Dialekte : Wie bitte?

Welcher Akzent oder Dialekt als angenehm wahrgenommen wird, ist von Region zu Region sehr unterschiedlich.  Manchmal ist es notwendig, Hochdeutsch zu sprechen, damit man im Beruf ernst genommen wird. Sprechtrainer können helfen.

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Griaß di. Wer in Bayern lebt, muss sich den bayrischen Dialekt nicht unbedingt abgewöhnen. Da wird sogar fürs Bayrische geworben – vom Förderverein für Bairische Sprache und Dialekte (FBSD). Wenn ein Bayer allerdings nach Berlin zieht und dort mit Kunden sprechen will, sieht die Sache schon ganz anders aus. Foto: dapd
Griaß di. Wer in Bayern lebt, muss sich den bayrischen Dialekt nicht unbedingt abgewöhnen. Da wird sogar fürs Bayrische geworben –...Foto: dapd

Wer den Alkohol nicht vom Allgäu unterscheiden kann, muss nicht unbedingt betrunken sein. Wenn ein Sachse die beiden Wörter ausspricht, mag der Unterschied für ihn selbst klar sein – nicht aber für einen Zuhörer in Berlin oder Hamburg. Zu sehr verändert eine sächsische Zunge die Laute.

Im Berufsalltag kann so ein Dialekt zum Hindernis werden. Wie bei jener Sächsin, die zwar im Vorstellungsgespräch bei einer Firma in Berlin hochdeutsch gesprochen hatte. Als sie dann an ihrem neuen Schreibtisch saß, fing sie aber immer wieder an zu sächseln – auch im Gespräch mit Kunden. „Das haben wir dann thematisiert“, sagt ihr Vorgesetzter, „hätte sie im Vorstellungsgespräch gesächselt, hätten wir es uns intensiver überlegt, ob wir sie tatsächlich einstellen.“ Seinen Namen und den seiner Firma möchte der Vorgesetzte in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen. Schließlich will man niemanden wegen seiner Herkunft diskriminieren.

Aber die Klischees und Vorurteile, die mit Dialekten verbunden sind, existieren nach wie vor. „Vorbehalte gegen bestimmte Dialekte sind größer als gegen andere. Vor allem Sächsisch und Bayrisch kommt bei vielen nicht gut an“, sagt die Sprachheilpädagogin Uta Feuerstein, die in Köln Einzelcoaching zur Dialektbereinigung anbietet. „Bayrisch weckt zum Beispiel Assoziationen mit Heimatfilmen. Wenn eine junge Frau so spricht, glauben viele, sie sei ein Mädel vom Lande und mit Kühen großgeworden. Da kommt man dann nicht darauf, dass sie eine ernst zu nehmende IT-Spezialistin sein könnte.“ Schwäbisch hingegen sei positiv besetzt: „Das finden viele niedlich und sympathisch.“ Schwaben behandele sie deshalb kaum. Auch Kölsch werde im „Businessbereich“ nicht gern gesehen – wegen der Assoziation mit dem Kölner Karneval.

Regional ist die Wahrnehmung der Dialekte sehr unterschiedlich: „Zu mir kommen außer Sachsen vor allem Schwaben, die ihren Dialekt loswerden wollen“, sagt die Diplom-Sprecherzieherin Grit Hollack, die Coachings in Berlin anbietet. Sie unterrichtet aber auch viele Russen, Engländer und Chinesen in der richtigen deutschen Aussprache. Gerade nimmt eine Österreicherin Stunden bei ihr, die in der Medienbranche arbeitet und demnächst Schulungen abhalten soll – und zwar möglichst verständlich. „Besonders Leute, die im medizinischen Bereich arbeiten, und Juristen kommen zu mir, aber eigentlich gehen die Berufe meiner Klienten einmal quer durch den Gemüsegarten“, sagt Hollack. Viele kämen, bevor Bewerbungsgespräche anstünden.

Hinter jedem der Klienten von Hollack und Feuerstein steckt eine Geschichte: Etwa die sächsische Studentin, die bei einem Referat in Berlin ausgelacht wurde oder der bayrische Pferderennkommentator, den niemand außerhalb Bayerns buchen wollte wegen seines Dialekts.

Vor allem in der Beratungs- und Vertriebsbranche sei es wichtig, hochdeutsch zu sprechen, sagt Matthias Schleuthner, Geschäftsführer der Personalberatung HRM Consulting in Berlin: „In Berufen mit viel Kundenkontakt ist es nicht gut, wenn man jemanden aus Hamburg so stark anschwäbelt, dass der kaum noch etwas versteht. Und es gibt immer die Gefahr, dass der andere ausgerechnet diesen Dialekt unsympathisch findet.“

Ganz müsse aber niemand seinen Dialekt ablegen, findet der Personalexperte: „Es kann sympathisch und nett wirken, wenn man es ein bisschen durchhört.“ Ähnlich formuliert es auch Hollack: „Manche wollen auch noch die feinste Feinheit weghaben, aber das ist eigentlich nicht notwendig.“ Ein leichter Akzent könne die Persönlichkeit unterstreichen. „Wenn es aber ein bestimmtes Maß übersteigt, lenkt der Dialekt zu sehr vom Inhalt ab.“

Auch viele Urberliner, deren Herkunft man an der Aussprache zu schnell erkenne, würden vor allem von Firmen zu ihr geschickt, sagt Hollack. „Ein Arzt, der berlinert und ,Mülsch’ statt Milch sagt, wird leicht für ungebildet gehalten.“ Berlinerisch könne ganz schön „brutal“ klingen, findet sie. „Es ist eher ein Soziolekt als ein Dialekt.“ Das bedeutet: „Icke“ sagen dem Klischee nach eher Leute mit wenig Bildung. Neulich habe sie eine ältere Bibliothekarin trainiert, „die total berlinert hat“ und endlich die Vorurteile, die das oft auslöste, loswerden wollte.

Sieht man vom Berlinerischen ab, entsteht das Dialektproblem meist durch einen Umzug. Mathias Mester (Name geändert) etwa sprach in seinem ersten Job nur Aachener Platt. Dann entschloss er sich für eine Fortbildung und ging zum Studium nach Bayern. „Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass mein Dialekt sehr stark war. Und dass es Verständigungschwierigkeiten gab.“ Die hielten auch an, als er nach dem Studium wieder einen Job in der Nähe von Aachen fand – in einer höheren Position. „Da haben die meisten Kollegen nur hochdeutsch gesprochen und oft mehrmals nachgefragt, wenn ich etwas gesagt habe.“ Inzwischen hat er ein intensives Sprechtraining bei Uta Feuerstein hinter sich und spricht ein klares Deutsch. Nur an Kleinigkeiten merkt man, woher er stammt. Statt „Wörter“ sagt er etwa „Wöchter“.

„Wenn man in seiner eigenen Region bleibt, macht ein Dialekt meistens gar nichts aus“, sagt Grit Hollack, „ein Arzt in Sachsen, der sächselt, hat gar kein Problem.“ Der kann deshalb vielleicht sogar besser auf seine Patienten eingehen. Auch Personalberater Schleuthner sagt, es könne sogar von Vorteil sein, wenn man etwa im Gespräch mit einem Kunden, der den selben Dialekt hat, umschalten könne. Dazu muss man aber erst mal Hochdeutsch beherrschen.

Die Länge des Trainings hänge vom Sprachtalent ab, sagt Hollack. „Viele, die von anderen, etwa ihrem Chef, hergeschickt werden, hören den Unterschied zwischen Dialekt und Hochdeutsch erstmal gar nicht.“ Bei anderen geht es erstaunlich schnell. So dauere ein Training manchmal nur zwei Monate, manchmal ein ganzes Jahr. „Es ist eine Umprogrammierung fürs Gehirn. Es muss neuronal neu vernetzt werden.“ Bei Älteren dauere das zwar ein bisschen länger. Es funktioniere aber ein Leben lang.

Zuerst müssen ihre Klienten einen Test machen und dann die Laute und Lautverbindungen aufschreiben, die ihnen nicht gelingen. Die summen und sprechen sie dann immer wieder vor sich hin. „Tönen“ nennt man das. Dann geht es der Reihe nach an Silben, Wörter und Wortgruppen. „Sachsen sagen etwa statt Papiertonne ,Babierdonne’“, erklärt Hollack. Sie übe dann zum Beispiel die Unterschiede der Silben „pa“ und „ba“ und „do“ und „to“. Später müssen dann Zungenbrecher richtig ausgesprochen werden: „Sensitive Selektionssimulatoren sondieren sogar sensitive Selektionssimulatoren.“ Gritt Hollack lacht. Und für Sachsen seien Sätze wie „Im Hottentottenlande gibt’s bekanntlich Beutelratten“ eine echte Herausforderung.

„Dann kommen Texte, die mit Betonung gelesen werden sollen. Und ich erhebe immer wieder Zeigefinger und sage: Noch mal.“ Zum Schluss steht das spontane Sprechen auf dem Stundenplan – mit Stegreifreden und Rollenspielen. Schließlich haben die Hochdeutschazubis es geschafft: „Irgendwann ist es im Langzeitgedächtnis gespeichert.“

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