25 Jahre Deutsche Einheit : „Wunden verheilt, doch Narben schmerzen noch“

Ehemalige Spitzenmanager aus Ost und West blicken zurück auf den Wettbewerb der Systeme – und bei manchen Themen ist die Mauern noch nicht gefallen.

von
Karl Döring, ehemaliger Minister und Spitzenmanager der DDR, am 25. September im Gespräch mit Heinz Dürr von der Dürr AG und der Bahn AG.
Karl Döring, ehemaliger Minister und Spitzenmanager der DDR, am 25. September im Gespräch mit Heinz Dürr von der Dürr AG und der...Foto: Sebastian Bertram

Der Zündstoff des Abends liegt auf einem Büchertisch im Vorraum: Ein Stapel kopierte Seiten des jüngsten Wirtschaftsteils der „Zeit“. Das Aufmacherfoto zeigt einen Mann mit Schnurrbart, Brille, Schutzhelm und Kutte, wie er in einer Werkhalle, an ein Geländer gelehnt, ziemlich kritisch in die Arbeitswelt guckt. Der Mann ist Karl Döring, Ende siebzig. Er war ein Wirtschaftskapitän in der DDR, zuvor stellvertretender Minister, seit 1985 Generaldirektor des VEB Bandstahlkombinat in Eisenhüttenstadt und nach der Wende bis 1994 Chef der EKO Stahl AG.

"Es ist ein Mythos, dass die gesamte DDR marode war"

Das Interview mit diesem ehemaligen Leiter eines Großbetriebs mit 20 000 Beschäftigten ist aufschlussreich, an einer Stelle geht Döring voll aus sich heraus: Er könne dieses ewige Herumnörgeln an der Wirtschaft seines Staates nicht mehr hören. Er lässt sich mit den Worten zitieren: „Es ist ein Mythos, dass die gesamte DDR marode war. Bei uns in Eisenhüttenstadt war nichts marode“.

Bei einer Veranstaltung Ende vergangener Woche traf der ehemalige Topmanager auf dem Podium eines Ost-West-Wirtschaftsforums in der thüringischen Landesvertretung einen westdeutschen Kollegen, Heinz Dürr. Beide versuchten, den Tagesordnungspunkt „Wirtschaften in sozialer Marktwirtschaft und sozialistischer Planwirtschaft“ abzuarbeiten.

Döring zitiert den Papst, der „das Wirtschaftssystem geißelt, unter dem die Menschheit leidet“, der Dalai Lama befindet, dass die Menschen heute die Sklaven des Geldes seien. Jedenfalls: „Die beiden Ökonomien, die wir erlebt haben, sind nicht zukunftsträchtig“. Jeder habe das Recht auf soziale Sicherheit und Arbeit, sagt die Uno-Charta von 1966, aber das funktioniert nicht. Deshalb gehöre die Schlüsselindustrie zum Eigentum des Staates, und die Wirtschaftszweige der Daseinsfürsorge dürfen nicht dazu benutzt werden, Gewinn zu erwirtschaften.

Zuweilen brechen ideologische Gräben auf

Natürlich sieht das Unternehmer und Ex-Bahn-Chef Heinz Dürr ganz anders. Unternehmer sind die Motoren der Marktwirtschaft, Funktionäre dirigieren die Planwirtschaft. Vielleicht tut er damit gebildeten, fachlich versierten und human denkenden DDR-Betriebsleitern unrecht. Nur: Sie waren zu oft und immer wieder enttäuschte Opfer vom ideologischen Starrsinn der Vertreter jener Partei, die stets alles besser wusste und immer recht hat, wie es im Marschlied heißt. Manche Direktoren resignierten, andere kämpften, flogen aus dem Job, wurden zurückgeholt – waren denn da die Unterschiede zwischen Personal- und Kaderleitungen wirklich so groß?

Die Chefs in beiden Systemen begegnen einander freundlich und hochachtungsvoll. Nur manchmal brechen urplötzlich die ideologischen Gräben auf. Als Dürr auf das Thema schlechter Startbedingungen der DDR wegen hoher Reparationsleistungen kommt, sagt er en passant: „Die Russen haben ja alles mitgenommen!“ Das zündet bei Döring, der in der UdSSR studiert und dort viele Freunde hat: Er weist die laxe Bemerkung streng zurück, „schließlich haben die Deutschen Russland kaputtgeschlagen“. Und überhaupt: „Mir fällt es schwer, von einem Einigungsprozess zu reden, weil es ein Anschlussprozess war“.

"Der Westen verkauft sich eben teurer"

Die alten Schlachten: Davon ist einiges bei den Hauptakteuren aus der DDR geblieben. „Und sind die Wunden längst verheilt, so schmerzen noch die Narben“, sagt Eckhard Netzmann, einst Generaldirektor von SKET Magdeburg.

Am Ende dieses Einheits-Dialogs, organisiert von der Firma Rohnstock-Biografien, beschenkten sich die Wirtschaftskapitäne mit ihren Biografien: Heinz Dürr: „In der ersten Reihe“, Karl Döring: „Stahl für die Welt“. Der Dürr kostet 24,90 Euro, der Döring 9,99. „Ist mal wieder typisch“, sagt einer. „Der Westen verkauft sich eben teurer“.

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite "25 Jahre: Deutsche Einheit".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben