Billig-Kleidung : "Die Verbraucher nutzen ihre Macht nicht"

Nach der Brandkatastrophe in Bangladesch mit 110 Toten, wird über die Arbeitsbedingungen von Textil-Lieferanten bekannter Mode-Ketten diskutiert. Peter Schwartze, Präsident des Textilverbands, sprach mit dem Tagesspiegel über Niedriglöhne in Asien und die Verantwortung der Handelskonzerne

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Was sind wir bereit in Kauf zu nehmen, um weiterhin billige Klamotten zu bekommen?
Was sind wir bereit in Kauf zu nehmen, um weiterhin billige Klamotten zu bekommen?Foto: AFP

Herr Schwartze, kann man ein T-Shirt für 4,99 Euro so herstellen, dass die Näherinnen fair verdienen und menschenwürdig arbeiten können?

Nicht jedes preiswerte Kleidungsstück wird unter so schlimmen Bedingungen produziert wie in der abgebrannten Fabrik in Bangladesch. Dort waren offenbar Kriminelle am Werk, denen alle Vorschriften egal waren.

Lausiger Brandschutz, mickrige Löhne, lange Arbeitszeiten: Ist das die Globalisierung, die wir wollen?

Die Globalisierung hat Wachstum und Wohlstand in die ärmsten Länder gebracht. Die Textilbranche ist eine Pionierindustrie, die den Boden für eine weitere Industrialisierung bereitet. Ohne die weltweite Arbeitsteilung gäbe es viel mehr Armut und Hunger. Und unser Lebensstandard wäre viel niedriger. Unsere Löhne können nicht der Maßstab sein – wir haben Generationen gebraucht, um das heutige Level zu erreichen.

In den vergangenen sechs Jahren sollen allein in Bangladesch 500 Menschen bei Fabrikbränden umgekommen sein. Zahlen die Entwicklungsländer den Preis für unseren Wohlstand?

Textilarbeiter in Bangladesch kämpfen um Arbeitsrechte
03.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in den Textilfabriken protestiert. Ein Sprecher der Polizei sagte, Grund für den Protestzug seien „Gerüchte“ über einen weiteren Brand in einer Textilfabrik gewesen. Diese Gerüchte seien aber falsch. Bei einem Brand in der Tazreen Fashion Fabrik in einem Industriegebiet von Ashulia in der Nähe von Dhaka waren am 24. November 110 Arbeiter ums Leben gekommen - die meisten von ihnen Frauen. Sie konnten den Flammen nicht entkommen oder sprangen in Todesangst aus den Fenstern des mehrstöckigen Gebäudes.Weitere Bilder anzeigen
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03.12.2012 14:0103.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in den...



Nicht jeder, der in Asien produzieren lässt, zahlt Billiglöhne und missachtet Vorschriften. Was in Bangladesch passiert ist, ist Sache der Handelskonzerne. Ich spreche für die Textilindustrie – dort gibt es solche Zustände nicht.

Adidas, Seidensticker, Hugo Boss sind über jeden Zweifel erhaben?


Die deutsche Textilindustrie beschäftigt weltweit 400 000 Menschen. In jedem dieser Werke, sei es in Asien oder in Europa, herrschen deutsche Arbeits- und Sicherheitsstandards. Es gibt freiwillige Verhaltensrichtlinien, die alle unterschrieben haben. Wir lehnen Ausbeutung ab, und ich sage Ihnen: Bei uns werden Sie nichts finden. Einzelfälle, Kriminelle gibt es immer. Doch wenn wir deutsche Qualität liefern wollen, brauchen wir auch deutsche Standards.

Eine Halle der Unglücksfabrik in Bangladesch.
Eine Halle der Unglücksfabrik in Bangladesch.Foto: AFP

Die Gewerkschaften sagen, viele Verpflichtungen und Standards seien schön für die Nachhaltigkeitsberichte der Konzerne, änderten in der Praxis aber nichts.

Das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne die Bedingungen vor Ort. Deutsche Hersteller wissen genau, wo sie wie produzieren. Das ist ein anderes Geschäft als bei den Billigketten, die in Asien bestellen und womöglich eine Reihe von Subunternehmern in der Kette gar nicht kennen.

Müssen die Handelskonzerne ihre Auftragnehmer stärker überwachen?

Ich weiß nicht, wie Takko oder Kik arbeiten. Ich weiß nur, dass sie die importierte Ware hier noch einmal intensiv prüfen lassen, etwa auf Schadstoffe. Der aktuelle Fall zeigt, dass sie offenbar mehr tun müssen, die Produktion ist oft undurchsichtig. Die Katastrophe ist nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich schlimm: Die Marke eines Abnehmers kann auf Jahre geschädigt sein. Passiert so etwas noch einmal, gerät ein ganzes Unternehmen womöglich in Schieflage.

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