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Großdeals Novartis und Pfizer : In der Pharmabranche geht es rund

Novartis und Glaxo tauschen ihre Geschäftsbereiche, Pfizer greift nach Astra Zeneca. Weltweit konzentrieren sich die Pharmakonzerne wieder auf ihre Kernbereiche - aus gutem Grund.

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Der Schweizer Konzern baut sein Geschäft um.
Der Schweizer Konzern baut sein Geschäft um.Foto: AFP

Jahrelang herrschte eine gewisse Ruhe bei Pharma-Übernahmen und -Fusionen. Doch nun bahnt sich eine Welle von neuen Großtransaktionen an. Mithilfe von Übernahmen suchen die Arzneimittelkonzerne nämlich nach neuen Wegen, um Marktpositionen und Kostenstrukturen zu verbessern.

Über Ostern wurden bereits Ambitionen des Branchenführer Pfizer bekannt, die britische Astra Zeneca zu übernehmen. Am Dienstag überraschten der Branchenzweite Novartis und die britische Glaxo Smithkline (GSK) mit einem umfangreichen Tausch von Geschäftseinheiten: Novartis kauft das GSK-Geschäft mit Krebsmitteln für 14,5 Milliarden Dollar, GSK erwirbt im Gegenzug die Impfstoffsparte von Novartis für 7,1 Milliarden Dollar. Zudem bündeln beide Konzerne ihr Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten und Gesundheitsprodukten, den sogenannten Consumer Health Sparten, in einem Joint Venture, an dem GSK die Mehrheit halten wird. Seine Sparte Tierarzneien wiederum verkauft Novartis an den US-Konkurrenten Eli Lilly.

Der Baseler Konzern trennt sich damit unter seinem neuen, von Bayer gekommenen Präsidenten Jörg Reinhardt auf einen Schlag gleich von drei Bereichen, die in den vergangenen Jahren mit Ertrags- und Wachstumsschwächen kämpften. Damit folgen die Schweizer einem Trend, den zuletzt vor allem US-Konzerne vorgegeben haben. Statt ihr Geschäftsspektrum stetig zu verbreitern, konzentrieren sich die Pharmafirmen wieder stärker auf das Kerngeschäft. Pfizer etwa trennte sich von seinem Ernährungsgeschäft (das Nestle erwarb) und brachte seine Sparte Tierarzneien unter dem Namen Zoetis an die Börse. Zwar will der US-Konzern jetzt wieder wachsen, aber mit Astra Zeneca zielt sein Interesse auf einen reinrassigen Pharmakonzern. Doch das Geschäft ist noch lange nicht unter Dach und Fach. Astra Zeneca habe den Vorstoß abgelehnt, schreibt die „Sunday Times“.

Pharmaaktien legen kräftig zu

Dagegen sind sich Novartis und Glaxo einig – zur Freude der Anleger. Pharmaaktien legten am Dienstag kräftig zu. Glaxo-Papiere kletterten um bis zu fünf Prozent, Novartis-Aktien um bis zu 2,9 Prozent.

Das ist kein Wunder. Glaxo steigt mit dem Deal de facto zum weltweiten Marktführer im Bereich der freiverkäuflichen Medikamente und Gesundheitsprodukte auf. Er wird die Mehrheit an dem gebündelten Consumer-Healthcare-Geschäft übernehmen.

Bedeutung von Krebsmitteln wächst

Novartis festigt mit der Übernahme der GSK-Krebsmittel seine Position als zweitgrößter Anbieter von Krebsmedikamenten nach dem Baseler Konkurrenten Roche. Der Konzern dürfte auf dem Gebiet künftig rund 13 Milliarden Dollar Umsatz erzielen und erweitert zudem seine Pipeline an potenziellen Neuentwicklungen.

Krebsmedikamente haben allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung in den Industrieländern gegenüber Impfstoffen einen Absatzvorteil. Denn je älter eine Gesellschaft ist, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen an Krebs erkranken. Außerdem müssen Krebsmedikamente oft monate- oder jahrelang verabreicht werden, während bei Impfstoffen nach ein, zwei Spritzen nichts mehr zu verdienen ist.

Werden auch künftig so hohe Preise gezahlt werden?

Abnehmer für Impfstoffe gibt es zwar genug. Dringend gebraucht werden Impfstoffe aber vor allem in den Entwicklungsländern, wo Infektionskrankheiten das dringendste Gesundheitsproblem darstellen. Doch dort wird pro Impfstoffdosis zu wenig verdient, um die aufwendige Forschung zu refinanzieren.

Dabei gibt es immer noch vieles, das im Bereich prophylaktischer und therapeutischer Impfstoffe verbessert werden könnte. Sei es das Erkennen und Behandeln bakterieller und viraler Genveränderungen oder tödliche Erreger wie Ebola oder effektiver Schutz vor Retroviren wie HIV, meint Friedrich von Bohlen und Halbach. Gemeinsam mit dem SAP-Gründer und Milliardär Dietmar Hopp führt er die Heidelberger Investmentgesellschaft Dievini, die in ein gutes Dutzend deutsche Biotech-Firmen investiert. „In Bezug auf Patientenzahlen ist die Infektiologie mindestens so groß und wichtig wie die Krebsforschung“, sagt Bohlen. „Die Aufteilung der beiden Disziplinen unter GSK und Novartis macht viel Sinn.“

In der Krebsmedizin gibt es dank der jüngsten Erkenntnisse aus der molekularbiologischen und Genom-Forschung genügend Ansätze für neue Therapien. Aber mit diesem zunehmenden Verständnis wird die Onkologie auch immer vielschichtiger und komplexer, sagt Bohlen. „Das stellt ganz neue Herausforderungen an die Diagnostik und Therapie, so dass kaum ein Arzt mehr überblicken kann, welche molekulare Veränderung in den Krebszellen am besten mit welcher Kombinationstherapie angegangen werden sollten.“ Das habe auch Folgen für die Zulassungsverfahren, denn es könne gar nicht so viele Studien geben wie es sinnvolle Kombinationen von Therapien gegen die verschiedenen Krebstypen gibt. „Die Onkologie wird eine große Disziplin mit völlig neuen Herausforderungen in vielen Aspekten – da macht eine Fokussierung Sinn“, sagt Bohlen.

Und sie dürfte sich lohnen. Bislang sind die Krankenkassen noch immer bereit, hohe Preise zu bezahlen. Krebswirkstoffe wie Herceptin gegen Brustkrebs schlagen in den USA mit 37.000 Dollar pro Jahr zu Buche, für Gleevec müssen gar 56.000 Dollar pro Jahr bezahlt werden. Das ist aber auch der Pferdefuß der Entscheidung von Novartis. Werden die Abnehmer in den USA und Europa auch in Zukunft bereit sein, so hohe Preise zu bezahlen? Denn was die Pharmafirmen derzeit in den Pipelines haben, verspricht nicht viel billiger zu werden. Noch dazu werden die wenigsten dieser Medikamente für Millionen von Patienten passen, denn Krebs ist eine sehr individuelle Krankheit. mit HB

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