Die Folgen des Fabrikeinsturzes : „Ein Boykott ist keine Lösung“

Hat sich nach der Katastrophe in Bangladesh mit mehr als 1000 Toten etwas geändert für die Näherinnen? Kaum, sagt Arbeitnehmer-Aktivistin Kalpona Akter.

Kalpona Akter ist Gewerkschafterin in Bangladesch.
Kalpona Akter ist Gewerkschafterin in Bangladesch.Foto: Jens Grossmann

Frau Akter, wie ist heute die Situation der Näherinnen?

Noch immer werden sie mies bezahlt, unter Druck gesetzt, ausgebeutet und sexuell belästigt. Viele müssen unbezahlte Überstunden leisten. Wer sich dagegen wehrt oder gewerkschaftlich organisieren will, wird geschlagen. Aber die meisten Frauen haben keine andere Wahl als in einer Textilfabrik zu arbeiten.

Die Regierung hat immerhin den Mindestlohn nahezu verdoppelt.

Der liegt jetzt bei umgerechnet 50 Euro im Monat, zuvor waren es 29 Euro. Aber das ist noch immer zu wenig zum Leben. Wir hatten 75 Euro Mindestlohn gefordert.

Was erwarten Sie von den Modekonzernen und Handelsketten?

Dass sie den Entschädigungsfonds für die Opfer des Unglücks unterstützen, der unter Aufsicht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO aufgelegt wurde (siehe Text unten). Es ist auch höchste Zeit, dass die Unternehmen ihren Lieferanten in den Produzentenländern mehr zahlen. Dann können die Fabrikbosse hierzulande ihren Arbeitern mehr zahlen.

Aber das T-Shirt würde teurer.

Ich war kürzlich in den USA. Dort kostet die Jeans in einer GAP-Filiale 70 US-Dollar. Es ist verrückt zu sehen, wie viel Profit die Markenhersteller mit den Kleidern machen, die sie für Hungerlöhne produzieren lassen.

Haben Sie nicht Sorge, dass die Konzerne weiterziehen und woanders produzieren lassen, wenn Bangladesch zu teuer wird?

Wo wollen die denn hin? Nach Myanmar? Mag sein, dass dort die Löhne noch niedriger sind. Aber dort finden die Konzerne nicht so gute Näherinnen. Wichtig ist, dass sich die Näherinnen aller Länder solidarisieren. Das Beispiel China macht uns Mut: Dort sind die Arbeiter und Arbeiterinnen auf die Straße gegangen und haben höhere Löhne durchgesetzt.

Könnte so ein Unglück wie Rana Plaza wieder passieren?

Rana Plaza war nicht die erste Katastrophe, es wird auch nicht die letzte sein. Auch vor Rana Plaza gab es schon Tote in Textilfabriken, etwa über 112 Tote nach einem Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik im Jahr 2012. Auch damals hofften wir: Jetzt lernen die Fabrikbosse und ihre Auftraggeber im Westen etwas, verbessern die Bedingungen.

Sollen die deutschen Verbraucher T-Shirts aus Ausbeuterfabriken boykottieren?

Nein, ein Boykott ist keine Lösung. Wir brauchen diese Jobs in der Textilindustrie, aber sie müssen anständig und würdig bezahlt werden.

Zahlen Fabriken, die für teure Modemarken nähen, bessere Löhne?

Nein. Meist werden die Teile in denselben Fabriken hergestellt wie die billigen T-Shirts.

Kalpona Akter (37)

setzt sich als Direktorin des Bangladesh Center for Worker Solidarity für die rund vier Millionen Textilarbeiter im Land ein. Mit der Gewerkschafterin sprach Martina Hahn.

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