Wutreden : Verein für deutliche Aussprache

Kurt Becks Wutanfall ist kein Einzelfall – Schimpfkanonaden haben in der Politik eine lange Tradition. Dabei sind die deutschen Politiker noch sehr zurückhaltend.

Bernd Matthies
Beck
Freund klarer Worte. SPD- Chef Kurt Beck. -Foto: imago

Kurt Beck hat im Parteivorstand auf den Tisch gehauen, aber die offizielle Version klingt nicht gerade wie ein Donnerschlag: „Ich werde diese Tonlage in der parteiinternen Diskussion nicht mehr akzeptieren." Das kennen die zankenden Flügel; der glaubhafte Wandel vom Bussi-Beck zum Basta-Beck erfordert härtere Mittel. Deshalb ist, psst, durchgesickert worden, was der Vorsitzende hinter den geschlossenen Türen eigentlich gesagt hat: „So einen Scheiß lasse ich mir nicht mehr bieten!“

Noch, so scheint es, ist die deutsche Öffentlichkeit also nicht reif dafür, dass ein aktiver Volksparteichef das S-Wort direkt an sie richtet. Und auch in den Wortprotokollen der Parlamente taucht es nur extrem selten auf. Der Pionier der deutlichen Aussprache im Bundestag, Herbert Wehner musste selbst tätig werden, um das Tabu zu brechen, allerdings wagte auch er es nur im strengen Sachzusammenhang: „Die Leute sollen reisen und nicht scheißen!“ rief er dazwischen, um eine ansonsten längst in Vergessenheit geratene Debatte über Bahnhofs- und Zugtoiletten zu befruchten.

Ähnlich indirekt klingt, was sich Helmut Schmidt in seiner Lieblingsrolle als klartextender Elder Statesman herausgenommen hat: In seinem aktuellen „Zeit“Interview greift er ein älteres Motiv wieder auf, das er vor Jahren schon im „Spiegel“ genutzt hatte: „Wir hatten alle die Kriegsscheiße hinter uns“, dazu drei weitere Fundstellen. Der Krieg ist in diesem Rahmen gewissermaßen der Katalysator, der den Fäkalbegriff passend und damit weniger anrüchig erscheinen lässt.

In Italien sind die Sitten härter

Die deutsche Demokratie funktioniert besser als viele andere, beispielsweise die italienische. Deshalb ist bei uns nur schwer vorstellbar, was im römischen Parlament 2004 mehrheitlich sanktioniert wurde: Die Abgeordneten dürfen sich seither freizügig beschimpfen und auch ins Ekel-Repertoire greifen. Allerdings handelte es sich bei dieser Entscheidung in erster Linie um einen Befreiungsschlag zugunsten des Lega-Nord-Abgeordneten Stefano Stefani, der einen Kontrahenten als „Stück Scheiße“ bezeichnet hatte; durch den seltsamen Beschluss wurde eine peinliche Beleidigungsklage gegen Stefani beerdigt.

In Deutschland ist das nicht so der Stil, weder die grobe Attacke, noch die heikle nachträgliche Entsorgung. Und die Kluft zwischen dem Politikervokabular und dem Sprachgebrauch ihrer Wähler bleibt groß – kein Hauch des straßenüblichen Gepöbels dringt ins hohe Haus. Joschka Fischer in seiner Rüpelphase traute sich was, aber auch er federte seine berühmte Attacke gegen den amtierenden Bundestagspräsidenten Richard Stücklen 1984 mit einer höflichen Floskel ab: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ Dafür flog er raus, entschuldigte sich später und mutierte zum Riesenstaatsmann, anders als Jürgen Möllemann, der es nur zum „Riesenstaatsmann Mümmelmann“ brachte, dem berühmtesten Beschimpfungsklassiker von Franz Josef Strauß. Fischer selbst fing sich von Michael Glos den Titel „Zuhälter!“ ein, das reichte für einen Ordnungsruf, nicht mehr.

Deftiges von den Hinterbänklern

Giftige Zwischenrufe sind längst keine Domäne der staatstragenden ersten Garde mehr – heute müssen es die Hinterbänkler richten. Der Karlsruher SPD-Abgordnete Jörg Tauss, eine Art Wehner light, erholt sich von seinem drögen Arbeitsfeld – Bildung, Forschung, Neue Medien – gern mit saftigen Zwischenrufen, die allerdings eher durch schiere Menge als besondere Originalität auffallen. Immerhin hat auch er sich anlässlich des unrühmlichen Schröder-Abgangs mit einer prägnanten Formulierung in die ewige S-Liste eingetragen: „Wenn man in der Scheiße steckt, darf man nicht auch noch den Kopf reinhängen lassen.“ Von Oskar Lafontaine gibt es ebenfalls Einschlägiges: „Schweinebande!“ Allerdings blieb unklar, ob er damit die gegnerischen Parteien meinte, oder nur Großunternehmen, die Leute entlassen. „Kameradenschwein!“ blaffte ein Sprecher des rechten Seeheimer Kreises zurück.

Kreativ ist das alles nicht, nie von jener schillernden Tiefgründigkeit, die Herbert Wehner in seinen besten Momenten erreichte: „Frühstücksverleumder!“ Und warum allgemein schimpfen, wenn es auch persönlich geht? „Hodentöter“ raunzte Wehner über Jürgen Todenhöfer, „Übelkrähe“ über Jürgen Wohlrabe, und den Parteifreund Klaus von Dohnanyi ferkelte er mit der hocheleganten Bemerkung ab: „Da wird wieder dohnaniert.“ Verglichen damit ist Kurt Beck noch ganz und gar in der Bussi-Phase.

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