Interview mit Anne Chebu : „Das Denken in Klischees lässt sich abtrainieren“

Wie tolerant muss eine schwarze Frau sein? Ein Gespräch mit der afrodeutschen Autorin Anne Chebu über Begriffe und Handgriffe, die verletzen.

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Will afrodeutschen Jugendlichen ein positives Selbstbild vermitteln: Anne Chebu
Will afrodeutschen Jugendlichen ein positives Selbstbild vermitteln: Anne ChebuFoto: Noel Richter

Frau Chebu, viele Frauen dürften Sie um Ihre Haare beneiden. Aber Ihnen haben sie bisher nicht nur Freude gemacht.

Die Haare schon! Aber nicht die Reaktionen der Umwelt darauf. Schon als ich ein Kind war, haben mir Leute immer wieder in die Haare gegriffen, einfach so, ungefragt. Ich empfinde das als Übergriff und herabwürdigend.

Diese Menschen meinten es vermutlich nicht böse …

Aber das ist genau der Punkt. Sie meinen es nicht böse, aber sie grenzen mich dennoch damit aus.

Könnten Sie nicht einfach darüber hinweg gehen?

Also tolerant sein gegenüber denjenigen, die mir gegenüber eine Grenze überschreiten? Diese Frage stellt sich in meinem Leben und in dem anderer Minderheiten oft. Das Wort Toleranz oder auch Akzeptanz wird ja meistens so gebraucht: Die Mehrheit soll tolerant gegenüber Minderheiten sein, etwa gegenüber Homosexuellen oder Afrodeutschen wie mir. Ich frage mich umgekehrt: Wie tolerant muss ich als schwarze deutsche Frau sein?

Sie meinen, gegenüber Weißen?

Gegenüber Menschen, die unreflektiert Begriffe verwenden oder Verhaltensweisen zeigen, die andere, zumeist benachteiligte Gruppen verletzen. Wie viel muss ich erklären und entschuldigen? Soll ich die Ewiggestrigen tolerieren, die sich immer noch weigern, ,Schokoküsse' zu sagen, weil sie dadurch ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt sehen? Muss ich Begriffe wie „Farbige“ oder „Mischling“ weglächeln, obwohl ich nicht farbig im Sinne von grün-lila getupft bin und auch kein Hund – und obwohl diese Begriffe aus dem Rassendenken des Nationalsozialismus und der Apartheid stammen? Wie oft muss ich einer wildfremden Person erklären, dass ich aus Nürnberg komme und zwar nur da her?

Was stört Sie daran, wenn Menschen Sie nach Ihrer Herkunft fragen?

Es stört mich, wenn sie immer wieder nachfragen, wo ich denn „wirklich“ herkomme. Diese Menschen wollen eine Erklärung dafür haben, warum ich als Schwarze normal deutsch spreche und überhaupt hier bin. Indirekt sagen sie damit: Eine Schwarze kann keine normale Deutsche sein, sie muss sich immer erklären. Die Frage ,woher kommst du?' geht auch vielen Menschen mit Migrationsgeschichte auf die Nerven. Daher sollte man diese Frage möglichst nicht stellen und vor allem nicht darauf herumreiten.

Das wäre ein Beispiel, wo Sie nicht mehr tolerant sein möchten. Gibt es andere?

Viele. Muss sich eine Frau damit abfinden, dass ihr weniger zugetraut wird, als ihrem Kollegen? Muss ein Mensch mit Behinderung ständig Verständnis und Mitleid für Menschen aufbringen, die den Kontakt mit Behinderungen nicht gewohnt sind und sich deswegen wie ein Elefant im Porzellanladen verhalten oder gleich ganz weggucken? Muss eine Muslima, die ein Kopftuch trägt, ständig beweisen, dass sie nicht von ihrem Mann unterdrückt wird und keiner in ihrer Familie dem IS angehört? Muss sich ein schwules Paar Reaktionen zwischen „eklig“ und „süß“ anhören?

Ab wann würden Sie bestimmte Verhaltensweisen als rassistisch bezeichnen?

Rassismus wird nicht nur von Rechtsextremen praktiziert, sondern begegnet mir jeden Tag. Denn Rassismus ist schon die Annahme, dass es biologische Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarben gibt. Das heißt, auch Annahmen mit einer positiven Intention können rassistisch sein, etwa das Klischee, alle Schwarzen wären gut im Singen, Tanzen, Basketballspielen und im Bett. Die Reduzierung auf meine Hautfarbe und die Meinung, man könne daran meinen Charakter ablesen, ist rassistisch – ganz egal wie nett es gemeint ist. Darunter fallen auch so genannte Komplimente wie: „Ich wäre auch gern so braun wie du“, die Bezeichnungen „exotisch und rassig“ oder eben in die Haare zu fassen.

Es gibt auch Schwarze, die Witze über Schwarze reißen, sogar mit dem N-Wort spielen.

Ich bin tolerant, wenn Schwarze sich selbst mit rassistischen Bildern identifizieren, denn sie reproduzieren nur, was ihnen zuvor angetan wurde. Diese Toleranz endet aber, wenn Schwarze mit Absicht rassistische Witze reißen, und das auch noch im Fernsehen. Das schadet der ganzen schwarzen Community, denn leider wird so ein Bild aufgebaut, dass diese Sprüche nun wieder salonfähig seien, denn ein Schwarzer erzählt sie ja.

Wenn jemand ohne böse Absicht ein Wort sagt, das Sie als abwertend empfinden, wie reagieren Sie dann?

Im privaten Umfeld habe ich folgendes Prinzip: Ich mache immer auf die Wortwahl aufmerksam. Manchmal wiederhole ich den ganzen Satz meines Gegenübers und ersetze die rassistischen Wörter, sage etwa „schwarz“ statt „farbig“, manchmal spreche ich es direkt an. Kommt dann ein aufrichtiges Interesse und eine Entschuldigung, bin ich der toleranteste Mensch überhaupt.

Und wenn nicht?

Bei einem „Ja, aber ...“ endet meine Toleranz abrupt. Ein weißer Professor zum Beispiel hat in seiner Vorlesung mehrmals das N-Wort genannt, worauf eine schwarze Studentin protestierte. Seine Antwort: „Von dir lass ich mir gar nichts sagen.“ Da werden Worte zu Waffen, die Machtpositionen verteidigen sollen. Toleranz gegenüber Menschen, die sich mit voller Absicht rassistisch verhalten, kann ich nicht länger aufbringen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir alle rassistische Klischees im Kopf haben, auch Schwarze selbst übernehmen sie teilweise. Können wir die loswerden?

Wichtig ist, dass wir uns alle dessen bewusst sind und die weiße Sozialisation nicht als unveränderbaren Zustand ansehen. Es kann sogar erleichternd sein zu wissen, dass wir alle irgendein rassistisches Zeug denken, denn dann muss nicht mehr jeder Hinweis darauf als Angriff gewertet werden.

Wie können wir denn die Sprache und das Denken von ungewollten Diskriminierungen befreien?

Die Leute müssen gar nicht alles und jeden verstehen, aber sie können Dinge akzeptieren. Zum Beispiel, dass mich gewisse Begriffe verletzen. Das Denken in Klischee-Gruppen lässt sich abtrainieren. Es gibt nicht DIE typische Schwarze. Das lässt sich auf andere Diversity-Gruppen ausweiten, die ja in sich wieder total divers sind. „Ich mag Schwule, weil die so lustig sind.“ – streichen. Oder: „Ich will auch mal ein Schoko-Baby, die sind so süß.“ – streichen. Genauso wie: „Aber ich muss wissen, woher er ursprünglich kommt.“ – streichen. Die Kunst am diskriminierungsfreien Handeln ist, auch mal Dinge nicht zu sagen oder zu tun und das auszuhalten.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte.

Anne Chebu (27) ist Journalistin und Autorin von „Anleitung zum Schwarz sein“. Mit dem Buch möchte sie afrodeutschen Jugendlichen ein positives Selbstbild vermitteln. Sie lebt in Hamburg.

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