Großflughafen : BBI: Die Lufthansa mauert bei Fernflügen

Emirates, die staatliche Fluggesellschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, möchte den Berliner Flughafen BBI für Direktflüge nutzen. Doch Bund und deutsche Airline wollen nicht – zum Schaden der Region.

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Unerwünscht. Der deutsche Branchenführer Lufthansa will offenbar nicht, dass der Konkurrent Emirates in Berlin Fuß fasst. Foto:...

BerlinErneut ist ein Versuch einer ausländischen Fluggesellschaft, direkte Verbindungen auf Langstrecken von und nach Berlin zu etablieren, am Widerstand des Bundesverkehrsministeriums gescheitert. Während der Internationalen Tourismusbörse (ITB) hatte Scheich Ahmed bin Saaed al Maktoum, der Vorstandschef von Emirates, dem beamteten Staatssekretär Klaus-Dieter Scheurle den Wunsch vorgetragen, Berlin vom Golf aus direkt anzufliegen. Scheurle lehnte dies nach Angaben eines Emirates-Sprechers unter Hinweis auf die konjunkturelle Lage ab. Man möge in einem halben Jahr noch einmal vorsprechen.

Damit rückt der Eröffnungstermin des Großflughafens Berlin-Brandenburg International (BBI) nahe an einen möglichen neuen Anlauf von Emirates im Hause Ramsauer. BBI wird im Oktober 2011 den Betrieb aufnehmen. Sowohl die Länder Berlin und Brandenburg als auch die Flughafengesellschaft und Wirtschaftsorganisationen der Region versuchen seit Jahren, Berlin mit dem neuen Flughafen besser an den internationalen Luftverkehr anzubinden. Gerade war Flughafenchef Rainer Schwarz wieder in der Golfregion unterwegs.

Bislang blieb alles ohne Erfolg. Lufthansa bietet zwar keine direkten Fernverbindungen von und nach Berlin an, möchte aber ihre sogenannten Hubs – die Umsteigeflughäfen Frankfurt am Main und München – stärken, indem sie den internationalen Berlinverkehr über diese Airports leitet. Seit die Lufthansa bei der Swiss eingestiegen ist, hat sie Zürich als Umsteigeplatz Richtung Süden gestärkt. Mit dem Einstieg bei Austrian Airlines wurde Wien für den Flugverkehr Richtung Südosten aktiviert.

Diese Politik der Lufthansa ist wirtschaftlich nachvollziehbar, aber ihre Interessen liegen hier konträr zu denen der Wirtschaft der Region Berlin-Brandenburg. Das machte Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber erst vor wenigen Wochen bei einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Berlin nur zu deutlich. Auf eine Frage zur Entwicklung der Lufthansa in Berlin sagte er: „Natürlich wird die Lufthansa in Berlin wachsen, irgendwann einmal.“ Auf eine Nachfrage zum Fernverkehr sagte er: „Natürlich wird der Interkontinentalverkehr in Berlin wachsen, aber das dauert.“ Thomas Kropp, der Vorstandsbevollmächtigte der Lufthansa, lobt zwar die Entscheidung für den einen großen Flughafen BBI, weil „damit zum ersten Mal Umsteigeverbindungen im größeren Stil möglich sein werden“ – schränkt dann aber ein, dass man sich die Wirkung des neuen Airports erst einmal anschauen wolle. Seine Airline sieht Kropp in der Hauptstadt „durchaus auf Augenhöhe mit Air Berlin“. Immerhin habe die Lufthansa seit 1990, dem Jahr, in dem sie erstmals wieder nach Berlin fliegen durfte, das Personal von damals 27 Mitarbeitern auf heute 3600 ausgebaut.

Das Bundesverkehrsministerium sieht sich offenbar in der Pflicht, die Marktposition der Lufthansa als eines „National Carriers“ zu stärken und deren bezüglich Berlins attentistische Haltung damit zu unterstützen. Tatsächlich hat die Kranichlinie diese Position der Stärke aber in der Region längst nicht mehr. Air Berlin verkündete in der vergangenen Woche, Berlin weiter zu einem internationalen Umsteigeplatz ausbauen zu wollen. Air Berlin will mit 22 Maschinen 6000 wöchentliche Verbindungen von und nach Berlin anbieten.

Sowohl die IHK als auch die Handwerkskammer und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft „Berlin Partner“, aber auch der wirtschaftsorientierte Nah- und Mittelostverein haben in den vergangenen Jahren immer wieder in Briefen an das Bundesverkehrsministerium auf die desolate Lage hingewiesen. Im März 2007 etwa baten die Präsidenten von IHK und Handwerkskammer den damaligen Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, sich dem Wunsch von Emirates nach Landerechten in Berlin nicht weiter zu widersetzen. Die Kammerpräsidenten Eric Schweitzer und Stephan Schwarz wiesen den Sozialdemokraten darauf hin, dass Emirates die Messestandorte Hamburg, Düsseldorf, München und Frankfurt anfliege. Berlin von der lukrativen Route von und zu den Golfstaaten auszuschließen, die Lufthansa nicht bedient, sei gleichbedeutend mit einer Benachteiligung des Messe- und Wirtschaftsstandortes Berlin. Erfolg: null.

Einen Monat später schrieben Ministerpräsident Matthias Platzeck und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit an ihren Parteifreund Tiefensee. Sie versuchten, die von der Lufthansa und dem Ministerium vertretene These zu widerlegen, eine Expansion auswärtiger Fluggesellschaften in Deutschland würde die heimische Luftverkehrsindustrie negativ tangieren. Die beiden Regierungschefs in Potsdam und Berlin wiesen den Minister auf eine Studie der Initiative Luftverkehr hin, der zufolge ganz im Gegenteil eine Ausweitung des Luftverkehrs „signifikante Beschäftigungseffekte“ auslösen würde. Pikant daran: An dieser Initiative Luftverkehr ist die Lufthansa beteiligt. Auch hier: kein Erfolg.

Wirklich deutlich wurde ein Jahr später hingegen Ministerialdirektor Thilo Schmidt aus dem Verkehrsministerium bei der Beantwortung eines Schreibens des Nah-und Mittelostvereins in gleicher Sache an Minister Tiefensee. Er habe zwar, schrieb Schmidt, durchaus Verständnis „für alle Anliegen, die Position Berlins mit neuen Langstreckendirektverbindungen zu stärken“. Da aber „eine deutliche Mehrheit der von den Golfcarriern in Deutschland aufgenommenen Passagiere“ zu weiter entfernten Zielen befördert werde, seien „unmittelbar deutsche Luftverkehrsinteressen“ berührt – im Klartext: Deswegen ist Konkurrenz nicht erwünscht.

Doch die deutschen Interessen sieht Andrew Parkers, bei Emirates für politische Fragen zuständig, völlig anders. „Emirates hat bei Airbus 58 Maschinen vom Typ A380 bestellt“, sagte er dem Tagesspiegel. „Das ist ein Auftragsvolumen von mehr als 15 Milliarden Euro, und davon profitieren ganz massiv auch Arbeitsplätze in Deutschland.“

Dessen ungeachtet bleibt das Bundesverkehrsministerium bei seiner Position, mehr Verständnis für mögliche und nicht einmal nachgewiesene Belange der Lufthansa als für die Wirtschaft der Region und den Hauptstadtstandort zu zeigen. Denn selbstverständlich sei, so der Geschäftsführer von Berlin Partner, René Gurka, zum Tagesspiegel, für alle international vernetzten Unternehmen bei der Wahl eines neuen Standortes die Frage direkter Flugverbindungen ins Ausland von entscheidender Bedeutung. Bei der wachsenden Dimension des Gesundheitstourismus für den Berliner Raum stelle sich das Fehlen direkter Flugverbindungen in den arabischen Raum als ausgesprochen hinderlich heraus. Wer viel Geld für teurere Behandlungen in Berlin ausgeben wolle, lasse sich nicht mit Umsteigeverbindungen abspeisen und wähle dann eher ein Ziel wie London. Deshalb empfinde man das Verhalten des Bundesverkehrsministeriums und der Lufthansa gegenüber dem Standort Berlin als nicht angemessen.

Abgesehen von der größeren Bequemlichkeit des Direktfluges spielt bei Langstrecken auch der Zeitfaktor eine Rolle. Delta fliegt die Strecke von Berlin-Tegel nach New York direkt in 9:25 Stunden, Continental braucht noch 15 Minuten weniger. Lufthansa fliegt die Strecke, mit Umsteigen in Frankfurt oder München, zwischen 12:20 und 14:25 Stunden.

Zwar lässt sich kaum nachweisen, dass ein bestimmtes ansiedlungswilliges Unternehmen wegen der fehlenden internationalen Verbindungen nicht nach Berlin gekommen ist. Aber selbstverständlich spielt Mobilität immer eine wichtige Rolle. Die rühmt Martin Fensch, Sprecher des weltgrößten Pharmakonzerns Pfizer, besonders am Standort Berlin. Bei der Verlagerung der Deutschlandzentrale von Karlsruhe nach Berlin hätten aber die Attraktivität der Stadt für internationale Talente und das wissenschaftliche und medizinische Umfeld die entscheidende Rolle gespielt.

Bei Emirates hofft man jetzt auf einen Sinneswandel im Blick auf die Eröffnung von BBI im Herbst 2011. Und erinnert sich an eine Pressekonferenz, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Premierminister der Vereinigten Emirate, Scheich Mohammed bin Raschid al Maktoum, bei dessen Deutschlandbesuch am 7. Februar 2008 gegeben hatte. Auf die Frage nach Berlin-Direktflügen aus dem arabischen Raum antwortete die Bundeskanzlerin, Berlin baue gerade einen großen internationalen Flughafen und auf dem seien „die Vereinigten Arabischen Emirate ein ganz fester Posten bei der zukünftigen Nutzung“.

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