Wirtschaft : Goebbels Berliner Insel-Grundstück in neuen Händen

Liegenschaftsfonds Berlin hat Anliegen auf Schwanenwerder verkauft

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Verkauft. 1936 wurde die Monopoly-Lizenz an die Firma Schmidt vergeben. Berliner Straßennamen hielten Einzug. Zu den teuersten Grundstücken gehörte die Prominenten-Insel Schwanenwerder. Wohl auch deshalb wurde das Spiel verboten. Foto: Hasbro
Verkauft. 1936 wurde die Monopoly-Lizenz an die Firma Schmidt vergeben. Berliner Straßennamen hielten Einzug. Zu den teuersten...

Das „Objekt“ hat alles, was eine Immobilie in Bestlage bieten kann: 710 qm Wohnfläche auf einem 6640 qm großen Grundstück mit Wasserfront am Großen Wannsee, parkähnliche Auffahrt, ein Bungalow im klassischen Stil der 50er Jahre, ein Büro-Annex dazu, ein Bootshaus, natürlich Garagen, eine große und teilweise überdachte Terrasse mit freiem Blick auf die Klare Lanke. Doch die Sache hat auch einen Haken: Einer der Vorbesitzer des Objektes Inselstraße 10 war Joseph Goebbels, also Hitlers Reichspropagandaminister. Der Haken ist jetzt ab: Ein Ehepaar, so hört man auf Schwanenwerder, hat sich für die Liegenschaft begeistert und im bedingungslosen Bieterverfahren das meiste geboten – in Millionen gerechnet. Der Liegenschaftsfonds Berlin ist zufrieden.

Beim Liegenschaftsfonds redet man nicht um die Sache herum. Berlin habe „viele Immobilien mit Geschichte“, bei deren Verkauf man sorgsam vorgehen müsse, damit sie nicht in falsche Hände gerieten. Wenn sich ein Hinweis ergebe, dass „da etwas sein könne“, dann gehe der Liegenschaftsfonds Berlin der Sache sehr gezielt nach – bei „Institutionen oder so“. Die ewige Furcht der Berliner Immobilienvermarkter ist, eine historisch einschlägige Immobilie könnte zu einer Art Kultstätte zum Gedenken an das Dritte Reich missbraucht werden.

Bei den Käufern, die jetzt zum Zuge kommen, hat der Liegenschaftsfonds keine Spur von Bedenken; in den nächsten Tagen steht noch die Beurkundung an – dann ist alles getan. Und der Notar hat seinen Feiertag: 1,5 Prozent Gebühr auf x-Millionen Euro, das hat man nicht alle Tage. Der Liegenschaftsfonds arbeitet wie immer provisionsfrei.

Joseph Goebbels hatte das Anwesen 1935 von Bankier Oskar Schlitter übernommen, deutlich unter Preis, wie es heißt, für 270 000 Reichsmark. Nach einigen Um-und Anbauten zog im Jahr darauf der kurz „Reichspropaganda“ Genannte mit Familie ein. Auf den Nachbargrundstücken war die Fahrbereitschaft des Ministers stationiert – und eine SS-Einheit als Leibgarde. Goebbels hielt hier Hof, feierte provozierend teure Feste und schätzte es bei seiner notorischen Neigung zu jungen Damen, dass die Filmstadt Babelsberg nur einen Katzensprung entfernt war.

Doch das Stehvermögen der Berliner hatte Goebbels nicht: Als 1943 englische und amerikanische Bomberverbände die Hauptstadt in die Mangel nahmen, war ihm der Bunker auf Schwanenwerder nicht mehr sicher genug. Er verzog sich samt Anhang in sein Landhaus, perfekt getarnt im Wald am Bogensee, nördlich von Berlin.

Von Goebbels unseligen Zeiten ist auf diesem Grundstück am Wannsee nichts übrig geblieben. Nach dem Krieg wurden die teils verfallenen Gebäude bis auf die Grundmauern abgetragen. Überbaut hat man das Anwesen Ende der 1950er Jahre, wie es in der Beschreibung des Liegenschaftsfonds nüchtern heißt, eingeschossig „im Stil eines modernen Pavillonbaues“ sowie mit einem eingeschossigen Büro- und Garagengebäude in Mauerwerksbauweise. Von 1974 an war hier das Aspen Institut Deutschland untergebracht. Shepard Stone, dem ersten Aspen-Direktor in Berlin, und seinen Mitarbeitern gelang es, den bösen Geist vom Hof zu vertreiben. Eine Flurbereinigung der besonderen Art. Das Aspen-Institut war hier schließlich fünf Mal länger als Goebbels und Konsorten – und schaffte es, die Berliner (West) auf die transatlantische Partnerschaft einzuschwören. Shepard Stones Verdienste um Berlin sind Legende. Heute residiert das Aspen-Institut miet- und nebenkostengünstiger in der Friedrichstraße.

Seit dem Auszug bemühte sich der Liegenschaftsfonds um den Verkauf der Immobilie. Bleibt anzumerken, die Nachbarschaft von heute auf Schwanenwerder ist gediegen. Man fährt hier Bentley oder sündhaft teure Coupés, für die Besorgung des täglichen Bedarfs nimmt man das 4x4-Gefährt einer angesehenen Marke. Am Ende der Insel sorgen die kleinen Besucher eines Kinder- und Jugendgästehauses für quirliges Leben, was den sozialen Querschnitt auf Schwanenwerder abrundet.

Ein echter Liebhaber des Baustils der späten 50er Jahre könnte sich mit dem Aspen-Pavillon auf dem Grundstück Inselstraße 10 anfreunden – mit seinen offenen Kaminen, den eher niedrigen Decken und der teils voll versenkbaren Fensterfront an der Terrassenseite. Allerdings sind Gebäude dieses Typs echte „Heizölvernichter“, und im Keller des Hauses gibt es dazu Öltanks von beeindruckender Größe. Die neuen Besitzer müssen sich jedoch nicht lange mit der Vor- und Nachkriegsgeschichte des Objektes aufhalten. Nach dem gültigen Bebauungsplan X-149 dürfen hier Gebäude mit maximal zwei Vollgeschossen und einem ausgebauten Dachgeschoss errichtet werden, die jetzt vorhandenen 710 qm Wohnfläche können also noch deutlich gesteigert werden.

Denkmalschutz und vergleichbare Vorschriften gelten hier nicht - mit einer Ausnahme: Die Sicht auf eine verbliebene Tuileriensäule gleich neben dem Grundstück darf nicht verbaut werden. Das ist ein ganz anderes Kapitel der Geschichte: Diese Säule ist tatsächlich Überrest des Palais des Tuileries, der 1871 beim Aufstand der Pariser Commune zerstört wurde.

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