Wirtschaft : 7,50 Euro für ein Schwein

Hohe Futterkosten gefährden die Existenz der Züchter. Ohne höhere Fleischpreise, sagen sie, geht es nicht

Johannes Pennekamp

Berlin - 11 000 Ferkel erblicken jedes Jahr im Zuchtbetrieb von Armin Hoffmann das Licht des Schweinestalls. Leben kann der 35-jährige Landwirt aus Schrollbach in der Nähe von Kaiserslautern von den Tieren aber nur schlecht. „Es ist eine absolute Katastrophe“, sagt Hoffmann. Er arbeitet jeden Tag bis zu zwölf Stunden im Stall, um seinen Familienbetrieb zu retten. Der Ferkelpreis reicht nicht, um Futter, Strom und seine beiden Angestellten zu bezahlen. „Meine finanziellen Rücklagen sind aufgebraucht, jetzt helfen nur noch Goodwillgespräche mit Banken und Lieferanten“, klagt der Landwirt.

Wie Hoffmann geht es derzeit Tausenden von Bauern in ganz Deutschland, die Schweine züchten und mästen. Laut dem Deutschen Bauernverband kämpfen viele Betriebe ums Überleben. Daher fordert der Verband, die Mäster müssten höhere Preise bei den Verarbeitern durchsetzen.

Dietmar Weiß von der Marktberichtsstelle der Agrarwirtschaft (ZMP) hat ausgerechnet, was ein Bauer in diesem Jahr an einem Mastschwein verdient – beziehungsweise was es ihn kostet. Für ein Mastschwein bekommt der Bauer rund 130 Euro. „Zieht man davon die Futterkosten ab, bleiben im Durchschnitt 7,50 Euro übrig.“ Viel zu wenig, der Berufszweig schreibt rote Zahlen: „Kostendeckend wären 23 Euro pro Schwein, doch davon sind wir im Moment weit entfernt“, sagt Weiß.

Auf diesem kostendeckenden Niveau standen die Preise in den vergangenen Jahren. Die Bauern bauten neue Ställe und weiteten ihre Produktion aus. Mittlerweile gibt es 27,1 Millionen Schweine in Deutschland – so viele wie nie zuvor. Doch die Nachfrage zog nicht mit, die Preise purzelten. Die Bauern hatten diesen sogenannten Schweinezyklus einkalkuliert. Was sie allerdings nicht vorhergesehen hatten: Die Futterpreise explodierten: Sie schossen im laufenden Jahr um fast 30 Prozent in die Höhe.

Helfen würden den Landwirten jetzt entweder sinkende Futterpreise oder höhere Verkaufspreise an die Fleischindustrie. Beides ist nicht in Sicht. „Die schlechte Getreideernte lässt die Futterpreise weiter steigen, und an der Warenterminbörse in Hannover sind Preissteigerungen für Schweinefleisch frühestens im Dezember absehbar“, prognostiziert Weiß. Die Erzeuger müssten mit den Verlusten leben und die Situation aushalten.

Für viele der rund 80 000 Schweinemast- und Zuchtbetriebe könnte der Aufschwung im Dezember zu spät kommen. „Wenn es so weitergeht, stehen viele Bauern im Oktober mit leeren Händen da“, sagt Rainer Mellies, der in Ostfriesland existenzbedrohte Bauern berät. „Die Landwirte brauchen momentan ihre Rücklagen auf.“ Mellies befürchtet, dass viele Familienbetriebe dicht machen müssen.

Ferkelzüchter Hoffmann muss sparen, wo er kann. Der zweifache Familienvater kauft günstige Lebensmittel und hält ständig Ausschau nach Schnäppchen und Sonderangeboten. „Große Sprünge sind nicht drin“, sagt er. Trotzdem werden seine finanziellen Sorgen immer größer.

Um ein Bauernsterben zu verhindern, will sich Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, für höhere Preise stark machen: „Wir werden noch mal im Guten mit Schlachthöfen und verarbeitender Industrie reden. Sollte das ergebnislos bleiben, werden wir unseren Unmut bei den großen Schlachtbetrieben wie Tönnies und Vion lautstark artikulieren.“ Die Schweinewirtschaft, die den Mastbetrieben das Schweinefleisch günstig abkauft, ist seiner Meinung nach für die Krisensituation verantwortlich. Sie hätte stabile Gewinnmargen, während die 200 000 Menschen, die von der Schweinemast leben, seit mehreren Monaten Verluste machten. „Da fragt man sich doch, warum die verarbeitenden Betriebe die Erlöse nicht an die Bauern weitergeben. Das ist längst überfällig“, sagt Born.

Die Fleischwirtschaft sieht das anders. „Nur wenn der Bauernverband sagt, dass der Schweinepreis steigen muss, heißt das nicht, dass er das tatsächlich tut“, sagt Heike Harstick, die als Geschäftsführerin des Verbandes der Fleischwirtschaft (VDF) die Interessen der Schlachtbetriebe vertritt. Sie rechnet damit, dass die Preise wegen gestiegener Rohstoffpreise allmählich steigen. Das aktuelle Preistief hält sie für eine normale Entwicklung im Schweinezyklus. „Einen deutlichen Preisanstieg gibt es nur, wenn im Einzelhandel plötzlich einer anfängt, die Preise zu erhöhen. Dann würden alle anderen mitmachen“, sagt Harstick.

Darauf sollten sich die Bauern jedoch nicht verlassen. „Die Bauern produzieren auf Rekordniveau. Die Preise steigen erst, wenn die Produktion wieder sinkt“, sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Die derzeitige Situation sei ein Beweis dafür, dass der Markt funktioniere und sich selbst reguliere. Fast zynisch dürfte für die existenzbedrohten Bauern sein Fazit klingen: „Druck schafft Effizienz. Das ist heilsam für alle Beteiligten.“

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