sie hinter sich, sie klaut gerne Sachen und zieht Schnürsenkel aus Schuhen. Und einmal hat Marthe Arends sie dabei beobachtet, wie sie zwischen Möglichkeiten abwog.

Das Schmusetuch brachte Lolita in Zwiespalt

Da war Lolita aus ihrem Käfig entwischt und auf dem Zoogelände unterwegs. Gefahr im Verzug also, denn ein Schimpanse – Männerhasserin Lolita zumal – kann sehr gefährlich werden. Auf ihrem Weg nach draußen hatte sie aber ihr Schmusetuch fallen lassen. Das nahm nun die herbei gerufene Marthe Arends und zeigte es Lolita. Wenn Arends heute davon erzählt, sagt sie „die Arme!“, denn nun habe Lolita dagestanden und die Wahl gehabt: ohne ihr geliebtes Tuch weiterziehen oder zurück zum Tuch, was gleichbedeutend war mit zurück in den Käfig. Man habe es in ihrem Gesicht richtig arbeiten sehen, sagt Arends, und dann habe Lolita sich für das Tuch entschieden – nicht ohne einen Wutanfall zu kriegen, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

. . . und endlich mal frei.
. . . und endlich mal frei.Foto: Marthe Arends


Aber irgendwann war die Zeit um, die Marthe Arends in Burkina Faso hatte, und im Grunde gingen die Probleme dann erst los. Wie von Berlin aus einen Affen in Afrika versorgen? Anfangs hatte sie noch zwei niederländische Frauen als Verbündete, die sich dort eine Existenz aufbauen wollten, aber die gaben ihre Pläne auf und zogen weg. Und dann? Geld an Mamadou oder andere afrikanische Freunde schicken? Unmöglich. Die Chance, dass es bei dem Affen ankomme, sei zu gering, sagt Marthe Arends. Das nimmt sie niemandem übel. Es gebe für die Menschen in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, dringendere Probleme als der Hunger eines Affen, egal wie liebenswert er ist. Und welches Geld überhaupt?

Ein Hilfsverein wäre wichtig. Spenden auch.

Die Situation fuchst Marthe Arends. „Ich will nicht so eine von denen sein, die sich mal kurz engagieren, und dann weg sind“, sagt sie. Nun plant sie, selbst nach Burkina Faso zu gehen und sich zu kümmern. Ihren Job als Veterinärin für Großtiere würde sie kündigen, um einen Wiederanstellung macht sie sich keine Sorgen, die würden immer gebraucht. Aber sie ist mit ihrem „Projekt Lolita“ allein.
Noch ist die Versorgung mit Wasser und Nahrung geregelt. Hofft sie zumindest. Aber wo ist die Perspektive? Das Letzte, was sie hörte, war, dass der Zoo verkauft worden sei an einen lokalen Restaurantbetreiber, und, dass Lolita Bobo Dioulasso verlassen und umziehen dürfe. Aber was stimmt davon, was bedeutet das? Nichts ist klar. Telefonate sind umständlich, Rückrufe werden nicht getätigt, Emails an die Verwaltung versanden, und ihr Vertrauter Mamadou kann nicht lesen.
Eine Organisation im Rücken würde helfen, sagt sie. Dann wäre es einfacher, Spenden zu sammeln, dann würde der Bürgermeister von Bobo Dioulasso sie sicher nicht noch mal vier Monate auf einen Termin warten lassen. Bisher hat sich noch keine gefunden, aber aufgeben wird sie nicht. Lolita retten sei ja keine private Angelegenheit, findet sie und wirkt zum ersten Mal ganz unärztlich emotional, als sie anfügt: „Das ist doch eine Sache der Menschheit.“

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