Audibene : Berliner Firma mischt Markt für Hörgeräte auf

Die Kreuzberger Internetfirma Audibene vertreibt Hörgeräte im Netz. In nur drei Jahren ist es ihr damit gelungen, einen lukrativen Markt zu erobern.

Michael Pöppl
Die Chefs von Audibene, Marco Vietor (links) und Paul Crusius, kennen sich bereits seit Studientagen.
Die Chefs von Audibene, Marco Vietor (links) und Paul Crusius, kennen sich bereits seit Studientagen.Foto: Thilo Rückeis

Berlin erwies sich als idealer Standort für das junge Unternehmen Audibene. „Die Stadt hat eine große Anziehungskraft für Spezialisten aus anderen europäischen Ländern, hierher will eigentlich jeder“, sagt Paul Crusius, 2012 Mitgründer der Internetfirma für Hörgeräte. „Nirgendwo in Deutschland findet man deshalb mehr Talent und Expertise.“

Eher zufällig haben sich Crusius und sein Kompagnon Marco Vietor 2002 in der Hauptstadt kennengelernt. Die beiden Betriebswirtschaftsstudenten aus Rheinland-Pfalz lebten während des Praktikums in derselben WG. Beide arbeiteten später als Unternehmensberater in verschiedenen Branchen. Doch der Kontakt riss nie ab. Bei jedem neuen Treffen sprachen sie über die Idee, eine gemeinsame Internetfirma zu gründen. „Wir wunderten uns, dass die Zielgruppe der über 50-Jährigen im Netz so wenig beachtet wurde“, sagt Vietor, „dann haben wir überlegt, welche Märkte für diese spannende Zielgruppe interessant sind.“

Die Zahl der Menschen, die ein Hörgerät brauchen, steigt

Bei ihrer Recherche stießen sie auf die Hörgerätebranche. Viele Fachgeschäfte, die nicht zu den großen Ketten wie Kind oder Geers gehören, sind kleine Handwerksbetriebe, die wenig Werbung für sich machen. Nach ausführlichen Gesprächen mit Hörgeräteakustikern in ganz Deutschland war ihr Geschäftsmodell geboren: die Beratung und den Kauf von Hörgeräten zu vereinfachen und dabei die Kompetenz der örtlichen Akustiker als Partner zu nutzen.

Die Hörgeräte werden kleiner.
Die Hörgeräte werden kleiner.Foto: Thilo Rückeis

Dazu kam: Die Zielgruppe ist erstaunlich groß, denn jeder dritte Mensch über 50 leidet bereits unter einem Hörverlust. Schuld daran sind zum einen Verschleißerscheinungen im Alter, dazu kommen aber auch Umwelteinflüsse wie der zunehmende Lärm. „Jetzt kommt gerade die Generation Walkman in das Alter, in dem die Hörprobleme anfangen“, sagt Vietor. Nur 15 Prozent der Betroffenen tragen aber wirklich eine Hörhilfe, so eine Branchenanalyse. Hörprobleme zuzugeben fällt den meisten Menschen eher schwer, wie Studien belegen. Oft beschäftigen sie sich erst auf Anraten ihrer Familie, von Freunden oder Kollegen mit dem Thema. Das Surfen im Internet erleichtert den Zugang für viele erheblich.

Die Kunden von Audibene, so eine Firmenstatistik, sind im Durchschnitt 61 Jahre alt, rund zehn Jahre jünger als bei anderen Anbietern, und sehr internetaffin. Der Vorteil der Erstberatung im Internet sei, dass sie kostenlos, schnell und anonym ist, sagt Vietor. Der neugierige Besucher kann sich erst einmal umfassend informieren, häufig gestellte Fragen klären und dann die Unterlagen anfordern. Auch einen ersten Hörtest können die Nutzer am Computer machen. „Die Hemmschwelle ist niedriger, als wenn Sie zum Hörgeräteakustiker gehen“, sagt Vietor. „Vermutlich deshalb wenden sich auffällig viele Menschen an uns, die zum ersten Mal ein Gerät brauchen.“

Die Firma ist heute der größte Internetanbieter für Hörgeräte

Das Prinzip scheint gut zu funktionieren: 15 000 Kundenkontakte verzeichnet Audibene täglich, 2014 zählte die Firmen-Webseite fünf Millionen Besucher. Inzwischen ist das Kreuzberger Unternehmen der größte Internetanbieter für Hörgeräte in Deutschland und wächst kontinuierlich weiter.

Auch drei Jahre nach der Gründung herrscht bei der Berliner Internetfirma eine Start-up-Atmosphäre.
Auch drei Jahre nach der Gründung herrscht bei der Berliner Internetfirma eine Start-up-Atmosphäre.Foto: Thilo Rückeis

Der ersten Information folgt die persönliche Beratung per Mail, danach werden die Kunden am Telefon betreut. Mehr als 100 qualifizierte Akustiker arbeiten direkt für Audibene, ein Großteil in der Firmenzentrale in Berlin, weitere Büros sind in Zürich und Amsterdam. Insgesamt 190 Mitarbeiter aus zwölf Ländern sind für Beratung, Marketing und Vertrieb verantwortlich. Der Einsatz von Muttersprachlern sei enorm wichtig, sagt Crusius: „Das erleichtert die Vertrauensbildung. Auch wenn Sie jemanden in Süddeutschland telefonisch beraten, ist es besser, wenn das jemand macht, der süddeutsch klingt.“

Auch um den Antrag bei der Krankenkasse kümmert sich Audibene

Im Angebot von Audibene befinden sich Hörgeräte aller führenden Hersteller. Weil jedoch nicht jedes Gerät zu jedem Hörproblem passt, ist die Beratung intensiv. „Im Durchschnitt dauert solch ein Erstgespräch 40 bis 45 Minuten“, sagt Vietor. Meist sind mehrere Gespräche nötig. Hat sich der Kunde entschieden, organisiert Audibene auch die Beantragung der Kosten bei den Krankenkassen, die Verordnung durch einen Facharzt ist heute nicht mehr nötig.

Für die korrekte Anpassung des Hörgeräts ist aber immer noch der Fachmann vor Ort zuständig, sagt Crusius. Audibene arbeitet dafür mit mehr als 800 Partnerakustikern in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz zusammen. „Der Kunde hat den zusätzlichen Vorteil, dass er von zwei Fachleuten zugleich beraten wird“, sagt Vietor. „Nachdem das Gerät angepasst wurde, begleiten wir den Kunden weiterhin und sind auch der Ansprechpartner, falls es weitere Fragen gibt.“

Ein Trend, den die Audibene-Gründer schon länger bemerken, hat ebenfalls mit der hohen Technik-Affinität der Ü50-Generation zu tun. „Die meisten unserer Kunden sind bereit, für gute Qualität auch mehr Geld auszugeben“, sagt Vietor. „Aussehen und Funktion zählen mehr als der Preis.“ Ähnlich wie Handys sind heutige Apparate nicht nur kleiner, sie arbeiten auch viel differenzierter. Neueste Geräte können bereits mit dem iPhone oder dem iPad verbunden werden, der Datenaustausch erfolgt per Bluetooth. Über eine App kann nicht nur der Klang des Hörgeräts, sondern auch die Lautstärke anderer Geräte ausgesteuert werden, „Geotagging“ findet automatisch das perfekte Hörprogramm für unterschiedliche Orte.

„Bald werden die Geräte noch kleiner als bisher schon, man wird überhaupt nicht mehr sehen, ob jemand ein Hörgerät trägt“, sagt Crusius, „das wird die Nachfrage sicher weiter verstärken.“

Die Firmen-Homepage: https://www.audibene.de

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