Energiewende : Unser Dorf soll grüner werden

Eine Gemeinde im Allgäu produziert fünf Mal so viel Energie wie sie braucht – und das sauber. Die Frage ist nur: Wohin damit?

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Vorbild Wildpoldsried. Die 2570-Einwohner-Gemeinde gilt als eine Art Musterdorf für den Energiewandel.
Vorbild Wildpoldsried. Die 2570-Einwohner-Gemeinde gilt als eine Art Musterdorf für den Energiewandel.Foto: picture alliance / dpa

Bürgermeister Arno Zengerle ist ein viel beschäftigter Mann. Etwa jeden dritten Tag muss der CSU-Politiker inzwischen eine neue Besuchergruppe durch die malerische Allgäu-Ortschaft führen. Und die Gäste stammen längst nicht mehr nur aus Bayern, dem Rest der Republik und ganz Europa. Letzte Woche kamen Experten aus Sumatra und gerade hat er eine Delegation aus Äthiopien verabschiedet, die das Außenministerium vorbeigeschickt hat. Chinesen und Japaner waren auch schon da.

Denn inzwischen gilt die 2570-Einwohner-Gemeinde global als eine Art Musterdorf für den Energiewandel. Dass es so kam, verdankt Wildpoldsried bürgerlichem Engagement und politischer Weitsicht. 1999 wurde bei einer Bürgerbefragung die Vision für den Ort im Jahr 2020 entwickelt und vom Gemeinderat, in dem Vertreter von CSU, Freien Wählern und SPD sitzen, verabschiedet. Einstimmig, wie fast alle Beschlüsse, denn man entscheidet fachbezogen und nicht parteipolitisch, wie Zengerle betont. So ist hinter den Namen auf der Liste der Ratsmitglieder noch nicht einmal die jeweilige Parteizugehörigkeit vermerkt.

So heißt die Vision auch WIR – die Buchstaben stehen für Wildpoldsried innovativ und richtungsweisend. Heute gibt es im Ort 200 Fotovoltaik- und 140 thermische Solaranlagen, die mit Biomasse betriebene Dorfheizung versorgt 17 städtische Gebäude und 25 Privathäuser mit Wärme. Für die gibt es auch im Sommer Bedarf, denn der größte Industriebetrieb der Gemeinde stellt Lehmbauplatten für den ökologischen Hausbau her, die getrocknet werden müssen.

Dazu kommen fünf Erdwärme- sowie vier Hackschnitzel- und Pelletsheizungen, drei Wasserkraftanlagen und fünf von Landwirten betriebene Biogasanlagen. Und seit dem Jahr 2000 wurden insgesamt fünf Windkraftanlagen aufgestellt, an denen 180 Bürger mit rund vier Millionen Euro Eigenkapital beteiligt sind. Im vergangenen Jahr lag der Ertrag, der in der Gemeinde durch nachhaltige Energien erwirtschaftet wurde, über vier Millionen Euro.

Rund 110 Einwohner lassen derzeit zwei weitere Windräder errichten. Wenn sie dieser Tage ans Netz gehen, produziert Wildpoldsried 500 Prozent des eigenen Energiebedarfs. Die beiden Anlagen allein werden 80 Prozent des Ertrages liefern, den die 40 Milchviehbetriebe des Ortes mit ihren 1350 Kühen erzielen. Auch der Nachwuchs wird in Wildpoldsried früh eingestimmt. Bereits im Kindergarten gibt es Energiewochen und an der Grundschule können die Besucher der ersten bis vierten Klassen einen „Energieführerschein“ erwerben.

Da man den überschüssigen Strom auch absetzen muss, hat Wildpoldsried einen starken Partner in direkter Nachbarschaft gefunden. Das Allgäuer Überlandwerk (AÜW) in Kempten gilt als einer der innovativsten Energieversorger des Landes. Geschäftsführer Michael Lucke will bis 2022 rund 70 Prozent des Stroms für das Oberallgäu aus regenerativen Quellen erzeugen. Dabei wird sich das Verhältnis zwischen Erzeugern und Verbrauchern dramatisch verändern. Der Konsument wird zunehmend zum Partner, der auch selbst Energie produziert. Auch dafür gibt es schon einen Namen, den „Prosumer“.

Doch die herkömmlichen Stromnetze sind darauf ausgelegt, ihre Energie von wenigen konstanten Lieferanten, den Kraftwerken, zu beziehen. Sie sind weder für eine Vielzahl von Quellen mit stark schwankender Stromerzeugung noch für die Rückspeisung überschüssiger Mengen konzipiert. Um Spitzen abzufedern bedarf es zunehmend auch einer intelligenten Steuerung des Stromverbrauchs. Energiepreise werden sich zukünftig nachfrageabhängig während des Tagesverlaufs verändern.

Die Antwort darauf sind Smart Grids, intelligente, sich selbst überwachende, automatisierte Stromnetze. Kein Platz in Deutschland bot sich besser für die Erprobung eines solchen Smart Grid an als Wilpoldsried, wo AÜH und Siemens gemeinsam mit der Hochschule Kempten und der RWTH Aachen noch bis zum Herbst IRENE erproben. Der Name steht für Integration regenerativer Energien und Elektromobilität. Ein regelbarer Ortsnetztrafo, verbunden mit Sensoren im ganzen Ort berechnet unter Berücksichtigung der Wetterlage Produktion und Nachfrage und gleicht die Spannungsschwankungen aus. 30 Bewohner der Gemeinde wurden zeitweilig mit Elektroautos ausgestattet, die in den Ruhephasen ebenso als Zwischenlager für überschüssige Energie dienen wie ein großer Batteriespeicher.

Manfred Reichart füttert statt Kühe jetzt eine der großen Biogasanlagen mit Gras, Mais und Gülle. Mit dem Gas produziert der Landwirt im angeschlossenen Blockheizkraftwerk Strom und speist ihn ins AÜW-Netz ein. So ganz nebenbei ergibt der Rückstand aus dem Gärungsprozess einen hochwertigen Dünger für die Felder. Jetzt bekommt Reichart noch einen Personal Energy Agent (PEA) zur Seite gestellt. Der ist Teil des von Siemens entwickelten Software-Agentennetzes „So Easy“ und fungiert als Schnittstelle zwischen Nutzer und Netz. Letzteres wird von der ebenfalls virtuellen Elektrizitätspolizei (EP) überwacht, die vertragswidriges Verhalten ebenso aufspürt wie Stromdiebstähle.

Was im Allgäu im Kleinen geprobt wird, könnte zukünftig „ein Wirtschaftsmotor für Deutschland und ein Exportschlager sein“, sagt Rudolf Martin Siegers, Leiter von Siemens Deutschland. In Wildpoldsried hat man diese Erfolgsgesichte schon geschrieben. Als man die Umfrage nach zehn Jahren wiederholte, gab es keine Verbesserungsvorschläge mehr. „Die Visionen sind abgearbeitet“, sagt Arno Zengerle. Für die Ergebnisse kassiert die Gemeinde einen Preis nach dem anderen. So konnte der Bürgermeister vor einigen Monaten in Rom für seinen Ort den internationalen Umweltpreis „Un Bosco per Kyoto“ entgegennehmen, mit dem zuvor auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama ausgezeichnet wurden.

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