Welt : Tschüss Deutschland

Immer mehr Bundesbürger wandern aus – weil sie im Ausland bessere Chancen für sich sehen

Tim Klimeš

Es ist kurz nach dem „Umzug in ein neues Leben“ (Kabel 1), sie alle haben „Goodbye Deutschland“ (Vox) gesagt und sitzen nun auf ihren Fernsehsesseln in fremden Ländern und schauen sich selbst beim Wegsein zu: „Die Auswanderer“ (Pro7) sagen „Deutschland ade“ (RTL).

Seit Monaten flimmert die Realität nun schon über deutsche Bildschirme: Immer mehr Bundesbürger wandern aus Deutschland aus und senden die letzten Grüße per Privatfernsehen in die zurückgelassene Heimat. In einer Umfrage des Instituts Allensbach vom September dieses Jahres, würde jeder fünfte Deutsche es den Fernsehvorbildern gerne gleichtun. Mehr als der Hälfte der 883 Befragten gefielen andere Länder schlicht besser als Deutschland. Rund ein Drittel gab berufliche Gründe für das Fernweh an, dahinter landeten familiäre (28 Prozent) und steuerliche Motive (17 Prozent).

292 634 Menschen sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im ersten Halbjahr 2007 ausgewandert, davon rund 155 000 Bundesbürger. Beliebtestes Ziel bei den Deutschen ist nach wie vor die Schweiz. Gut 10 000 Bundesbürger zog es im ersten Halbjahr 2007 hin zum Nachbarstaat. In der Gesamtheit betrachtet liegt jedoch Polen vorn. Trotz deutsch-polnischem „Kartoffelkrieg“, dem Pipeline-Streit und anderer diplomatischer Querelen, wanderten rund 50 000 Menschen aus Deutschland Richtung Polen ab. Der Migrationsforscher Klaus Bade von der Universität Osnabrück geht davon aus, das darunter jedoch auch manche Aussiedler und Spätaussiedler sind. Von den 50 000 waren die wenigsten Bundesbürger, nämlich gerade mal 4000.

Seit 2005 sind die Fortzüge aus Deutschland wieder angestiegen. Während es vor zwei Jahren nur knapp 145 000 Deutsche wegzog, waren es 2006 bereits 155 000. Und auch nach der Halbjahresstatistik 2007 ist kein Ende des trends abzusehen. Für Wissenschaftler Bade ist die so genannte Auswanderungswelle erst einmal nur eine Abwanderungswelle. Die Statistik zähle nur Fort- und Zuzüge, nicht aber die Wanderungsabsicht. „Auswanderung aber ist das Verlassen des Herkunftslands ohne die feste Absicht, jemals wieder dorthin zurückzukehren“, sagt der Wissenschaftler. Laut Bade schreibe man in der Bundesrepublik was die Wanderungsbilanz deutscher Staatsangehöriger angehe, seit Jahren rote Zahlen. Bis 2005 wäre das noch durch die Zuwanderung von Spätaussiedlern verdeckt, die als rückwandernde Deutsche gezählt wurden. 2006 dann brach die Rückwanderung der Spätaussiedler ein.

Bundesinnenminister Schäuble sieht in der steigenden Zahl von Auswanderern keinen Grund zur Besorgnis. Da Deutschland mit seiner offenen Wirtschaft stärker als jedes andere Land in die Globalisierung eingebunden sei, sei die Entwicklung nicht überraschend, sagte Schäuble Mitte Oktober im Bundestag. Immerhin seien auch die beiden diesjährigen deutschen Nobelpreisträger, Peter Grünberg und Gerhard Ertl, im Ausland gewesen – und wieder zurückgekommen. Es sei daher falsch, in der Entwicklung „eine Bedrohung oder einen Beweis für den Niedergang des Landes zu sehen“.

Auch Forscher Bade sieht die Auswanderung nicht als bedrohlich. Vielmehr seien sie in „Zeiten der Globalisierung und der weltweit wachsenden transnationalen Mobilität“ völlig normal. Andere europäische Länder würden das Problem auch haben – „aber die kümmern sich mehr um geeignete Zuwanderung“. Für die FDP ist die Abwanderung eine „Abstimmung mit den Füßen“. Als Gründe für die große Auswanderung sieht die Partei vor allem fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten und eine zu hohe Steuer- und Abgabenlast.

Die deutsche Sesshaftigkeit scheint ein Modell aus Zeiten zu sein, in denen Unions-Politiker noch verkündeten, die Rente sei sicher. Wie das Institut Allensbach Anfang des Jahres herausfand, würden rund 30 Prozent der unter 30-Jährigen finanzielle Lücken im Alter durch das Auswandern in ein Land mit niedrigeren Lebenshaltungskosten stopfen.

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