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Zuhause im Bahnwaggon : Endstation

26.12.2010 01:00 Uhrvon
Die Suche nach einem passenden Grundstück war schwieriger als die nach den Waggons. In Marl, im Ruhrgebiet, steht das neue Zuhause des Fotografenpaars, das an Silvester einziehen wird.Bild vergrößern
Die Suche nach einem passenden Grundstück war schwieriger als die nach den Waggons. In Marl, im Ruhrgebiet, steht das neue Zuhause des Fotografenpaars, das an Silvester einziehen... - Foto: marco stepniak

Sie lernten sich auf einer Zugfahrt kennen und waren sich einig: Unser Zuhause soll aus Bahnwaggons bestehen. Diesen Traum zu realisieren war mühsam. Jetzt wird er wahr.

Mitte Oktober wurde es noch einmal riskant. Da setzte der Kranfahrer zurück, der Leichtsinnige, ohne Einweiser, dabei sah er doch nach hinten nichts. Er rammte den Waggon, der rollte an, bewegte sich zehn ganze Zentimeter in eine Richtung – und hätte die Konstruktion um ein Haar unrettbar verschoben. Sie hielten die Luft an, für zehn Zentimeter, nichts barst, nichts krachte, ein Glück. Auch für den Kranfahrer, den Verrückten, denn der hätte etwas zu hören bekommen von den beiden, die am meisten erschraken von allen auf der Baustelle.

Vanessa Stallbaum und Marco Stepniak, 28 und 34 Jahre alt, zeigen voller Stolz auf ihr Eigenheim, das man im Gespräch schnell Haus nennt, das aber weit entfernt davon ist, eines zu sein.

Zwei Eisenbahnwaggons haben die beiden auf ihr Grundstück tief im Ruhrgebiet gestellt, die Längsseiten einander gegenüber. Dazwischen, als Übergang gewissermaßen, ist ein Häuschen errichtet. Von oben, aus der Luft, sieht die Konstruktion aus wie ein H.

Als der Kran den Waggon rammte, da waren sie gerade dabei, das Verbindungshäuschen mit den Waggons fest zu verschrauben. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn!

„Es ist komplizierter als gedacht“, sagt Marco Stepniak, meint den Aus- und Umbau seiner Waggons zu Wohnbereichen und erklärt auch gleich warum: „Du kannst niemanden fragen.“ Denn das Projekt, das er und seine Freundin begonnen haben, ist eigenwillig. Weswegen es schwierig ist, jemanden zu finden, der genau weiß, wie in einem Bahnwaggon eine Fußbodenheizung verlegt werden kann; wie die Wagen energiefreundlich und ausreichend gedämmt werden sollten. Alles muss extra geplant werden.

Den Traum, in einem Bahnwaggon zu leben, hatte Marco Stepniak schon seit vielen Jahren. Vorbild war ein Jugendklub, der in zwei Waggons untergebracht war, ganz in der Nähe seiner Heimatstadt Herten. Als er vor drei Jahren Vanessa Stallbaum kennenlernte – übrigens während einer Zugfahrt – und ihr von seiner Idee erzählte, war sie gleich begeistert.

Sie machten sich auf die Suche nach passenden Waggons und wurden fündig im Internet, wo, zu ihrer eigenen Überraschung, ein reger Handel mit den tonnenschweren Wagen herrscht. Vor anderthalb Jahren kauften sie ihre Postwaggons, Baujahr 1974 und 1975, tausende Kilometer gefahren. Was ganz gut passt zu ihren Besitzern, die als Fotografen viel unterwegs sind, und denen das Leben im Zugabteil die Sesshaftigkeit leichter erträglich macht. Denn man könnte ja, zumindest theoretisch, gleich wieder weiterfahren.

Die beiden Waggons, die einem Schweizer gehört und in einem Krefelder Betriebswerk gestanden hatten, brachten sie in die Reisezugwerkstatt in Mönchengladbach, um sie neu zu lackieren und zu säubern. Parallel begann das Paar die Suche nach einem passenden Grundstück. Ein Architekt zeichnete ihnen Entwürfe, sie kümmerten sich um eine Gebäudeversicherung, kauften zwei kleine Modellwaggons von Märklin, zur Illustration, und zogen damit von Stadtverwaltung zu Stadtverwaltung. Groß musste das Grundstück sein, es galt dutzende Gebäude-, Bau- und sonstige Richtlinien zu beachten. In ein Wohngebiet durften sie ihre Waggons nicht stellen, in ein Gewerbegebiet schon. Doch durften sie da nicht wohnen.

Im November 2009 schließlich wurden sie fündig in Marl-Sinsen, in einem Gewerbe-Mischgebiet. In der Nachbarschaft wohnen Familien mit Hunden und solche mit Gabelstaplern, nebenan ist ein Naturschutzgebiet, und vom nahen Bahnhof tönt manchmal das Rattern der Züge herüber. Der Soundeffekt zur Wohnung.

Auf der Baustelle ist es an einem Samstag Ende Oktober ziemlich kühl. Es regnet. Drinnen in einem der Waggons dudelt ein Radio, Dämmwolle liegt aufgehäuft in einer Ecke. Wie weit sie mit ihrer Arbeit im vergangenen Jahr gekommen sind, das sehen vor allem Vanessa Stallbaum und Marco Stepniak. Estrich gegossen, Wände isoliert und Fenster. Die ganz besonders! Dichtungen für die alten Schiebefenster gab es nicht mehr. Schon wieder brauchte es eine Sonderanfertigung – und Zeit. Stallbaum hält die Hand vor eines der Fenster, nickt beruhigt. Kein Luftzug.

Das meiste haben sie allein restauriert, manchmal haben Freunde geholfen, oft Stepniaks Vater Bruno. Der 66-Jährige steht in einer Ecke und verflucht die Winkel und Streben einer Tür, wegen derer er das Dämmmaterial ganz besonders kleinteilig zuschneiden muss. Er hat alles Mögliche gelernt, sagt er, Schreiner unter anderem. Er hilft, wie und wo er kann, denn professionelle Handwerker kosten und werden deshalb nur für Spezialaufgaben angeheuert: für den Anschluss der Badewanne etwa, die an einem Ende eines Waggons steht, Blick aus dem Fenster ins Grüne.

Vom Badezimmer geht es ins Schlafzimmer, von dort ins Arbeitszimmer. Dass sie vielleicht übers Bett klettern müssten, um ins dritte Zimmer zu kommen, weil der Raum so schmal ist, darüber lachen die beiden. Im zweiten Waggon sollen Küche und Speisezimmer untergebracht werden, das Verbindungshäuschen wird zum Wohnzimmer – mit Ofen, wenn möglich.

Fotos: Marco StepniakBild vergrößern
Fotos: Marco Stepniak - Foto: marco stepniak

Ehrlich gesagt seien sie alles „nicht so logisch angegangen“, sagen sie. Aber hätten sie vorher überblickt, was auf sie zukommt, vielleicht wären sie zurückgeschreckt. Heute fürchten sie sich vor gar nichts mehr. Bei ihrer Arbeit auf der Baustelle begleitet sie sogar das Fernsehen. Auf Vox werden sie in einem Jahr zu sehen sein, als Teil der Serie „Ab in die Ruine“.

Die Möbel aus den 50 Quadratmetern ihrer bisherigen Wohnung in Recklinghausen verteilen sie nun auf etwa 170. Einige der Schränke und Postsortierfächer aus den alten Waggons wollen sie wieder einbauen und nutzen, als Regale für Arbeitszimmer und Küche zum Beispiel. Gemütlich soll es sein – aber auch authentisch. Die Notbremse wird in der Küche wieder installiert, die Schilder bleiben hängen: „Beim Verlassen des Wagens Licht und Heizung abschalten“, steht auf einem. Mit „Säge“ oder „Desinfektionsmittel“ sind Kästen im Schlafzimmer ausgezeichnet.

Wenn man auf der Straße steht und auf das leicht erhöhte Grundstück blickt, auf die beiden Waggons, die sich wuchtig und groß links und rechts des Häuschens erheben, ihre schweren Räder auf Schienenstücken, dann lässt sich ein Bruchteil der Schwierigkeiten erahnen, die es bereitete, die Wagen überhaupt zu transportieren. Die Gleisstrecke musste gemietet werden, ein Lokführer dazu.

In einer nahen Zeche ließen sie die Waggons umladen auf Schwertransporter, nachts ging es dann im Schneckentempo bis zum neuen Grundstück. Etwa 24 000 Euro zahlten sie für den Transport, 20 000 Euro Kaufpreis kamen pro Waggon dazu, 74 000 für das 1660 Quadratmeter große Grundstück. Irgendwann hörten sie auf, alles genau nachzurechnen. „Der Kredit“, sagen sie, „muss in 16 Jahren abbezahlt sein.“ Das ist wichtig.

Vater Bruno wiegt derweil den Kopf, wenn es ums Geld geht. Es wird teurer als du denkst, hat er seinem Sohn immer wieder gesagt. Wohl wissend, dass Mahnungen solcher Art bei Marco höchstens den Wunsch auslösen, das Unmögliche erst recht zu versuchen. Etliche Rekordversuche hat der schon hinter sich, vom 24-Stunden-Feuerleiterklettern am Oberhausener Gasometer bis zum Dauerwasserrutschen-Rutschen im Schwimmbad. Weswegen der Vater gar nicht erst probierte, ihm die Waggonidee auszureden – sondern damals lieber gleich mitfuhr, die Wagen auszusuchen.

Was in und um die Waggons herum passiert, haben sie detailliert in Bildern dokumentiert. „Damit man nachschlagen kann, wie etwas wo war“, sagt Stepniak. Jedes Stück ist zudem gekennzeichnet, damit sich der restaurierte Waggon wieder astrein zusammenfügt.

Bilder vom Bau und historische Aufnahmen wollen sie auch aufhängen, wenn sie mal ganz fertig sind. Zum Richtfest Ende Oktober hatten sie Kopien aus alten Bahner-Heftchen an die Wände geklebt. Männer, die Post sortieren, Bier trinken, zwischen Säcken sitzen. Zu gern würden sie einen von ihnen zum Essen einladen in ihr neues Haus, seine alte Arbeitsstelle.

Mitte Dezember funktioniert in den Marler Waggons schließlich die Heizung, es gibt fließendes Wasser, Bad und Küche sind gefliest. Die alte Wohnung werden Marco Stepniak und Vanessa Stallbaum zum 31. Dezember verlassen. Wie geplant.

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