Hertie School : Die Schule der verlorenen Moral

Firmen kriseln, Banken zocken, Regierungen zaudern, überall ist Krise. Was heißt das für den Manager-Nachwuchs? Wie bildet man Führungskräfte aus, in der Stunde null? Ein Tag in der Berliner Hertie School

   Von Moritz Rinke   
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Querdenken, besser lenken. Juliane Sarnes, 28, Hertie-Studentin mit internationalen Referenzen. Foto: Thilo Rückeis

Wenn man sich etwas für dieses Krisenjahr wünschen dürfte, dann wäre es ein moralischer Manager. Vielleicht sogar einen Banker mit Moral. Aber das wäre vermutlich ein verwegener, absurder Wunsch, vielleicht sollte man mit einem moralischen Manager ohne Bank anfangen, vielleicht ist das schon schwierig genug.

In Berlin gibt es seit 2005 eine Manager-Schule, die man mit einem Master of Public Management abschließen kann. Das ist nicht ganz billig, scheint sich aber zu lohnen. Pro Jahr werden für zwei Studiengänge 100 Studenten aufgenommen und es laufen also momentan täglich circa 200 junge Menschen über die Friedrichstraße, um sich schräg gegenüber von den Galeries Lafayette zum Manager ausbilden zu lassen. Hat uns das gerade noch gefehlt? Noch mehr Manager?

Die Schule heißt Hertie School of Governance, was nach untergegangenem Niedrigpreis-Warenhaus der Achtziger (Hertie!) klingt; nach großklingender globaler Begrifflichkeit (Governance!). Doch die Schule wurde nach der gemeinnützigen Hertie-Stiftung benannt, die bisher bereits 35 Millionen Euro investierte und ihr Kapital aus dem Verkauf der Hertie-Kaufhäuser vor fast zwei Jahrzehnten an Karstadt erzielte. Es gibt schlimmere Möglichkeiten, eine Managerschule zu benennen: Zumwinkel-Schule, HartzAkademie oder Wendelin-WiedekingSchmiede. Aber was wird nun heute – nach dem Finanzkollaps, nach all den gesetzlichen und unbeaufsichtigten Betrügereien und Boni-Skandalen – gelehrt? Wie bildet man nun Führungskräfte aus, in der Stunde null?

Um nicht gleich unter den kommenden Führungskräften aufzufallen, binde ich mir eine gelbe, neoliberale Krawatte um und drücke in der Friedrichstraße 180 die massive vergoldete Tür auf, die so schwer ist, dass die Jungmanager wahrscheinlich schon hier ihre Durchsetzungskraft schulen müssen. Vielleicht stammt die Tür aber auch noch aus anderen Zeiten. Früher war hier das Ministerium für Außenhandel der DDR.

Ich laufe als Gasthörer gleich ins erste Seminar. Die Studenten sitzen alle vor Laptops und tippen, während der Professor spricht. Keiner schaut hoch, ab und zu sagen sie einen englischen Satz mit sehr amerikanischer Betonung, tippen aber dabei hochkonzentriert weiter. Das Ganze erinnert eher an einen Nasa-Kontrollraum als an ein Uni-S eminar in Deutschland. Ich lehre derzeit an einem Institut in Leipzig, meine Studenten haben Schokolade auf dem Tisch, Tschechow-Dramen oder Stricksachen, momentan wird an deutschen Unis auch wieder viel gehäkelt.

Einen Hertie-School-of-Governance- Professor hatte ich mir schnittig und dynamisch vorgestellt. Doch Professor Klaus Hurrelmann trägt T-Shirt und hat eine höchst angenehme, vorsichtige und bescheidene Art, seine Worte zu wählen. Hurrelmann ist einer der führenden Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler und war an der letzten Shell-Jugendstudie beteiligt. Thema seines Seminars ist: „Welfare States and Education Policy“; es geht darum, welche Bildungssysteme die größtmögliche Leistung hervorbringen. Die Studenten tragen in einer Stunde sämtliche Pisa-Daten aus traditionellen, liberalen und sozialdemokratischen Bildungssystemen zusammen, am Ende stellen sie fest, dass skandinavische Länder und deren Gesamtschulen die größtmögliche Bildung garantieren.

Es wird auch nicht lange diskutiert, die Unterschiede werden einfach vorgetragen und am Ende der Stunde ist das ganze schön gegliederte deutsche Schulsystem ein Auslaufmodell, unbrauchbar und gehört neu strukturiert. In anderen sozialwissenschaftlichen Seminaren würde man wahrscheinlich jetzt Jahre diskutieren, die Governance-Studenten sind damit in einer Stunde durch: Sie speichern „Gesamtschulen fördern!“ und gehen ins nächste Seminar: „Steuerrecht“.

Auch in dem Seminar kommt heraus: Das deutsche System ist das komplizierteste und verwaltungsintensivste, in manchen Bundesländern kommen die Systeme hinter den Gesetzen nicht einmal hinterher, so dass die Finanzämter wie in Niedersachsen die Bürger aufrufen, vorsichtshalber gegen ihre Steuerbescheide Einspruch zu erheben ...

Peter Drahn, Jahrgang 1984, hat ein Jahr seines Masterstudiums hinter sich und in einem der Seminare neue vereinfachte Steuersysteme entworfen. Ich frage ihn auf dem Gang, ob er mir sein Steuersystem auf einen Bierdeckel wie Friedrich Merz von der CDU zeichnen könnte, aber der junge Mann hat kaum Zeit, er muss ins Kanzleramt, wo er ein praktisches Jahr absolviert in der „Europa-Abteilung“, darüber dürfe er aber nicht sprechen. Außerdem entschuldigt er sich für seinen Anzug, ohne ginge es im Kanzleramt leider nicht.

Ich frage eine andere Studentin auf dem Flur. Marcia Toledo hat einen zügigen Gang, schwarze Augen und kommt aus Peru, aus dem Urwald. Ob es nicht komisch für sie sei, in einem Seminar über das deutsche Steuersystem zu sitzen? „Ja“, sagt sie, „vor allem als Biologin!“

Sie sind Biologin?, frage ich. Laufen hier denn nicht nur Juristen und BWLer herum? „Nein, wir haben sogar Theologen und Theaterwissenschaftler! So ist ja das Studium hier angelegt: möglichst genaue Einblicke in die unterschiedlichen Bereiche zu bekommen. Wenn ich dann allerdings vom deutschen Steuerrecht höre, denke ich: Wer sich so etwas ausdenkt, muss wirklich keine anderen Sorgen haben. Vielleicht schaffen sich die Deutschen Probleme, weil sie in Wirklichkeit keine haben? Aber das ist bestimmt mein peruanischer Blick!“

Marcia Toledo zieht mich, damit es schneller geht, die Hertie School hat drei Etagen und Toledo will in die oberste zum „Kopenhagen-Seminar“, da geht es um eine Aufarbeitung des Weltklimagipfels. Ihr Vater ist Förster im Urwald; mit 18 ging sie nach Lima, studierte und arbeitete in einer Umweltbehörde. Was sie spürte: „In Lateinamerika fehlt ein strukturelles Denken, jede Abteilung arbeitet für sich, ich möchte verschiedene Entscheider und Akteure zusammenbringen.“ Lernt sie das hier? „Ja, es ist, als ob man Werkzeuge bekäme: Manchmal sind es zu viele nach einer Woche mit europäischen Bildungssystemen, Steuerrecht, EU-Recht, Verwaltungsrecht, Menschenrecht, Finanzkrise, Globalisierung, Berlusconisierung, Putinisierung.“

Als ich „Putinisierung“ notiert habe, ist Marcia Toledo weg, ich sehe sie noch durch das Fenster im Kopenhagen-Seminar, ihr Laptop ist bereits hochgefahren.

Insgesamt kommen von 100 Studenten der Hertie School 45 Prozent aus Deutschland, die Mehrheit aus den USA, Lateinamerika, Asien, Europa und Afrika, die meisten haben Stipendien oder reiche Eltern, das Studienjahr kostet nämlich rund 10 000 Euro. Der zweijährige Studiengang „Master of Public Policy“ wendet sich an Bachelor- bzw. Hochschulabsolventen, „die anstreben, an den Schnittstellen von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu agieren“, heißt es im Profil der Schule.

Aus dem gegenüberliegenden Raum kommt Jobst Fiedler aus seinem Seminar. Fiedler ist Hertie-Gelehrter für Verwaltungsmanagement an der Schule. Er selbst war Oberstadtdirektor von Hannover, im Beraterstab der OECD und EU und in der Hartz-Kommission. Nun lehrt er „Governance“, was ja namensgebend für die Schule ist: „Governance verdeutlicht, dass viele Veränderungen, die wir brauchen, von nationalen Regierungen allein nicht bewirkt werden können. Entscheidend auf nationaler wie internationaler Ebene ist die Qualität des Zusammenwirkens von staatlichen Akteuren mit Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen. Deshalb nennen wir uns nicht ,School of Government’, sondern ,School of Governance’.“

Ich frage noch im Flur, ob man denn an den „Schnittstellen von Politik und Wirtschaft“ auch Lobbyisten ausbilde, so eine „Schnittstelle“ klinge doch irgendwie nach Schröder (Gasprom), Joschka Fischer (RWE) oder Schily (Safe ID Solutions)? „Was die Studenten mit ihrem vielseitigen Handwerkszeug später machen, können wir natürlich nicht bestimmen, aber wenn wir uns anschauen, wohin die Absolventen gehen, dann landen nur maximal 20 Prozent in der Privatwirtschaft, alle anderen kommen in Regierungsorganisationen, internationalen Organisationen und im gemeinnützigen Non-Profit-Bereich unter.“

Unterwegs trifft Professor Fiedler auf eine afrikanische Studentin aus Accra, Ghana, die mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin gekommen ist. Fortune Agbele drückt dem Professor ein Paper über „Human Rights“ in die Hand. Ich frage sie, ob sie nach ihrem Studium wieder zurück nach Ghana wolle? „Ja“, sagt sie, „was denn sonst? Ich bin hier, weil ich lernen will, wie man die Menschen in Accra aus der Armut herausbekommt.“

Professor Fiedler begrüßt Juliane Sarnes, eine Berlinerin, 28 Jahre jung, sie trägt ein riesiges Paket, das sie auf einer Hertie-Feier gewonnen hat. Juliane Sarnes ist Soziologin, hat ein Jahr die London School of Economics absolviert und will ins Kopenhagen-Seminar. „Wir haben uns schon das ganze letzte Semester mit Energie, Umweltökonomie, Klimawandel beschäftigt, das ist mein Lieblingsseminar.“ Sie hält einem iranischen und einem libanesischen Kommilitonen die Tür zum Seminarraum auf, am Ende kommt noch ein Brasilianer. Was hier auf den Fluren los ist!, sage ich zu Professor Fiedler, früher lief hier ja SchalckGolodkowski höchstens mit Franz Josef Strauß aus Bayern herum!

„Unsere Hochschule ist ein Neuanfang“, erklärt Fiedler. „Die Studierenden sind international, die Ausbildung ist interdisziplinär und sie zielt auf praktische Anwendbarkeit in den unterschiedlichen Sektoren. Traditionell wurde in Deutschland in bestimmten wissenschaftlichen Disziplinen ausgebildet: Rechtswissenschaft, Wirtschaftwissenschaften oder Soziologie. Beamte bleiben dann oft auch in solchen Silos, also in ihrem Fachgebiet, für ihr gesamtes Berufsleben.“

Wir werden also regiert von Beamten, die wie in Silos sitzen, in solchen luftdichten Gehäusen, in denen alles dahingärt?

„Ja, und die Nachteile solcher Silo- oder Schornsteinkarrieren sind inzwischen offensichtlich: zu wenig Verständnis für die Denkweisen in anderen Disziplinen und generell zu wenig Wissen über Marktprozesse und internationale Vernetzung und Wettbewerbsprozesse. Aber man muss ja nur durch diese Schule gehen, um zu sehen, was das hier für ein melting pot ist. Globaler geht’s nicht.“

Das stimmt. Hier sieht es wirklich aus wie auf dem Kopenhagen-Gipfel im Dezember, nur dass hier vorwiegend Frauen herumlaufen, die neuen Public Manager von morgen sind also weiblich. Merkelisierung!

Professor Helmut K. Anheier ist der neue Dean, der Dekan, und sitzt seit circa fünf Minuten vollkommen frisch in seinem Büro. Er ordnet gerade seine Bücher ein, es sind schwere Bände, und ich gehe ihm zur Hand. „The Cultural Economy“ und „Conflicts and Tensions” wiegen bestimmt sieben Kilo, es geht darin um die Krise der Werte weltweit: von Amerika über Europa bis Asien. Anheier ist Professor der Soziologie, er beschäftigt sich mit Zivilgesellschaftsstudien und Philanthropie. Und er sieht auch aus wie ein Philanthropiker, ein bisschen wie damals dieser Pic, dieser schöne Menschenfreund und Clown aus dem Zirkus Roncalli. „Wir möchten keine Politiker ausbilden, sondern Querdenker. Wenn wir Studenten in die Wirtschaft entlassen, hoffen wir, dass sie ihre soziale Verantwortung in die Unternehmen tragen. Wenn wir Studenten für die politische Verwaltung ausbilden, hoffen wir, dass sie die weit- und umsichtige Intelligenz hinter den Politikern werden, denn das Parteiensystem bietet keine Politikschule außer in Machterwerb und Machterhalt. Darum brauchen wir neue Schulen.“

Man möchte Professor Anheier umarmen für solche Sätze, dann muss er auf den Zug nach Heidelberg, er leitet dort auch noch das „Zentrum für soziale Investitionen und Innovationen“. Was es für schöne Zentren in diesem Land gibt, von denen man gar nichts weiß!

Ich laufe wieder im dritten Stock vorbei an den Studentinnen im Kopenhagen-Seminar und treffe noch einmal Professor Fiedler: Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, was genau „Governance“ ist, sage ich, aber die Schule macht irgendwie einen überraschend sinnvollen Eindruck, ich könnte mir langsam auch mal die gelbe, neoliberale Krawatte abbinden.

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