Die Designerin im Interview : Gabriele Strehle über Löws Pulli und andere Modefragen

Als Chefdesignerin von Strenesse kleidet Gabriele Strehle unter anderem die Nationalmannschaft ein - und machte den blauen Pulli populär. Im Tagesspiegel spricht sie über die Modemetropole Berlin und werthaltige Kleidung.

Corinna Visser
Ein Fan der Modestadt Berlin: Gabriele Strehle. Foto: Felix Hörhager/dpa
Ein Fan der Modestadt Berlin: Gabriele Strehle. Foto: Felix Hörhager/dpaFoto: picture alliance / dpa

DIE DESIGNERIN

Gabriele Strehle wurde im Allgäu geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Maßschneiderin und diplomierte an der Münchner Meisterschule für Mode. 1973 kam sie zu Strenesse und stieg zur Chefdesignerin auf.

DIE FIRMA

1949 gründete die Familie Strehle im bayrischen Nördlingen ein Textilunternehmen. 1972 wurde Gerd Strehle Gesellschafter. Er kombinierte den Namen Strehle mit Jeunesse (Jugend) zu Strenesse. Das Ehepaar Strehle machte aus der Anzug- und Mantelfabrik ein internationales Modeunternehmen. Strenesse hat 400 Mitarbeiter und kommt auf 70 Millionen Euro Umsatz. Zum Gewinn gibt die Firma keine Auskunft.

Frau Strehle, sind Sie ein Fußballfan?

Mein Mann ist seit seiner Kindheit fußballverrückt. Und unsere Tochter Clara hat sich bereits mit zwei Jahren am Fußballfieber infiziert. Unsere Familie ist also absolut fußballbegeistert.

Sie auch?

Ich schaue mir bestimmte Spiele an. Aber ich nutze die Halbzeit oft, um das Essen vorzubereiten.

Dann war es die Idee Ihres Mannes, die Nationalmannschaft auszustatten?

Soweit ich weiß, ist das so. 2006 haben wir die Spieler ja das erste Mal angezogen. Zuvor hatte es eine gewisse Erneuerung im Team gegeben. Ich habe dann ein Konzept entwickelt, das gut angekommen ist. So wie das Piqué-Hemd von Jürgen Klinsmann und Jogi Löw damals der Renner wurde, war es bei der Europameisterschaft 2008 das weiße Hemd mit der Naht. Jetzt ist es der blaue Pullover aus Babykaschmir. Dieses Material ist ein ständiger Begleiter in meiner Kollektion.

Was ist Babykaschmir?

Das ist extrem fein ausgewebtes Kaschmir. Ein ganz dünnes, leichtes, reisefreundliches Material. Eine Qualität, die Sie das ganze Jahr über gut tragen können, auch im Sommer.

Der blaue Glückspullover von Jogi Löw ist ausverkauft. Wann gibt es Nachschub?

Anfang August kommt die erste Lieferung in die Läden, Ende August eine weitere. Es gibt schon viele Anfragen.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Jogi Löw ist einer, der instinktiv entscheidet, was er anzieht. Er hatte ja eine große Auswahl dabei. So etwas ist nie vorauszusehen. Und nachdem wir die Herrenkollektion bisher nur in unseren eigenen Läden vertreiben, ist das Kontingent nicht so groß.

Wie verkauft sich der Rest der Fußballer- Kollektion?

Alle Fans sind davon überzeugt, dass die Mannschaft erstklassig gespielt hat. Die Euphorie ist nach wie vor da.

Wie passen Fußball und Strenesse zusammen?

Eine Fußballmannschaft funktioniert für mich nur mit Teamgeist. Und in einem Modeunternehmen, wie wir es sind, muss auch Teamgeist herrschen. Insofern ist da eine starke Verbindung. Das habe ich auch bei den Anproben und Fotoshoots mit der Mannschaft erlebt. Die Spieler gehen sehr respektvoll miteinander um, jeder ist seine eigene Persönlichkeit. Das ist ein Stil, den wir auch in unserem Familienunternehmen pflegen.

Hätte es Strenesse geschadet, wenn die Mannschaft früher ausgeschieden wäre?

Nein, das denke ich nicht. Diese Nationalmannschaft mit Jogi Löw strahlt eine unglaubliche Sympathie aus. Und sie haben den Willen zum Erfolg. Das nimmt ihnen auch jeder ab. Da ist kein Außenseiter dabei. Egal wie es ausgegangen ist, sie haben eine wahnsinnige Begeisterung für Deutschland. Das freut mich, denn es ist eine Parallele zu dem, was ich empfinde.

Löw hat seinen Vertrag verlängert. Verlängern Sie Ihren Vertrag mit dem DFB auch?

Die Gespräche führt mein Mann. Den Stand der Verhandlungen kenne ich nicht. Aber was sollte gegen eine Verlängerung sprechen? Das Team ist zufrieden mit uns.

Männermode hat bei Strenesse bisher nur eine Nebenrolle gespielt. Bedeutet Ihr Engagement, dass Sie diesen Zweig stärker ausbauen wollen?

Wir haben die Herrenkollektion für den kommenden Sommer etwas breiter ausgebaut und wir bieten sie nun auch den Einzelhändlern zum Verkauf an. Es ist klar, dass die Marke Strenesse von ihrer Historie her eine Damenmarke ist. Es war aber immer mein Wunsch, die Marke auch für Männer zu entwickeln. Die Handschrift Gabriele Strehle aus der Hauptlinie wird in der Männerlinie genauso detailverliebt und handwerklich umgesetzt. Mode ist längst zu etwas geworden, was zum Lebensstil dazugehört wie die Ernährung, der Sport oder die Einrichtung. Das trifft auch bei Männern zu. Für Strenesse ist die Männermode ein zusätzliches Kind, das wächst.

Strenesse hat bei der jüngsten Mercedes-Benz Fashionweek in Berlin auf eine Show verzichtet. Warum?

Wir waren seit der Geburtsstunde der Berliner Fashionweek dabei. Aber in diesem Jahr haben wir uns stark auf den internationalen Vertrieb konzentriert und waren auf den Messen in Kopenhagen, Amsterdam und Paris vertreten. Paris ist für den asiatischen Markt sehr wichtig. Deshalb haben wir uns entschieden, in Berlin keine Show zu machen, sondern Strenesse Blue und Strenesse Men nur auf der Premium auszustellen.

Bedeutet das, Sie kommen nicht zur Berliner Fashionweek zurück?

Nein, das bedeutet es überhaupt nicht. Berlin ist für mich ein Nährboden für eine blühende Modeszene. Hier treffen sich die ganze Hochkultur, die Avantgarde und die Subkultur. Berlin hat im Moment den Ruf wie London in den 60er und 70er Jahren oder New York in den 80er und 90er Jahren. Die Stadt hat absolut die große Chance an ihren legendären Ruf von 1920 anzuknüpfen und wieder zu einer international anerkannten Modemetropole zu werden. Diese Chance darf Berlin nicht versäumen.

Ist die Hauptstadt auf gutem Weg?

Ja. Aber Berlin muss seine kreativen Kräfte bündeln und die Veranstalter müssen dafür sorgen, dass mehr internationale Modejournalisten kommen. Es sind noch zu wenige da. Allerdings muss so etwas erst wachsen. Diese Entwicklung braucht Zeit. Ich bin aber absolut überzeugt davon, dass Berlin den richtigen Weg geht.

Berlin hat also eine bessere Chance als München oder Düsseldorf?

Düsseldorf und München sind nach wie vor wichtige Orderstädte. Berlin ist dagegen ein wirklich großes Kommunikations- und Informationszentrum für die kreative Szene.

Wird in Deutschland genug für den Modenachwuchs getan?

Die jungen Designer werden natürlich in Ländern wie Frankreich und England viel mehr unterstützt als bei uns. Das liegt an der Historie. Ich bewundere die jungen engagierten Designer, die dennoch ihre eigenen Kollektionen machen und mit Begeisterung alles geben, um sich präsentieren zu können.

Was könnte man besser machen?

Der Staat könnte das Studium und die Gründung eigener kleiner Unternehmen besser fördern. Ich gebe dem einen oder anderen auch gern Rat, wenn jemand meine Unterstützung braucht.

Wie geht es mit Strenesse weiter?

Die Liebe zum Detail ist nach wie vor meine große Vision. Sie immer wieder neu zu erfinden, ist eine große Herausforderung.

Für viele Menschen ist Mode von Strenesse reiner Luxus. Wie schwer ist es, solche Mode in Krisenzeiten zu verkaufen?

Wir sind uns immer treu geblieben. Das Produkt Strenesse ist kein Saisonprodukt, sondern etwas Langlebiges. Für viele Menschen ist es eine Art Investment. Gerade in schweren Zeiten profitieren wir davon. Das spüre ich. Im Moment achten die Menschen darauf, ihr Geld für etwas von Wert auszugeben.

Sie haben die Krise nicht gespürt?

Es wäre ganz unverzeihlich, wenn wir an unseren Grundfesten sparen würden. Die Linie Strenesse Gabriele Strehle verkörpert Aufbruchgeist. Die Stücke der Kollektion sind moderne Klassiker, der Stil ist so beschaffen, dass sie sich als Investment eignen. Ich finde es wunderbar Menschen zu sehen, die ein Teil tragen, das sie schon drei Jahre besitzen. Aber natürlich müssen auch wir im Unternehmen unsere Strukturen überdenken und nach Rationalisierungspotenzial suchen. Das ist ganz klar. Es ist eine Herausforderung, um neue Wege zu gehen und kostengünstiger zu werden. Nur der Fels, die stilistische Aussage des Hauses, darf darunter nicht leiden.

Wo sehen Sie Rationalisierungspotenzial?

Wir schauen uns alle Produktionsstätten genau an. Aber die Hauptlinie wird nach wie vor nicht in Asien, sondern nur in Osteuropa produziert. Als Familienunternehmen hat man ganz andere Chancen als die großen Unternehmen, weil wir kleiner und damit auch viel flexibler sind. In einem Familienunternehmen weiß jeder, dass wir alle an einem Strang ziehen. Und unsere Entscheidungswege sind viel schneller. Da haben wir einen großen Vorteil.

Strenesse stattet die Fußballer aus. Gibt es noch andere Teams, die sie gern anziehen würden?

Ich habe ja schon vor Jahren die Lufthansa angezogen – aus eigener Initiative heraus.

Weil die Lufthansa-Mitarbeiter schlecht angezogen waren?

Nein. Ich mache etwas für Deutschland, darum geht es mir. Ich bin stolz auf meine Nationalität. Die Lufthansa oder die Nationalmannschaft, das sind Botschafter, die uns im Ausland vertreten. Und für mich ist es ein inneres Bedürfnis, aus meinem eigenen Bereich herauszugehen und etwas für das Land zu tun.

Wie kleiden sich denn unsere Politiker?

Ich wäre jederzeit bereit, den einen oder anderen Politiker mit anzuziehen. Aber ich weiß, dass es ein wahnsinnig intensiver Job ist, wenn man ihn gut machen will. Und das Tagesgeschäft darf nicht darunter leiden.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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