Wirtschaft : Europa von ferne sehen

Jedes zweite in der EU verkaufte TV-Gerät kommt vom Bosporus – dem Image der Türkei hilft das nicht

Hugh Pope

Die Unternehmensgruppe Kol ist mit ihren 54000 Mitarbeitern einer der größten türkischen Konzerne. Der Name steht in der Türkei für Qualität. Doch als die Kol-Holding der französischen Möbelhaus-Kette Conforama im Januar eine neue Waschmaschine der Marke Beko andiente, winkten die französischen Verkäufer entsetzt ab.

„Die Leute denken, dass die Türkei keine Qualitätsware produzieren kann“, sagt die Marketing-Leiterin von Beko in Frankreich, Valérie Lubineau. Darum weihte sie damals die französischen Möbelhaus-Verkäufer in ein Geheimnis ein, das bisher nur deren Chefs kannten: Seit vielen Jahren produziert Kol die angesehene Eigenmarke von Conforama. Jetzt, acht Monate nachdem Lubineau das Geheimnis lüftete, verkauft sich die blau-silberne Beko-Ware sogar besser als die westeuropäischen Markengeräte.

Der Kampf der Kol-Gruppe um Anerkennung in Europa spiegelt die Hürden, welche die Türkei auf ihrem Weg zum angestrebten EU-Beitritt zu überwinden hat. Erst in der vergangenen Woche wurde in der Europäischen Union wieder über einen möglichen Beitritt der Türkei gestritten. Im Dezember will die EU darüber entscheiden, ob sie im kommenden Jahr Beitrittsverhandlungen mit der 70-Millionen-Nation aufnimmt. Umfragen in Deutschland und Frankreich zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung dagegen ist. „Die Menschen sorgen sich um die Zukunft der EU und haben Angst vor der Türkei, weil das Land an den Iran und Irak grenzt“, sagt Walter Posch vom Institut für Sicherheitsstudien der EU. „Sie wollen nicht glauben, dass von dort etwas Gutes und Modernes kommen kann.“

Und doch zeigen Unternehmen wie die Kol-Gruppe, warum sich die Waage gegenwärtig zu Gunsten der Türkei neigt. „Zumindest mit der Kol-Gruppe sind wir schon in Europa angekommen“, sagt Konzern-Chef Bülend Özaydinli. Der Export, der überwiegend in europäische Länder geht, hat sich in den vergangenen fünf Jahren wertmäßig auf 4,1 Milliarden Dollar verfünffacht. Der Umsatz der 96 Holding-Töchter kletterte 2003 um 60 Prozent auf 11,1 Milliarden Dollar. Die Erfolgsgeschichte Kol macht deutlich, wie sich die Türkei in einen großen Exporteur von Industriegütern verwandelt. Mehr als jeder zweite europäische Fernseher ist „Made in Turkey“.

Die Wurzeln von Kol reichen bis in die 20er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts zurück. Bald nach 1923, als die Türkische Republik entstand, gründete Vehbi Kol den Vorläufer der heutigen Kol-Gruppe. Zunächst wuchs das Unternehmen nur langsam. Aus Angst vor der starken internationalen Konkurrenz schirmte der türkische Staat den heimischen Markt mit hohen Zöllen ab. Die türkischen Unternehmen, die nun die Kol-Gruppe formen, exportierten nur einen winzigen Teil ihrer Produktion. Das änderte sich ab 1963, als die Türkei die Annäherung an Europa beschloss und damit zu einer schrittweisen Marktöffnung gezwungen wurde. Damit wuchs die ausländische Konkurrenz. Wollten sie nicht von den größeren europäischen Rivalen zermalmt werden, mussten sie in der Türkei zum Gegenangriff blasen, stellten die Kol-Unternehmen 1990 fest.

Der zur Kol-Gruppe gehörende Haushaltsgerätehersteller Arlelik richtete 1991 daher ein Forschungszentrum ein. Das Ziel: Die Abhängigkeit von ausländischen Patenten und Lizenzen zu beenden. Neun Jahre später hatten die Arlelik-Ingenieure genügend Know-how, um ihr wichtigstes lizensiertes Produkt selbst zu produzieren: eine Bosch-Geschirrspülmaschine. Heute entwickeln die über 500 Mitarbeiter des Forschungszentrum einen Mikrowellen-Wäschetrockner. Mit Erfolg: 2002 vergab das „Japan Institute of Product Maintenance“ einen Preis an Arlelik. Ein Jahr später prämierte die EU einen Arlelik-Kühlschrank als sparsamstes Kühl-Gefriergerät Europas.

Dennoch hatte die Kol-Holding in Europa Probleme. Der Gruppe, die zu 70 Prozent der Familie Kol gehört, gelang es auf Grund ihrer schwachen Marken nicht, auf dem europäischen Markt in die profitableren Segmente vorzudringen.

Die Situation änderte sich schlagartig am 11. September 2001. Am selben Tag, als die Terror-Attacken in den USA die Welt erschütterten, meldete der französische Haushaltsgeräte-Gigant Moulinex-Brandt Insolvenz an. Der Kol-Vorstand beschloss den Arlelik-Präsidenten Nedim Esgin noch am kommenden Morgen nach Frankreich zu schicken um Moulinex-Brandt zu kaufen. Kol hatte zwar gegenüber einem israelischen Käufer das Nachsehen, was das Frankreich-Geschäft von Moulinex-Brandt betrifft. Doch kurz darauf erwarb Kol angesehene Unternehmen aus der Moulinex-Brandt-Gruppe, darunter den westfälischen Haushaltsgerätehersteller Blomberg. Am Aufsehen erregendsten war aber ein anderer Coup: Der zur KolGruppe gehörende Fernseh- und Unterhaltungselektronikhersteller Beko übernahm gemeinsam mit einem britischen Partner das Kerngeschäft von Grundig.

Unterdessen spürt die Kol-Holding, wie die Vorbehalte gegenüber türkischen Produkten nachlassen. „Die Menschen gehen heute anders mit uns um als noch in den 90er Jahren“, sagt der Marketingchef von Beko Elektronik, Erem Demirlan. „Früher wurde diskutiert, ob die Türken überhaupt als Europäer angesehen werden könnten, heute geht es darum, ob sie EU-Mitglied werden dürfen“, sagt er. Mittlerweile fragten seine Kunden nur noch nach dem Preis. „Wer aus der Fernseh-Branche ist, akzeptiert, dass die Türkei außer Teppichen und türkischen Süßigkeiten auch Fernseher herstellt“.

Doch trotz der Qualität der Produkte geht der Marketingchef vorsichtig ans Werk. Wer die Websites von Grundig oder Blomberg besucht, muss lange suchen, bis er erfährt, dass die Unternehmen in türkischer Hand sind. Das hat seinen Grund: „Wir wollen Grundig als deutsches Unternehmen belassen, auf das Deutsche stolz sein können“, sagt Demirlan. „Wir Türken sind darüber nicht enttäuscht. Es ist uns bewusst, dass es noch 10 bis 20 Jahre dauert, bis wir unsere eigenen Marken aufgebaut haben.“

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