Wirtschaft : Air Berlin wird immer kleiner

Weniger Flugzeuge und Mitarbeiter, niedrigere Gehälter – kein Eigenkapital.

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Berlin - Air Berlin macht noch weniger Umsatz, hat 16 Flieger weniger als vor einem Jahr, erstmals auch weniger Mitarbeiter und – das ist wohl das Besorgniserregende am Schrumpfkurs – noch weniger Eigenkapital. Oder besser: Weniger als nichts. Zum Ende des ersten Quartals stand, wie am Mittwoch berichtet, ein Betrag von minus 53,1 Millionen Euro in den Büchern. Laut Definition aus dem Lehrbuch für Betriebswirte bedeutet dies: Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft ist überschuldet.

Als „Wermutstropfen“ in einem ansonsten soliden Quartalsbericht bezeichnete Finanzchef Ulf Hüttmeyer diese Kennzahl bei einer Telefonkonferenz am Mittwoch. Er versuchte den Eindruck zu zerstreuen, das habe einen Effekt auf das operative Geschäft. „Negatives Eigenkapital bedeutet nicht, dass die Firma vor dem Untergang steht.“ Ziel sei es, mittelfristig eine Quote von 15 bis 20 Prozent zu erreichen. Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sagte: „Es ist keine gute Situation, aber es ist auch nicht gefährlich“. Bereits im laufenden zweiten Quartal werde man wieder Eigenkapital haben, so Hüttmeyer. Auf die Frage, ob Air Berlin eine weitere Kapitalspritze von Großaktionär Etihad brauche, antwortete Wolfgang Prock-Schauer, der im Januar Hartmut Mehdorn als Air-Berlin-Chef abgelöst hatte: „Unser Ziel ist ganz klar: Wir müssen unser Überleben aus eigener Kraft schaffen.“ Die Aktie notierte am Nachmittag knapp drei Prozent niedriger als am Vortag: bei 2,23 Euro. Allerdings war das Papier im Dezember, auf seinem historischen Tiefpunkt, nur 1,33 Euro wert gewesen.

Der Nettoverlust weitete sich – auch wegen der Kosten für das laufende Sparprogramm – im ersten Quartal um ein Fünftel auf 196 Millionen Euro aus. Der Umsatz ging um drei Prozent auf 729 Millionen Euro zurück. Zugleich stieg die Auslastung der Flieger um 3,3 Prozent auf den höchsten Wert seit 2006: 85,6 Prozent. Und dieser sei, wie die Manager betonten, nicht durch billige Tickets erkauft worden. Deren Durchschnittspreis sei um sechs Prozent auf 109,70 Euro gestiegen.

Ein weiterer Erfolg: Air Berlin hat sich völlig lautlos, ohne Streiks, mit Verdi auf einen Tarifvertrag für die 3000 Mitarbeiter an Bord geeinigt. Anders als angedacht, steigen die Gehälter nun erst ab Anfang 2014. Zudem darf Air Berlin zur Hauptreisezeit 250 Saison-Kräfte anheuern. Im Gegenzug sind pauschale Gehaltskürzungen offenbar vom Tisch. Man habe das Ziel, beim Personal 50 Millionen Euro im Jahr einzusparen, zu zwei Dritteln erreicht – durch Produktivitätssteigerung, Freistellung von 250 Mitarbeitern (von denen einige zu Etihad wechseln) und den Verzicht der Manager auf fünf bis 25 Prozent ihrer Bezüge. Kevin P. Hoffmann

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