Arzneimittelreport : Immer mehr Preistreiber

Extrem teure Arzneimittel bringen die gesetzlichen Kassen in Nöte. Die Barmer fordert deshalb nun Änderungen bei der Preisfestsetzung.

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Immer spezialisierter, immer teurer. Den Krankenkassen machen die Arzneiausgaben immer stärker zu schaffen.
Immer spezialisierter, immer teurer. Den Krankenkassen machen die Arzneiausgaben immer stärker zu schaffen.Foto: dpa

Ob Krebs, Hepatitis oder Multiple Sklerose: Im Kampf gegen schwere Krankheiten bringen die Pharmakonzerne viele neue und teilweise auch individuell maßgeschneiderte Arzneimittel auf den Markt. Das Problem dabei: Sie sind extrem teuer. Die Hersteller nämlich können im ersten Jahr nach der Zulassung im Prinzip jeden Preis verlangen. Das Paradebeispiel dafür ist das Hepatitis-Mittel Sovaldi. Pro Packung kassierte der Hersteller Gilead dafür, bis es zu ersten Rabatten kam, 20 000 Euro. Auf die Tablette gerechnet waren das 700 Euro, auf die Therapie bis zu 120 000 Euro.

Individuell gefertigte Arznei macht den Kassen Probleme

Und Fertigarzneimittel wie Sovaldi sind nicht die einzigen Preistreiber. Zu schaffen machen den Versicherern auch zunehmend sogenannte Zubereitungen. Dabei handelt es sich um speziell auf den Patienten abgestimmte Mittel, die vor allem Krebskranken als Infusionen verabreicht werden.

Auf diese meist in Apotheken hergestellten Rezepturen entfielen inzwischen fast zehn Prozent des Medikamentenumsatzes, heißt es im aktuellen Arzneimittelreport der Barmer GEK, der am Mittwoch in Berlin präsentiert wurde. Macht 423,5 Millionen Euro für grade mal 418 000 Zubereitungen. Aus Kassensicht ist gerade in diesem Segment noch mit „erheblichen Steigerungsraten“ zu rechnen.

Schnellbewertung schon beim Markteintritt gefordert

Um solcher Kostenentwicklung nicht hilflos ausgeliefert zu sein, verlangt die Barmer nun eine Nachbesserung des Arzneimittelneuordnungs-Gesetzes (Amnog) aus dem Jahr 2011. „Für besonders versorgungsrelevante Arzneimittel sollte es künftig eine Schnellbewertung direkt bei Markteintritt und eine Kosten-Nutzen-Bewertung spätestens nach fünf Jahren geben“, sagte Vorstandschef Christoph Straub. Angewandt werden solle dies bei Medikamenten mit einem absehbaren Jahresumsatz von mehr als 80 Millionen Euro.

Nach Straubs Angaben beträfe dies lediglich 34 Arzneimittel, die allerdings zusammen auf einen Umsatz von derzeit 6,64 Milliarden Euro kämen - darunter neben den Hepatitis-C-Medikamenten Harvoni und Sovaldi zum Beispiel auch Tecfidera gegen Multiple Sklerose, das Krebsmedikament Zytiga oder das Diabetespräparat Januvia. Die Hersteller sollten frühestmöglich „transparent begründen“ müssen, auf welcher Basis der Preis festgesetzt sei. Und nach drei bis fünf Jahren sei das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) als Grundlage für neue Preisverhandlungen mit Analysen zu beauftragen, ob die hochpreisigen Mittel tatsächlich die Krankheitsdauer verkürzt oder Nebenwirkungen verringert hätten.

Arzneiausgaben um neun Prozent gestiegen

Insgesamt seien die Arzneiausgaben der gesetzlichen Kassen im 2014 von 30,39 auf 33,34 Milliarden Euro gestiegen, sagte Studienautor Gerd Glaeske. Das entspreche einem Plus von neun Prozent – der „spürbarste Anstieg aller Leistungsbereiche“. Drei Prozent der Versicherten verursachten allein die Hälfte aller Arzneiausgaben. Und Spezialpräparate, die teilweise gentechnologisch oder biologisch hergestellt werden, schlügen mit 1,73 Milliarden Euro zu Buche.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller wies die Forderung nach einer schnelleren Bewertung von neuen Medikamenten zurück. "Die Gefahr der Unterversorgung mit neuen Arzneimitteln wächst", sagte Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Und dies lasse sich "nicht durch höheres Tempo in der Bewertung lösen, sondern nur durch angemessene Bewertungsmaßstäbe".

Linkspartei kritisiert "Erpressbarkeit des Solidarsystems"

Die Linke dagegen sprach von "Geschenken an die Industrie". Alle bisherigen Versuche hätten "die Erpressbarkeit des Solidarsystems durch die Industrie bei Innovationen nicht verringert“, sagte Fraktionsexpertin Kathrin Vogler. Preisverhandlungen hinter verschlossenen Türen seien "der falsche Weg" gewesen, sie gehörten "ersetzt durch eine transparente behördliche Preisfestsetzung".

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