An Apple a day ... : Das Geschäft mit den Patientendaten

Das digitale Gesundheitswesen boomt. Apple und andere Technologiekonzerne bieten vermehrt Gesundheitssoftware an - und sammeln Daten. Nicht alle finden das gut.

Sebastian Gluschak
App statt Akte. Konzerne wollen mit effizienter Datenverwaltung das Gesundheitswesen revolutionieren.
App statt Akte. Konzerne wollen mit effizienter Datenverwaltung das Gesundheitswesen revolutionieren.Foto: imago/Jochen Tack/imago

Apple setzt immer mehr auf die Gesundheit. Ein Sektor, der boomt. Der Technologiekonzern gab nun bekannt, dass er das Start-up Gliimpse gekauft hat. Die Idee dahinter: Medizinische Unterlagen, Daten und Dokumente sammeln – und mit Ärzten teilen. Ein umstrittenes Geschäftsmodell. Apple bestätigte den Kauf denn auch eher indirekt: „Apple kauft von Zeit zu Zeit kleinere Technologieunternehmen, generell kommentieren wir Unternehmensentscheidungen nicht“, sagte ein Sprecher dem US-Magazin „Fast Company“.

Gliimpse ermöglicht es dem Nutzer, ein Gesundheitsprofil anzulegen, das mobil abgerufen werden kann. Die Behandlungsgeschichte, selbst Röntgenbilder, können hinterlegt und geteilt werden. Mit Ärzten zum Beispiel oder Versicherern. Neben der Verwaltungsfunktion liest das Programm medizinische Berichte aus und übersetzt sie vom Fachjargon in „verständliche und standardisierte“ Sprache. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Technologie von Gliimpse in bereits bestehende Angebote von Apple einfließt. Das Unternehmen ist bereits mit drei Apps im Digital Health Sektor vertreten: Research Kit, CareKit und HealthKit. Forscher, Ärzte und Patienten sind die Wunschkunden.

Nach der Weiterentwicklung der drei Apps verdichten sich mit dem neuen Zukauf die Vermutungen, dass Apple aus seinem Datenreichtum Kapital schlagen möchte. In Insiderkreisen gelten die Kalifornier schon jetzt als potenziell größtes Gesundheitsunternehmen. Über eingebaute iPhone-Sensoren können detaillierte Verhaltensdaten von Kunden gesammelt werden. Wie viel Sport man treibt, ob man hingefallen ist – der Konzern weiß alles. Das Start-up AliveCor kündigte an, für die kommende Apple Watch ein Messband zu liefern, das einem Elektrokardiogramm (EKG) gleichkommt.

Softwarekonkurrent Microsoft weiß ebenfalls um die Chancen in diesem Bereich. „Die Digitalisierung ist im Gesundheitswesen noch kaum vorangeschritten, da gibt es viel Potenzial“, sagte Thomas Mickeleit, Kommunikationsdirektor bei Microsoft Deutschland. „Wir betrachten das Geschäftsfeld intensiv: unter anderem die Versorgung im ländlichen Raum und die Verwaltungseffizienz.“ In Kooperation mit Siemens arbeitet das Unternehmen seit 2009 an HealthVault – einer Patientenplattform, die die gleichen Vorteile bringen soll wie der Apple-Zukauf. Waren die Macher ihrer Zeit voraus? „Bis jetzt sind die Umsatzzahlen noch niedrig. Wie bei anderen cloudbasierten Angeboten ist der Markt in den USA reifer, aber die deutsche Nachfrage nimmt zu“, sagte Mickeleit. Um beim Cloud-Computing den hierzulande geltenden Datenschutzbestimmungen gerecht zu werden, hat Microsoft in Magdeburg und Frankfurt am Main große Rechenzentren installiert. So müssen Daten „deutschen Boden nicht mehr verlassen“.

Der gläserne Patient: Befürchtungen davor  bestimmten vor Kurzem eine Debatte, die eine App der Versicherung Generali ausgelöst hat. Das Prinzip: Versicherte können bei „Vitality“ Daten zu ihrem Gesundheitsverhalten eingeben und über ein Punktesystem Beitragsminderung ihrer Lebensversicherung erhalten. Mit dem Rauchen aufhören, einen Marathon laufen und anderes wird direkt belohnt. Auch die Techniker Krankenkasse erwägt, ein Bonusprogramm mit Fitnessarmbändern einzuführen. Kai Vogel, Leiter des Teams Gesundheit bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), findet Prävention wichtig, solange nicht nur Gesunde davon einen Nutzen haben. „Es muss gewährleistet sein, dass das solidarische Krankensystem nicht ausgehebelt wird“, sagte er. Tendenziell sieht Vogel eine Chance in der Digitalisierungwelle. Es brauche aber viel mehr Qualitätskriterien. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte der Deutschen Presseagentur, es mangele bei Gesundheits-Apps generell an Transparenz. Außerdem werde der Datenschutz oft nicht eingehalten.

Verbraucher betrachten die Datensammlung gespalten: Eine Erhebung des Marktforschungsinstituts Dr. Grieger & Cie. ergab, dass 54 Prozent der Bevölkerung ihre selbsterhobenen Daten an Versicherer weiterleiten würden. Vorausgesetzt, sie erhalten eine finanzielle Gegenleistung.

Das Thema sorgt für viel Dynamik in der Start-up-Welt. Im ersten Halbjahr 2016 wurden in Deutschland 93 Millionen Euro Wagniskapital in Gesundheitsinnovation gesteckt. Ein Zuwachs von 900 Prozent, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young herausfand. Die Trends sind vor allem Fitness-Apps, was Kai Vogel vom VZBV „Spielereien“ nennt, und die Auswertungen von persönlichen Daten. Der Standort Berlin mischt bei der Gesundheitsversorgung der Zukunft mit. Bei der alljährlichen Messe Conh-IT trifft die Gesundheitsbranche auf IT-Unternehmer, um gemeinsam an neuen Lösungen zu arbeiten. Bei diesem Treffen ist unter anderem Bayer mit dabei. Im Wedding hat der Pharmariese einen sogenannten Accelerator eingerichtet, um in die Gesundheitsideen von jungen Unternehmern zu investieren. Es gab bereits 406 Bewerbungen aus 66 Ländern. mit dpa

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