Wie "Xaver" auf der Hallig Hooge wütete : Mitten im Sturm

Es ist zwei Uhr nachts. Sie sitzen auf der Hallig Hooge zusammen im Gasthaus „Zum Seehund“ und warten. Immer wieder gehen sie hinaus zur Nordsee und sehen nach, wie hoch das Meer schon ist. Wenn es weiter steigt – das wissen sie genau –, dann können sie nichts dagegen tun, gar nichts. Eine Reportage mitten aus dem Orkan "Xaver".

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Land unter. Die Sturmflut überspülte auch die Hallig Hooge in der Nordsee. Dort sagen sie: So ist das Leben. Und rücken zusammen – noch enger als sonst.
Land unter. Die Sturmflut überspülte auch die Hallig Hooge in der Nordsee. Dort sagen sie: So ist das Leben. Und rücken zusammen –...Foto: Torsten Hampel

Es ist kurz vor zwei, als sie zum ersten Mal sehen wollen, was die Nordsee in dieser Nacht aufzubieten hat. Wortlos, aber wie auf Kommando erheben sich vier Männer und eine Frau von den Stühlen, auf denen sie in der vergangenen halben Stunde gesessen haben. Wortlos gehen sie zur Tür hinaus. Draußen schreit der Wind. Waagerecht fliegende Hagelkörner prallen gegen Mützen, gegen Wetterjacken und Wathosen, feine kalte Stiche treffen die Gesichter. Breitbeinig stemmen die fünf sich gegen den Sturm und das Eis, und nach 40 Schritten stehen sie ihr gegenüber: der See.

Taschenlampen leuchten Wellenkämme ab, verfolgen, wie weit sie aufs grasbewachsene Ufer vordringen. Lichtkegel fallen auf angespülte Heuballen und staken gelegentlich auch in den Westhimmel, der trotz das Hagels schwarz und klar und sternenübersät über allem hängt. Es stimmt etwas nicht. Es ist Sturmflut auf der Hallig Hooge.

„Viel Platz ist nicht mehr“, schreit einer der fünf. „Und wir haben noch eine Stunde vor uns.“ Eine Stunde, in der das Wasser weiter steigen wird. Das Wasser, das die tiefer gelegenen Teile der Hallig seit dem Nachmittag schon überschwemmt hat und nun an dieser Erdaufschüttung leckt, auf der die Häuser der Leute stehen.

Falls einer ernstgaft in Sorge sein sollte - es ist davon nichts zu merken

Die Erdaufschüttung heißt die Hanswarft, 15 Häuser, dicht beieinander, derzeit 30 Bewohner. Sie ist, wenn man so will, das Stadtzentrum von Hooge, von sechs Quadratkilometern Überflutungsgebiet mit zehn besiedelten Erdhügeln, auf denen insgesamt 110 Menschen leben.

So wütete Orkan "Xaver"
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1 von 136Foto: dpa
07.12.2013 22:19Nachdem das Orkantief "Xaver" aus Niedersachsen abgezogen ist, läuft am Samstag der Fährverkehr zu den ost- und nordfriesischen...

Die fünf haben genug gesehen. Sie wanken zurück zur Gastwirtschaft „Zum Seehund“. „Und?“, fragt einer der Dagebliebenen. „Na ja“, bekommt er zur Antwort. Dann bricht der nächste Trupp auf.

Zehn Warftbewohner haben sich um halb zwei in der Nacht zum Freitag im „Seehund“ eingefunden. Bei Sturmfluten machen sie das immer so. Sie halten Wache, rücken noch enger zusammen als ohnehin schon. Sie fragen „Und?“, und sie antworten „Na ja“. Zwischendurch ruft jemand die Nummer der Pegelmessstelle an, stellt das Telefon laut und hält es in die Luft. Eine Frauenstimme sagt jetzt: „Hier ist der automatische Messwertansager der Gemeinde Hooge. Pegel Hooge, Wasserstand in Zentimetern: 863, Tendenz: steigend.“ Der normale, durchschnittliche Hochwasserwert auf Hooge liegt bei 630 Zentimetern. Irgendjemand sagt wieder „Na ja“.

Es ist eine im Grunde recht merkwürdige Veranstaltung. Die Menschen bleiben nachts wach, sie sitzen im Halbdunkel eines Gasthofs beisammen, sie gehen immer wieder raus, um nach dem Meer zu sehen. Sie müssen – und das ist die naheliegende und einzig mögliche Erklärung – das aus einer Sorge heraus tun. Aber falls hier einer in ernsthafter Sorge sein sollte, ist davon nichts zu bemerken. Das Wort nimmt jedenfalls keiner in den Mund.

Es hat seinen besonderen Grund, dass sie hier alle zusammengekommen sind. Gleichzeitig ist es eine Nacht wie jede Sturmflutnacht. Sie tun, was sie tun können, und können zugleich doch gar nichts tun. Aber niemand verbreitet Angst, und obwohl nahezu jeder alle paar Minuten „Da kann man nichts machen“ sagt, herrscht hier auch keine Schicksalsergebenheit. Hier scheint gar nichts zu herrschen – außer der Nordsee.

„Wasserstand in Zentimetern: 881, Tendenz: steigend.“

Die Wettervorhersagen hatten ernst geklungen in den vergangenen Stunden. Windspitzen von 180 Kilometern pro Stunde seien zu erwarten, teilten die Meteorologen mit, die Hydrologen erwarteten Flutwasserstände, die dreieinhalb Meter über dem Mittelwert liegen. Ab drei Metern werden die Erdgeschosse der Häuser auf der Hanswarft nass.

„Wer will noch Kaffee?“, fragt der „Seehund“-Wirt. „Wer will Bier?“ Ein paar Hände heben sich, der nächste Erkundungstrupp geht raus, und Erco Jacobsen, der Leiter des Hooger Touristikbüros, spricht Werner Boyens an. „Bernie, du bist doch der Älteste hier in der Runde. Erzähl’ doch mal was.“

„Zwei solche Stürme in vier Wochen, das macht uns nachdenklich.“

Boyens, ein einstiger Seefahrer, der heute Bilder malt, strafft sich und fängt an zu reden. „Wir hatten ja Sturm ,Christian’ vor ein paar Wochen“, sagt er, „und zwei solche Stürme in vier Wochen, das macht uns nachdenklich.“ Er fühlt sich sofort unwohl mit diesem „Wir“, mit diesem Wortführerton, den er da gerade angeschlagen hat. Er greift an den Reißverschluss seiner Jacke, fährt mit der Hand durchs Haar. Aber er ist nun einmal dazu angehalten worden, eine Art Rede zu halten, also hält er sie. „Vielleicht sind wir jetzt wieder ein bisschen aufmerksamer geworden“, sagt er. „Sind unsere Warften in Zukunft hoch genug? Das bezweifle ich.“

Boyens hat einen gerahmten Zettel von Zuhause mitgebracht. Hinter Glas, mit blauer Tinte geschrieben, steht darauf: „Fragen, die immer wieder vorkommen!“ Es sind Fragen, die den Halligbewohnern oft von Sommergästen gestellt werden, und empfohlene Antworten darauf.

„Was machen Sie im Winter?“ – „Nichts!“

„Leben Sie immer hier?“ – „Ja.“

„Wann war das letzte ,Landunter’?“ Für die korrekten Antworten darauf reicht der Platz auf dem Zettel nicht aus. Es sind über die Jahre immer neue Sturmfluten dazugekommen. Ein paar hat Boyens vergessen einzutragen, aber vor allem in der jüngeren Vergangenheit ist Boyens wieder beflissener geworden. „Herbst 2011 und Winter 2012“, steht auf dem Zettel, und darunter: „19. Oktober, 26./27./28. November, 4. Dez., 9./10. Dez., 13. und 15. Dezember, 29. Dezember, 6. Januar, 13. Januar, 22. Januar.“

Das Wort Klimawandel fällt nicht in Boyens’ Rede. Dazu ist seine handgeschriebene Statistik zu lückenhaft, und auch die „Landunter“-Zählungen der Wetterforscher ergeben keine einheitliche Systematik, dass sich da gerade etwas zu ändern scheint. Sie liefern bestenfalls Anhaltspunkte. Und das alles andere überlagernde Sturmflutdatum liegt ohnehin mittlerweile 51 Jahre zurück. Es ist das Jahr 1962. Damals starben auf der Hanswarft einige Hühner. Menschen kamen – anders als in Hamburg – nicht zu Schaden. Dennoch ist die Jahreszahl hier präsent.

Bei Boyens im Haus gibt es an einer Wand eine Stelle – auch sie ist eingerahmt –, auf der Hochwassermarkierungen aufgemalt sind. 1962 ist dabei, 1976, andere Jahreszahlen, die Markierungen reichen von Knöchelhöhe bis über das Knie. In den Köpfen der Menschen hier sind sie sowieso.

Im Kopf von Hartwig Binge zum Beispiel. Er ist Jahrgang 1958, war 1962 also vier Jahre alt, und die früheste Erinnerung, die er hat, rührt aus diesen Tagen. Seine Familie ist seit Generationen auf Hooge, sie betreibt Landwirtschaft. Binge sieht seinen Vater noch die Schafe in den Hausflur treiben. Er sieht die Kühe im Stall, die bis zum Bauch im Wasser stehen. Sich selber verortet er auf dem Arm seines Vaters, der ihn aus dem Haus trug und in den benachbarten Rohbau des Onkels brachte, ins Obergeschoss.

Christa Ketelsen, Jahrgang 1937, geboren auf der Nachbarinsel Pellworm und seit 1956 auf der Hooger Hanswarft, sieht sich noch fernsehen, „Die Hesselbachs“, eine Satireserie, als der Nachbar plötzlich in der Tür stand und sagte, dass sie schnell rauskommen sollten. Kurz danach ging der Kachelofen aus, weil er im Salzwasser stand. Ihr Mann trug ein Kalb aus dem Stall auf den Heuboden, die Ketelsens nahmen die Nachbarn auf, die in einer niedrigen Friesenkate lebten.

„Wasserstand in Zentimetern: 884, Tendenz: steigend.“

Sie sagt: „Das ist unser Leben.“ Binge sagt: „Wenn’s passiert, man kann sowieso nicht viel machen.“

Aber das, was sie machen können, machen sie. Und zwar mit aller Konsequenz. Sie wissen, dass Wetter etwas Ernstes sein kann.

Sie haben einen Deich um die Hallig gebaut, der Flutwasserstände bis einen Meter fünfzig über Normal draußen hält. Sie haben die Warften erhöht. In den Wohnhäusern gibt es Schutzräume in den Obergeschossen, die auf eigenen, tief im Boden gründenden Fundamenten stehen. Sie haben sich bevorratet, und sie haben die Erdgeschosse leergeräumt. Was sie dort an Möbeln nicht herausbekamen, die schweren Erbstücke, stellten sie auf Tische, die Tischbeine stellten sie in Eimer. Vor den Türen liegen Sandsäcke. Und als sie mit all dem fertig waren, zogen sie sich Gummisachen an und gingen zum „Seehund“, um beisammen zu sein.

Es sind Kleinkinderweisheiten, die sie hier auf der Hanswarft befolgen. So sei das Leben, sagen sie, man könne wenig machen. Aber genau dieses Wenige machen sie dann eben auch. Das unterscheidet sie von den Festlandleuten.

Einige der hier im „Seehund“ Versammelten haben am Abend die Fernsehnachrichten geschaut. Sie haben in die offenen Münder von Reportern gesehen, die vor tosendem Meer die Sturmankunft verkündeten. An jedem Nordsee-Fährhafen, so machte es den Eindruck, schien einer von ihnen zu stehen und auf wankenden Beinen die Macht des Windes und der Flut zu beschwören. Die Hanswarfter kamen dennoch nicht auf die Idee, den Fernsehleuten Sensationslust zu unterstellen.

Der Wind soll keine Chance bekommen, auch Hölzer sammeln sie lieber ein

Sie haben, auch im Fernsehen, einen Lastwagen gesehen, unterwegs auf einer Bundesstraße auf dem schleswig-holsteinischen Festland, der davon heruntergeweht wurde. Er war unbeladen, also leicht. Es sind genau solche Sachen, diese Art des Leichtnehmens von Gegebenheiten, die sie bei Sturm hier unterlassen. Sie räumen hier sogar herumliegende Holzreste beiseite, damit der Wind bloß keine Gelegenheit bekommt zu zeigen, was er damit anstellen könnte.

Die Telefonstimme sagt: „Wasserstand in Zentimetern: 884, Tendenz: steigend.“ Das sind etwa zweieinhalb Meter über Normal. Boyens, der eben noch so warnend von ihrer aller Nachdenklichkeit sprach, sagt jetzt laut: „Ich gehe davon aus, dass wir mit 90 Prozent“ – und dann macht er eine Pause – „95, 96, 97 Prozent Wahrscheinlichkeit bald wieder ins Bett gehen können.“ Wie kommt er darauf? Gefühl? Erfahrung? Er bleibt die Antwort schuldig. Es fragt auch keiner nach.

„Wasserstand in Zentimetern: 892, Tendenz: steigend.“ – „Wasserstand in Zentimetern: 904, Tendenz: steigend.“ – „Wasserstand in Zentimetern: 894, Tendenz: fallend.“

Die letzte Ansage hört schon niemand mehr von den Menschen im „Seehund“. Sie erfolgt kurz nach vier Uhr am Freitagmorgen, alle sind seit einer Stunde wieder in ihren Häusern. Die Häuser sind trocken. Ungefähr ein Viertelmeter hat am Ende gefehlt. Boyens hat recht behalten.

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