DIW-Chef Marcel Fratzscher klagt an : "Die soziale Marktwirtschaft ist tot"

Kaum ein Land ist so ungleich wie Deutschland, sagt der Ökonom. Über sein neues Buch diskutiert er mit Martin Schulz und Jens Spahn.

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Chancenlos: Kinder aus armen Familien bleiben arm, warnt Marcel Fratzscher.
Chancenlos: Kinder aus armen Familien bleiben arm, warnt Marcel Fratzscher.Foto: dpa

Es ist das Credo der sozialen Marktwirtschaft: "Das mir vorschwebende Ideal beruht auf der Stärke, dass der Einzelne sagen kann: Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein". Fast 60 Jahre ist es her, dass Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhardt der deutschen Nachkriegsbevölkerung seine Vision von Wirtschaft und Wohlstand nahegebracht hat. "Wohlstand für alle", heißt das Werk, das 1957 auf den Markt kam. Nun räumt einer der renommiertesten deutschen Ökonomen mit dieser Illusion auf. Statt "Wohlstand für alle" gebe es heute "Wohlstand für immer weniger", schreibt Marcel Fratzscher. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ein neues Buch verfasst ("Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird". Hanser, 20,50 Euro), das er an diesem Montag in Berlin vorstellt und über das er mit Politikern diskutieren will. Eingeladen hat er sich dazu Martin Schulz (SPD), den Chef des Europaparlaments, und Jens Spahn (CDU), Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

"Die soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr", sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher.
"Die soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr", sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher.Foto: REUTERS

Fratzschers These: "Die soziale Marktwirtschaft existiert nicht mehr". Die Ungleichheit in Deutschland habe in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Die reichsten zehn Prozent besitzen inzwischen zwei Drittel des Vermögens, die ärmere Hälfte habe dagegen praktisch nichts. In keinem anderen Land der Euro-Zone sei die Vermögensungleichheit höher, kritisiert der DIW-Chef. Nicht nur bei den Vermögen, auch beim Einkommen liegt nach der Analyse Fratzschers einiges im argen. Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen klaffe immer weiter auseinander. Rund die Hälfte der Arbeitnehmer habe hinnehmen müssen, dass ihre Löhne in den vergangenen 15 Jahren an Kaufkraft verloren haben. Das Schlimmste aber, meint der DIW-Chef, ist die fehlende Chancengleichheit. In kaum einem anderen Land beeinflusst die soziale Herkunft die Aufstiegschancen so sehr wie in Deutschland. Arme bleiben arm, Reiche reich. 70 Prozent der Akademikerkinder gehen zur Uni, hat Fratzscher recherchiert, in Nicht-Akademiker-Haushalten sind es nur 20 Prozent.

Was tun? Den Reichen nehmen und den Armen geben? Das, meint der Ökonom, ist zu kurz gesprungen. Schon heute sei die Steuer- und Abgabenlast hoch, verteile der Staat um. Doch ohne vernünftiges System. Der DIW-Chef fordert gleiche Steuersätze für Kapitalerträge und Lohn, gleiche Erbschaftsteuersätze für Familien- und Privatvermögen. Doch wichtiger ist ihm ein anderer Punkt: die Bildung. Förderung von der Kita an, gute Lernbedingungen und eine bessere Qualifizierung sollen auch den sozial Schwachen ermöglichen, aus eigener Kraft voranzukommen.

Hat Karriere gemacht: Martin Schulz, Chef des Europaparlaments.
Hat Karriere gemacht: Martin Schulz, Chef des Europaparlaments.Foto: picture alliance / dpa

Martin Schulz hört das gerne. Der Europapolitiker -Jahrgang 1955 - gehört zu der Generation, denen die Eltern einen Satz immer wieder eingehämmert haben. "Du sollst es einmal besser haben", erzählt der einstige Buchhändler von seinem Zuhause. Bei Schultz hat das geklappt. Umso verstörender findet es der Sozi, dass Deutschland, der Spar-Weltmeister, der Meister des Haushaltsüberschusses, dieses "superreiche" Land, einer der ungleichsten Staaten der Welt ist. Aber: "Hat denn die Mitregierungspartei SPD keinen Anteil daran?", fragt sich so manch einer im Publikum.

Deutschland geht es gut, sagt Finanzstaatssekretär Jens Spahn.
Deutschland geht es gut, sagt Finanzstaatssekretär Jens Spahn.Foto: picture alliance / dpa

Anders als Schulz tritt Spahn von Anfang an die Verteidigung nach vorne an. "Deutschland als soziales Notstandsgebiet? Das trifft das Lebensgefühl der Deutschen nicht", meint er. Deutschland stehe gut da. Die Löhne seien gestiegen, die Rentner bekommen in diesem Jahr das größte Plus seit 1994, die Pflegeversicherung sei ausgebaut worden, allein im vergangenen Jahr seien 400.000 neue Jobs geschaffen worden. Auch im digitalen Bereich. Eine Branche, die Schulz argwöhnisch beobachtet - vor allem seit seinem Treffen mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg kürzlich. Schulz sieht den Arbeitsschutz in Gefahr, Arbeitnehmerrechte bedroht, den Aufstieg der Internet-Größen skeptisch, auch wenn sie spendabel daher kommen. Auf die Ankündigung Zuckerbergs, große Teile seines milliardenschweren Vermögens stiften zu wollen, sagt Schulz, das habe er auch schon getan. "Ich habe nach der Geburt meiner Tochter 99 Prozent meines Vermögens gespendet. Das waren 100 DM." Wohlstand für alle? Das war wohl schon immer relativ.

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