Lebensmitteldiscounter : Aus Plus wird Netto

Die Konkurrenz für Aldi und Lidl wächst. Das Bundeskartellamt genehmigt den Zusammenschluss der Lebensmitteldiscounter von Tengelmann und Edeka - unter Auflagen. Damit entsteht in Deutschland eine neue starke Nummer drei.

Corinna Visser
Edeka - Plus Foto: dpa
Auf Einkaufstour. Neben Lidl und Aldi entsteht unter dem Dach von Edeka ein weiterer großer Discounter. -Foto: dpa

BerlinDie Konkurrenz für Aldi und Lidl wächst. Hinter den beiden größten Discountern in Deutschland entsteht eine neue starke Nummer drei. Das Bundeskartellamt hat den Zusammenschluss der Discountketten Netto (gehört zu Edeka) und Plus (Tengelmann) genehmigt. Damit entsteht im Lebensmittelhandel ein neuer Billiganbieter mit 3800 Filialen, 50 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als zehn Milliarden Euro im Jahr. Markus Mosa, Vorstandssprecher der Edeka AG in Hamburg kündigte an, dass Netto alle 25 000 Mitarbeiter von Plus übernehmen und bis zum Jahr 2010 weitere 2500 neue Arbeitsplätze schaffen werde. Verdi dagegen befürchtet, dass der Zusammenschluss Arbeitsplätze kosten wird. Handelsexperten erwarten, dass der Druck auf die Lieferanten steigt. Dass die Preise für die Verbraucher sinken werden, erwarten sie dagegen nicht.

Deutschland ist einer der am härtesten umkämpften Lebensmittelmärkte in Europa. Daher sind hier die Preise für Lebensmittel immer noch relativ niedrig und die Margen für die Unternehmen klein. Klarer Marktführer im Lebensmitteleinzelhandel ist die Edeka-Gruppe, die im Jahr rund 38 Milliarden Euro umsetzt. Laut Bundeskartellamt hat Edeka einen Marktanteil von 25 Prozent. Doch im Segment der preisaggressiven Discounter war Edeka mit seiner Tochter Netto Marken-Discount (Netto Süd) bisher nur die Nummer fünf. Das ändert sich jetzt.

Das Bundeskartellamt hat allerdings einige Auflagen erteilt, bevor der Zusammenschluss vollzogen werden kann. So muss Tengelmann zuvor 378 der insgesamt 2900 Plus-Märkte, mit einem Umsatz von rund 700 Millionen Euro Umsatz verkaufen. Diese Märkte liegen laut Edeka vorwiegend in Ostdeutschland. Am neuen Gemeinschaftsunternehmen darf sich Tengelmann nur mit 20 statt der erwünschten 30 Prozent beteiligen. Auch untersagte das Bundeskartellamt die geplante Zusammenarbeit von Tengelmann mit Edeka beim Wareneinkauf.

Tengelmann muss sich nun für seine Supermarktkette Kaiser’s einen anderen Einkaufspartner suchen. „Mit dieser Entscheidung setzt das Bundeskartellamt ein Zeichen gegen die fortschreitende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel“, sagte Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer. Nur noch fünf Konzerne – Edeka, Rewe, Aldi, Lidl und Tengelmann – beherrschten heute 90 Prozent des Marktes. „Dass die Einkaufskooperation zwischen Kaiser’s Tengelmann und Edeka untersagt wurde, ist bitter“, sagte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub.

Der Markenverband, der 400 Konsum- und Gebrauchsgüterhersteller vertritt, sieht das anders. Er befürchtet, dass Edeka seine Marktmacht gegenüber den Lieferanten ohnehin weiter ausbaut.

Im kommenden halben Jahr müssen die genannten 378 Plus-Märkte verkauft sein, sonst kann der Zusammenschluss nicht stattfinden. „Das bringt Tengelmann in eine schlechte Verhandlungsposition, denn das Unternehmen muss jetzt unter Zeitdruck verkaufen und ist zum Abschluss verdammt“, sagt Handelsexperte Boris Planer von Planet Retail. „Das könnte den Preis erheblich drücken.“ Die Rewe-Gruppe, hinter Edeka die Nummer zwei im deutschen Lebensmitteleinzelhandel, hat bereits Interesse bekundet. Auch starke regionale Unternehmen kämen als Käufer infrage, meint Planer, Aldi und Lidl dagegen nicht. „Die kaufen nichts, die bauen lieber selbst maßgeschneiderte Filialen.“ Planer erwartet im Zuge des Zusammenschlusses keine Preissenkungen für die Kunden und schon gar keinen Preiskrieg. „Dafür gibt es bei den aktuellen Inflationsraten einfach keinen Spielraum“, sagt der Handelsexperte. Es könnte höchstens sein, dass die Preise künftig etwas langsamer steigen. Von dem Zusammenschluss könne sich am ehesten Lidl bedroht fühlen, da das Sortiment von Netto/Plus wegen der Markenartikel dem von Lidl ähnlicher sei als dem von Aldi. Allerdings sei auch hier mit keiner dramatischen Verschärfung des Wettbewerbs zu rechnen, denn schließlich bliebe die Gesamtzahl der Discountmärkte in Deutschland stabil.

„Die negativen Auswirkungen der Fusion werden zuerst die Beschäftigten treffen“, befürchtet Ulrich Dalibor, Fachgruppenleiter Einzelhandel bei der Gewerkschaft Verdi. „Die angestrebten Synergieeffekte werden Arbeitsplätze und Arbeitsplatzqualität kosten.“ Genaue Zahlen kennt er jedoch noch nicht. Er befürchtet aber, dass die zunehmende Konzentration im Handel langfristig nicht nur zu immer weniger Vielfalt, sondern auch zu steigenden Preisen führt, wenn weitere Wettbewerber aussteigen.

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