Elektroautos und autonomes Fahren : Modellstadt für Mobilität ist Hamburg - nicht Berlin

VW-Chef Matthias Müller und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz planen eine Modellstadt für Mobilität. Berlin, die Stadt mit dem Schaufenster Elektromobilität, sieht da alt aus.

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Partner. Olaf Scholz sitzt am Steuer eines Audi, VW-Chef Müller schaut zu.
Partner. Olaf Scholz sitzt am Steuer eines Audi, VW-Chef Müller schaut zu.Foto: dpa

Strahlend sitzt der Bürgermeister neben VW-Chef Matthias Müller. Vor dem Rathaus haben beide am vergangenen Montag in einem Audi Platz genommen, der einen Elektromotor unter der Haube hat und für autonomes Fahren vorbereitet ist. Kurz zuvor haben die Stadt und der Autokonzern eine „Mobilitätspartnerschaft“ unterschrieben. Es geht um neue Ansätze in der Verkehrssteuerung, um autonomes Fahren und Parken, gemeinschaftlich genutzte Auto-„Pools“, E-Busse und die Senkung von Abgasemissionen. Das Projekt läuft über drei Jahre. Die Stadt soll eine Schlüsselrolle bekommen in der neuen VW-Strategie für mehr Elektroautos und Mobilitätsdienste in Ballungsräumen. Die Stadt heißt Hamburg – nicht Berlin. Der Bürgermeister ist Olaf Scholz (SPD) – nicht Michael Müller (SPD).

Volkswagen wolle dazu beitragen, „dass Hamburg zur Modellstadt für intelligenten Verkehr wird“, kündigt Müller an. Nach dem Diesel-Skandal braucht das Unternehmen eine Bühne, um sich als nachhaltiger, umweltfreundlicher Autohersteller darzustellen. Hamburg wiederum braucht als Hafen- und Logistikstandort mit extremen Schadstoffbelastungen eine Verkehrswende. Müller und Scholz glauben an eine Win-Win-Situation.

Warum wird Hamburg Modellstadt, nicht Berlin?

Drei Autostunden weiter östlich, in der Bundeshauptstadt, reibt man sich die Augen. Würde nicht alles, was Scholz und Müller feierlich erklären, besser an die Spree passen, in die größte deutsche Metropole, die sich als internationales Schaufenster der E-Mobilität vermarktet, als Hauptstadt des Carsharings und als Praxislabor für Start-ups, die innovative Formen städtischer Mobilität ausprobieren?

Die Nachfrage bei der Senatsverwaltung fördert Überraschendes zutage: Berlin war offenbar gar nicht im Gespräch für eine engere Partnerschaft mit dem Wolfsburger Dax-Konzern. „Es gab keinen Kontakt zu Volkswagen“, sagt ein Sprecher von Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). Bei Andreas Geisel (SPD), dem Senator für Stadtentwicklung, verweist man an das Wirtschaftsressort: „Wir wurden nicht angesprochen“, erklärt Geisels Sprecher.

Olaf Scholz macht sich für Mobilitätsthemen stark

Im VW-Konzern ist zu hören, dass man sehr viel aus Hamburg, aber sehr wenig aus Berlin gehört habe. Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz zeige sich bei Mobilitätsthemen sehr engagiert: „Der setzt sich persönlich ein.“ Ein VW-Sprecher will von Beziehungsproblemen mit der Bundeshauptstadt indes nichts wissen: „Wir lassen Berlin nicht links liegen, die Stadt bleibt ein wichtiger Standort für Volkswagen.“ Tatsächlich hat sich der Autokonzern in den vergangenen Monaten mehrfach in der Hauptstadt engagiert.

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Matthias Müller persönlich präsentierte im Juni im Konzern-Forum „Drive“ Unter den Linden das 300-Millionen-Euro-Investment beim On-Demand- Fahrdienst Gett. Wichtiger noch: Der VW-Chef kündigte an, dass Volkswagen sein neues Geschäftsfeld für Mobilitätsdienste als eigenständige Gesellschaft in Berlin ansiedeln wird. Im Herbst soll es so weit sein. Insgesamt soll im Rahmen der „Strategie 2025“ in den kommenden knapp zehn Jahren ein „zweistelliger Milliardenbetrag“ in Mobilitätsdienste investiert werden. Berlin werde die erste deutsche Stadt sein, in der der Gett-Dienst an den Start gehe, heißt es. Schon länger arbeitet zudem das „Digital:Lab“ von Volkswagen an der Spree, die nach Konzernangaben „modernste Softwareschmiede des Volkswagen-Konzerns“. Auch die VW- Tochter Porsche eröffnete Ende August in Berlin ein Digital-Labor. Gute Voraussetzungen also für eine Partnerschaft in Sachen Zukunftsmobilität.

Verkehrsexperten aus Berlin sind enttäuscht

Berliner Verkehrsexperten sind dennoch enttäuscht: „Wir müssen neidvoll zugestehen, dass Olaf Scholz eine klare Linie hat, etwa beim Thema Elektromobilität“, sagt Gernot Lobenberg, Leiter der Berliner Agentur für Elektromobilität (Emo). Als früherer Leiter der „Logistik-Initiative Hamburg“, dem größten Standortnetzwerk der Branche in Deutschland, kennt Lobenberg beide Städte. „Man würde sich wünschen, dass Verkehr und Mobilität der Zukunft in Berlin prioritäre Themen wären“, sagt der Emo-Chef. Hamburg lebe es vor. „Dort ist das Chefsache des Ersten Bürgermeisters.“

Wenngleich VW und Hamburg nicht exklusiv kooperieren und der Stadt keine finanziellen Zusagen gemacht wurden, sieht Berlin alt aus. „Wir haben genauso wie Hamburg keinen Autohersteller, aber mehr Start-ups, mehr Wissenschaftler – das könnte man gut verkaufen“, sagt Nicole Ludwig, Grünen-Sprecherin für Wirtschaft im Abgeordnetenhaus. Sie erwartet, „dass der Regierende bei VW oder einem anderen Hersteller anruft“, um Möglichkeiten einer ähnlichen Kooperation auszuloten. „Eine große Automarke im Boot zu haben, ist superwichtig.“

Michael Müller zog es vor, in der vergangenen Woche Olaf Scholz zu treffen – vor dem Brandenburger Tor. Berlin und Hamburg kaufen künftig gemeinsam emissionsfreie Linienbusse. Zusammen wollen beide pro Jahr bis zu 200 Elektrobusse beschaffen. BVG-Chefin Sigrid Nikutta war begeistert: „Dass wir nun zusammen mit den Hamburger Partnern Druck auf die Hersteller machen können, sich noch mehr ins Zeug zu legen, freut mich wirklich sehr.“

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