Wirtschaft : Die andere Seite

Lobbyisten haben nicht den besten Ruf, aber gute Berufsaussichten. Ob Kommunikationsexperten oder Strippenzieher, ob Partei oder Greenpeace – sie sind zunehmend in Brüssel gefragt. Private Unis bieten entsprechende Master an

Günter Bartsch
Entscheidungsträger. Im europäischen Parlament sitzen Interessenvertreter aus allen Branchen und Bereichen, ob Tabak, Energie, Umwelt oder Menschenrechte. In berufsbegleitenden Mastern kann man sich zum Lobbyisten weiterbilden, Jobgarantie inklusive. Foto: dpa
Entscheidungsträger. Im europäischen Parlament sitzen Interessenvertreter aus allen Branchen und Bereichen, ob Tabak, Energie,...Foto: dpa/dpaweb

„Ich bin Pauker“, sagt Klaus Kocks – und tatsächlich: „Staatsexamen, Promotion, Assessor, Lehrtätigkeit“ – so steht es im Lebenslauf des früheren VW-Kommunikationsvorstands, der heute als selbstständiger Berater tätig ist. Vom Lehrer zum Lobbyisten – solche Umwege kann man sich heute offenbar sparen: „European Public Affairs – Interessenvertretung, Lobbying, Networking“ nennt sich ein neuer Master-Studiengang an der der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW), der im Oktober startet und 15 000 Euro kostet.

Die von der Freien Universität und der Klett-Gruppe getragene Privathochschule sieht wachsende Berufschancen für Interessenvertreter durch die Verlagerung von politischen Entscheidungen auf Ebene der Europäischen Union. Die Absolventen des Studiengangs seien „für den Einsatz in der Interessenvertretung und Kommunikation öffentlicher Institutionen, von Unternehmen und Verbänden wie auch Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) besonders qualifiziert“. Dort würden Sie in der Öffentlichkeitsarbeit tätig, „ebenso in Ministerbüros, in politischen Parteien oder in einer (größeren) Gemeinde vor Ort“. So steht es jedenfalls auf der DUW-Internetseite.

Aber gibt es die große Nachfrage tatsächlich? Ja – sagt Studiengangleiterin Myriam Nauerz. Vor allem gebe es ein großes Interesse an einer „Professionalisierung der Branche“, das hätten Gespräche und Workshops im Vorfeld gezeigt. Deutliches Signal: Das Renner-Institut, die politische Akademie der österreichischen Sozialdemokratie, habe bereits eine Abnahme von Studienplätzen zugesagt und übernehme für ihre Teilnehmer einen Teil der Gebühren.

Die Studenten des berufsbegleitenden, auf 24 Monate angelegten Lehrgangs erhalten zum Beispiel die Einführung „ABC Europas“ sowie Wissen über Kommunikationspsychologie, EU-Lobbying und rechtliche Rahmenbedingungen, lernen Kommunikationsabläufe in Brüssel kennen und bekommen den „Umgang mit Krisen und Widerständen“ beigebracht. „Field-Trip“ nennt sich ein DUW-Angebot, bei dem die Teilnehmer fünf Tage lang in Brüssel an einem Planspiel teilnehmen: Ihre Aufgabe besteht darin, auf Basis von Terminen mit Interessenvertretern und Behörden eine Lobby-Strategie zu einem bestimmten Thema zu entwickeln.

Die DUW ist nicht die einzige Hochschule, die den Bedarf für Lobbyisten-Ausbildungen sieht. In diesem Jahr beginnen gleich mehrere Hochschulen mit ähnlichen Weiterbildungs-Angeboten: Die 2009 gegründete Quadriga Hochschule Berlin bietet den Studiengang „Public Affairs & Leadership“ an. „Public Affairs Management“ heißt ein Studiengang des Wildau Institute of Technology, der zum Teil in Berlin stattfindet. Und auch im Studiengang „Public Communication Management“ des Berliner Instituts für Akademische Weiterbildung (an der Hochschule für Technik und Wirtschaft) sind Public-Affairs-Anteile enthalten. Dort allerdings reicht die Bewerberzahl für einen Start im Wintersemester nicht aus – man hoffe, 2011 beginnen zu können.

Gibt es gar ein Überangebot? Die Quadriga-Hochschule, die ihren Studiengang bereits im April gestartet hat, spürt das jedenfalls nicht. Laut Studienleiter Henrik Thiesmeyer gab es mehr Bewerber als Plätze, 18 Teilnehmer konnten dort beginnen. Man lege wert auf gute Betreuung der einzelnen Teilnehmer – deshalb habe auch jeder einen persönlichen Mentor an seiner Seite. Unter den Lehrenden finden sich prominente Branchenvertreter, etwa Post-Kommunikationschef Christof Ehrhart, AWD-Chefökonom Bert Rürup und Angela Merkels frühere Staatsministerin Hildegard Müller, die zum Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft gewechselt ist.

Die Quadriga-Hochschule stand allerdings in der Kritik, besonders der Leiter eben jenes Fachbereichs „Politics & Public Affairs“, Thorsten Hofmann, Chef der Beratungsfirma PRGS. Das Unternehmen hatte 2008 für Eon Kernkraft ein 109-seitiges Strategiepapier für den Bundestagswahlkampf verfasst, in dem auf „zahlreiche vertrauliche Gespräche mit Vertretern aus Politik, Energiewirtschaft und Medien“ hingewiesen wird. Weiter heißt es in dem von Greenpeace später veröffentlichten Papier: „Selbstverständlich wurden diese Gespräche ohne Nennung Eons oder des Auftrags geführt.“ Ein Satz, der den wichtigsten Transparenzregeln der Lobby- Branche widerspricht. Da nützte es wenig, dass PRGS behauptete, es handle sich nur um „eine Art Bewerbungspapier“. Nach einem Spiegel-Bericht ließ Hofmann sein Amt an der Hochschule vorerst ruhen.

Das 18-monatige MBA-Studium an der Quadriga kostet 19 500 Euro, Bewerber können sich um ein Stipendium des Bundesverbands der Deutschen Industrie bewerben – den Stipendiaten wird die Hälfte der Studiengebühren erlassen. Auch das Quadriga-Studium gewährt einen Blick nach Europa, hier ist ebenfalls ein Aufenthalt in Brüssel enthalten. Ein wesentlicher Unterschied besteht in den Präsenzzeiten: Bei der DUW sind diese im Regelfall auf 18 Tage beschränkt, der Rest erfolgt im „begleiteten Selbststudium“ anhand von Studienmaterialien und Online-Einheiten. An der Quadriga sind es dagegen 60 Präsenztage. Auch an der DUW macht man sich keine Sorgen über ein zu großes Angebot: Myriam Nauerz betont den Europa-Fokus und die geringen Präsenzzeiten ihres Studiengangs als ein Unterscheidungsmerkmal. Zudem sei der Studienbeginn an der DUW jederzeit möglich – der erste Monat könne als Teststudium genutzt werden, mit kostenfreier Rücktrittsmöglichkeit.

Kommunikationsexperte Klaus Kocks ist mit der Wahl seines Lehramts-Studiums nach wie vor zufrieden: „Substantiell habe ich nie etwas anderes gemacht“, sagte er kürzlich bei einer Podiumsdiskussion. „Pädagogik und PR sind relativ vergleichbar“. Von den Lobby-Studiengängen hält er wenig: Lobbying sei eine Form der PR und damit der Publizistik, die sich lediglich durch die Zielgruppe von anderen Kommunikationsformen unterscheide. Und für Publizisten gebe es bereits „ordentliche akademische Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen“. Von „Pseudohochschulen mit sogenanntem Praktikerwissen“ lässt er sich nicht beeindrucken: „Ich weiß nicht, warum jemand, der vernünftig studieren könnte, auf so eine Micky-Maus-Uni für praktizierende Ideologen gehen sollte.“

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