Werbinich : Vollendete Zukunft

Unsere Welt in 100 Jahren: moderne Sklaven, automatische Schrippen und Briefe auf Papier. Eine Fiktion

Sara Tröster

Amos Nanteck ist drahtig und sehr agil. An diesem spätsommerlichen Morgen, die Sonne wühlt sich rotgesichtig aus dem großstädtischen Dunst, joggt Nanteck mit seinem handlichen Laufcomputer schon die zweite Runde. Wenn er sich dann auf den Rückweg begibt, schaut er zur Freude seiner neuen Freundin meist kurz beim Bäckerautomaten vorbei.

Nach kurzem Überlegen tippt Amos auf dem interaktiven Bildschirm auf das Piktogramm „Schrippe“, die Zahl „2“ und das Piktogramm „Vollkornbrötchen“. Amos schwenkt seine elektronische Bürgerkarte unter dem Laser durch, spricht als PIN seinen Namen in die Sprechanlage und empfängt das Backwerk durch ein sich öffnendes Fach. So haben die Menschen am Anfang des 21. Jahrhunderts Geld am Bankautomaten abgehoben. Freundlich bedankt sich eine Frauenstimme für den Einkauf und wünscht ihm einen schönen Tag. Es ist eine ausgezeichnet aufgezeichnete Ansage. Amos reißt sich zusammen, um nicht aus Versehen zu antworten – als Mitglied der alten Generation tut er sich zuweilen schwer mit der Anpassung.

Hinter der farbenfroh gestalteten Automatenfront herrscht geschäftige Stille. Die Roboter rühren Teig, formen ihn zu Brötchen, Brot, Croissants. Auf Fließbändern fährt das Brot in Richtung Backraum, wo Roboter sie in Öfen schieben. MacAllen steht als einziger Mensch dabei und beaufsichtigt das Geschehen. Heute ist er, der Hilfsingenieur, für den reibungslosen Ablauf des Bäckereiprozesses zuständig. Allmählich setzt sich der wissenschaftliche Fachbegriff Noviserv, „neue Sklaven“, durch. „Roboter“ klingt einfach zu negativ.

Die Brötchen duften durch die knisternde Tüte. Entspannt trabt Amos heim zu Disenija. Sie gehört zum Stand der Denker. Als Managerin arbeitet sie für den gigantischen Hippokrates-Konzern, der unter anderem das Anti-Aging-Gen Praeventio in praktischer Pillenform vertreibt. Es schaltet das Alterungsgen aus, welches sich spätestens ab dem 30. Lebensjahr bemerkbar macht. Die Bevölkerung macht zusätzlich eine regelmäßige, die allgemeine Vitalität steigernde Stammzellentherapie – meist schon vor der so genannten „30er-Schwelle“. Diese beiden Methoden halten die Menschen über mehrere Dekaden hinweg frisch. Falten, graues Haar, Cellulite und Krampfadern sind Fremdwörter geworden, die höchstens noch im Geschichtsunterricht besprochen werden. Disenija kann sich nicht beklagen. Ihrem Unternehmen geht es gut.

Sie deckt den Tisch und freut sich auf Amos. Ob er an die Brötchen gedacht hat? Noch vor ein paar Wochen machte sie sich Sorgen um ihn. Ständig hatte er Dinge vergessen und wirres Zeug geredet. Dann kam endlich die ersehnte Alzheimerdiagnose. Nach zwei Wochen Therapie war Amos wieder ganz der alte. Mit dem von ihrer Firma entwickeltem Medikament AlzAway wird Amos mindestens 180.

Vorbei an der vollautomatischen Straßenreinigung passiert der restaurierte Greis die personalfreie Ladengalerie, sein Zuhause. Voller Freude entreißt Disenija ihrem Freund die Brötchentüte: alles drin! AlzAway hat angeschlagen! Gute Testergebnisse sind für sie wertvoller als Gold: Sie sichern ihre Position als führende Denkerin. Amos dagegen gehört wie der Hilfsingenieur MacAllen dem Stand der Verbraucher an.

Nach dem Frühstück begleitet Amos seine Freundin zur Metro. Das Modell der Linie 14 in Paris hat sich global durchgesetzt. Ferngesteuert. Videoüberwacht. Sie fährt in den Konzern und er zur zentralen Brief- und Paketabholstation. (Die Station sorgt für regelmäßige Beschäftigung der Verbraucher. Regellosigkeit und Langeweile sind Gift für die menschliche Seele, das wurde schon früh erkannt.)

Auf dem Weg zur BPA-Station zieht Amos sich einen Coffee-to-go am Getränkeversorger und schaut im Musikpod vorbei. Aus kleinen, weißen Geräten gelangt dort die Musik über Kopfhörer in die Gehörgänge des Menschen. Nach Stilrichtungen geordnet, befinden sich in jedem Gerät mehrere hundert Alben der verschiedensten Bands und Orchester. Die Karte dient dabei gleichzeitig als Bezahl- und Datenspeichermodul, als Bibliotheks-, Videotheks- und Personalausweis. Gegen Missbrauch schützt die Verbindung mit wahlweise dem Klang der Stimme oder den biometrischen Daten. Meistens wird die Iris gescannt, Missbrauch ist unmöglich. Amos hat schon lange nicht mehr in seiner Westentasche nach Kleingeld gewühlt.

Nanteck entscheidet sich für Beethovens neun Symphonien, interpretiert von den Berliner Philharmonikern. 25 Punkte werden von seiner Karte abgebucht. Wie Manager, Politiker, Ärzte, Künstler, Designer, Lehrer, Wissenschaftler und Ingenieure gehören die Berliner Philharmoniker zum Stand der Denker. Sie verdienen viermal so viel wie ein einfacher Verbraucher. Ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten werden damit entsprechend gewürdigt. Doch die Denker verdanken ihre Gewinne nicht allein ihrer Arbeitskraft, sondern zum größten Teil der Kaufkraft der Verbraucher. Die Denker stellen den Hauptteil ihres in materiellen Gewinn umgewandelten, geistigen Gutes dem Staat zur Verfügung. Aus diesem Topf werden die laufenden Kosten für zum Beispiel Straßenbau, innere Sicherheit, Bildung und Rüstung gedeckt; zum anderen Teil aber wird ein beträchtlicher Betrag den Verbrauchern zur Generalversorgung zugeteilt. Nicht ausgegebenes Geld verfällt. Dadurch bleibt der Wirtschaftskreislauf in Schwung, vererbt wird nichts.

Die zentrale Umverteilung des Geldes berücksichtigt die Tatsache, dass es in dieser hoch technisierten Welt nicht genug Arbeit für alle Menschen gibt. Ehemals körperliche Arbeiten werden nun ausschließlich von Noviservs verrichtet.

Mit dem System der Sklaven bestätigt sich eine sehr alte These: Schon Aristoteles wusste, dass es ohne Sklaverei keine Freiheit gibt. Sie ist sogar eine notwendige Einrichtung, „(...) denn es bedarf der Muße, damit die Tugend entstehen und politisch gehandelt werden kann“. Anders ausgedrückt kann der Mensch, Aristoteles zufolge, seine Fähigkeiten erst dann voll entfalten, wenn andere ihm die Mühsal des reinen Überlebens abnehmen. In diesem Fall sind das die Automaten und Roboter. Damit die materielle Wertschöpfung der Noviservs aber sinnvoll ist und damit die menschliche Freiheit lebbar, braucht es eine finanziell starke Verbraucherschicht.

Um die anfallende Arbeit, welche nicht oder noch nicht den Noviservs anvertraut werden kann, unter den Menschen zu verteilen, wurde die menschliche Gesellschaft in die beiden bereits vorgestellten Klassen geteilt, Verbraucher und Denker. Bei Letzteren handelt es sich um hoch qualifizierte, kreative Köpfe. Sie leisten die geistige Arbeit.

Die Verbraucher dagegen sind gut ausgebildete, aber nicht ehrgeizige Personen, die sich auf Familie, persönliche Entfaltung und Hobbys konzentrieren wollen. Darüber hinaus arbeiten viele von ihnen etwa zehn Stunden pro Woche. Die meisten Aufgaben fallen dabei in der Kontrolle der Noviservs an, weshalb viele Verbraucher eine technische Ausbildung durchlaufen.

Nachdem Amos Nanteck auf der Packstation fünf handschriftliche Briefe abgeholt hat, schaut er sich nach einem neuen Anzug um. Er tritt durch die automatische Glastür, streift durch den in warmes Licht getauchten personalfreien Raum, um sich ausmessen zu lassen. Er zieht den Vorhang zur Scankabine zu, legt seine alten Kleider ab und aktiviert den Knopf, woraufhin seine gesamten Körpermaße sekundenschnell ausgewertet und elektronisch verarbeitet werden. Die Daten speichert er auf der Bürgerkarte, die er mit der ihm vertrauten Bewegung unter dem Laser des Verkaufsmoduls durchzieht, das Fach öffnet sich und spuckt mehrere Anzüge aus. Freudig entscheidet sich Amos schließlich für einen silbergrauen Einknopfanzug aus Schurwolle mit Seide von Sorobo. 500 Punkte. Das ist ein Monatseinkommen. Er entschließt sich daher zu einem 12-Monats-Laufvertrag. Die anderen Anzüge werden zurückgebucht.

Danach holt sich Amos am Italomaten eine Pizza Mista. Seine Enkelin Nina wird später noch mit ihrem neuesten Kind vorbeikommen. Sie hat es bei Beauty Baby, einem der vornehmeren Labore, welches höchste eugenische Ansprüche zu erfüllen verspricht, entwerfen lassen. Fast alle Kinder werden jetzt in vitro nach den Wünschen der Eltern designt, mit Berücksichtigung von Haut- und Haarfarbe, Statur, Intelligenz und Gemüt. Diese können zwischen mehreren Begabungen wählen. Aus Rücksicht auf das Kindeswohl dürfen maximal drei zur Anwendung kommen. Diese Entwicklung wurde durch die ebenfalls gentechnologisch begründete, deutlich höhere Lebenserwartung von derzeit 150 bis 200 Jahren befördert. Um eine Bevölkerungsexplosion zu verhindern, wurde die Zahl der Kinder pro Person auf ein Stück limitiert. An Ninas neuem Kind ist noch nicht viel zu erkennen. Laut Prospekt soll aus ihm einmal eine blonde Pianistin und Stabhochspringerin mit einer Begabung für Biochemie werden.

Manchmal denkt Amos zurück an die Welt vor der Zeitenwende. Dann ist er sich manchmal nicht mehr sicher, ob die Menschheit ihre Technologien wirklich kontrollieren kann. Was etwa wird mit Ninas Kind passieren, wenn es sich auf einmal als unmusikalisch erweist? Wenn es nicht glattes, goldblondes, sondern mausgraues Haar bekommt?

Meist enden die Gedankengänge jedoch in der Überzeugung, dass der Schulterschluss der Staatstheorie mit der Nano-, Gen- und intelligenten Robotertechnologie gerade noch rechtzeitig kam: In diesem Staat der Zukunft fusionieren antike Staatsvorstellungen eines Platon oder Aristoteles mit denen zeitgenössischer Wirtschaftsbosse. Die beiden Zielrichtungen sind das Streben des Einzelnen nach Tugend, zum guten, zum vollkommenen Leben, andererseits aber die vollkommene Respektierung dessen, was dem Wirtschaftswachstum förderlich ist. Zwei Richtungen, die bis dahin unvereinbar schienen, gehen ineinander auf und ergeben ein Vielfaches der Summe ihrer Teile: den idealen Wohlfahrtsstaat. Hier hat jeder Mensch die Freiheit, sich zum Besten zu entwickeln.

Dieser Text entstand im Rahmen des Essay-Wettbewerbs „Was wird aus dem 21. Jahrhundert?“, den „Cicero, Magazin für politische Kultur“ veranstaltet hat. Wir dürfen den stark gekürzten Beitrag exklusiv abdrucken. Sara Tröster (25) hat den zweiten Platz des Cicero Essay-Preises belegt. Herzlichen Glückwunsch! Mehr zu dem Wettbewerb findet Ihr in der aktuellen Oktoberausgabe von Cicero oder unter www.cicero.de/essay-preis

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