Eröffnung der Internationale Luftfahrtmesse : Merkels Mondfahrt

Die Internationale Luftfahrtmesse in Berlin strotzt nur so von Luft-Boden-Raketen, Marschflugkörpern und Kampfjets. Angela Merkel macht bei ihrem Eröffnungsrundgang dennoch einen Bogen um die Rüstungsindustrie. Das hat seine Gründe.

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Auf Tuchfühlung mit Rüstung und Raumfahrt: Merkel eröffnet die ILA
Auf Tuchfühlung mit Rüstung und Raumfahrt: Merkel eröffnet die ILAFoto: dpa

Es herrscht buchstäblich Bombenwetter zum Auftakt der ILA: Drei junge Türken in dunklen Anzügen freut das. Die Vertreter des Raketenherstellers Roketsan aus Ankara sind zum ersten Mal als Aussteller auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtmesse und haben ein schattiges Plätzchen ergattert. Von ihrem Pavillon blicken sie auf ihre Produkte: Luft-Boden-Raketen für Hubschrauber, Anti-Schiffs-Raketen für Jets, sogar einen Marschflugkörper aus Eigenproduktion können sie den Kunden hier bei Berlin in bestem Licht präsentieren. Der sei zwar bisher nicht kompatibel mit den einschlägigen westeuropäischen Kampfjets wie dem Eurofighter oder der Mirage. „Aber wir arbeiten dran“, sagt einer.

Wenige Minuten später zeigt ihr Verkehrs- und Kommunikationsminister Lüfti Elvan wie das geht. Als Repräsentant des diesjährigen ILA-Partnerlandes tritt er ans Pult auf dem Flugfeld. An die Adresse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die zur feierlichen Eröffnung neben ihm steht, würdigt er Deutschland als einen „wichtigen Partner, vor allem in der Rüstungsindustrie“. Von den rund 30 Milliarden Euro, die das bilaterale Handelsvolumen im Jahr umfasse, seien immerhin vier Milliarden auf den Rüstungssektor zurückzuführen, erklärt Elvan. Im vergangenen Jahr habe sein Land Rüstungsgüter im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro exportiert. Zwei Milliarden sollen es bald werden – mit deutscher Hilfe, hofft Elvan. „Ich wünsche mir, dass unsere Beziehungen sich weiter entwickeln.“

Um den Streit mit der Türkei macht Merkel einen Bogen

Anschließend tritt Merkel ans Pult und viele der rund 300 Zuhörer spitzen kurz die Ohren, als sie dem Türken sagt: „Ich wünschte mir, ich könnte sie in sorgenfreieren Zeiten willkommen heißen.“ Tatsächlich ist das bilaterale Verhältnis zur Türkei so gespannt, wie sonst zu keinem andern Nato-Partner: Der Streit der Türken mit Israel, die Niederschlagung der Gezi-Park-Proteste, das Twitter-Verbot, Premierminister Recep Tayyip Erdogans Streit mit Bundespräsident Gauck, nun sein geplanter Auftritt in Köln. Doch Merkel erwähnt all dies nicht. „Unsere Gedanken sind bei den Familien der Opfer des Grubenunglücks“, sagt sie.

Das war die ILA 2014
Die Flieger sind längst da, und seit Freitag auch die Massen. Die Ila ist fürs Publikum geöffnet - am heutigen Sonntag ist die letzte Chance.
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25.05.2014 17:40Die Flieger sind längst da, und seit Freitag auch die Massen. Die Ila ist fürs Publikum geöffnet - am heutigen Sonntag ist die...

Kurz darauf schneidet sie das Band durch und startet zu einem anderthalbstündigen Messerundgang. Sie besucht die zivile Neuheit des Airbus-Konzerns, den Langstreckenflieger A 350 XWB, der auf der ILA seine Messepremiere feiert. Dann posiert sie kurz vor dem Kampfhubschrauber UH Tiger im Pavillon der Bundeswehr. Die anderen Termine sind aus Sicht von Friedensaktivisten unverdächtig: Merkel besucht den Space-Pavillon, die Triebwerkshersteller MTU und RollsRoyce und auch den Stand des Unternehmen Diehl. Der hat zwar auch eine große Sparte für Lenkflugkörper, die Kanzlerin bekommt aber die Kabinenausrüstung für den neuen Airbus gezeigt.

Auch Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der am Dienstagnachmittag zu seinem Rundgang aufbricht, macht einen Bogen um die Rüstungsindustrie. Erst am Wochenende war er mit dem Vorwurf konfrontiert worden, dass er mehr Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter erteilt hat, als sein Vorgänger.

Das Geschäft mit Rüstungsgütern wächst

Die Politik tut sich schwer mit dem Rüstungssegment, das einen Anteil von rund 22 Prozent an der gesamten Luft- und Raumfahrtindustrie hat. Dabei wächst es kräftig: 2013 stieg der Gesamtumsatz zum Vorjahr um 7,2 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro. 22 200 Menschen waren laut Branchenverband BDLI im vergangenen Jahr direkt bei den Herstellern von militärischem Fluggerät beschäftigt, zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Ohne die Rüstungshersteller, die an der ILA die Nähe zu ihren Kunden schätzen, gäbe es diese Luftfahrtmesse wohl nicht.

In Berlin hat die Luftfahrtschau ILA begonnen.
In Berlin hat die Luftfahrtschau ILA begonnen.Foto: dpa

So schwer deutsche Spitzenpolitiker sich auch in der Öffentlichkeit zur Rüstungsindustrie bekennen, so problemlos funktioniert das Geschäft im informellen Rahmen. John D. Harris, Leiter der Produktentwicklung des US-Raketenbauers Raytheon, kann jedenfalls nicht erkennen, dass deutsche Kunden sich anders verhalten als Araber oder Asiaten. „Auch die Deutschen verlangen, dass die Güter verlässlich, schnell lieferbar und vor allem bezahlbar sind“, berichtet Harris.

Er wirbt auf der ILA für einen Folgeauftrag der Bundesregierung für sein Patriot-Flugabwehrsystem, das die Bundeswehr derzeit unter anderem an der türkisch-syrischen Grenze installiert hat. „Wir haben das System seit 1982 stetig weiterentwickelt und arbeiten dabei auch eng mit deutschen Unternehmen zusammen“, wirbt Harris dafür. Wann wird diese Regierung, die sich mit Rüstungsprojekten wie der Euro-Hawk-Drohne und dem Transporter A400M herumschlägt, einen Auftrag erteilen? „Das ist die Millionen-Dollar-Frage“, lacht Harris. „Wir üben uns in Geduld.“

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