Nachhaltigkeit statt Schmuddelimage : Weiße Weste für die großen Modekonzerne

Die großen Modekonzerne wollen ihr Image verbessern – und werben mit Nachhaltigkeit. Hilfsorganisationen kritisieren die Aktionen als "Tropfen auf den heißen Stein".

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Nähen im Akkord. 14-Stunden-Schichten sind üblich in der Modeproduktion in Asien.
Nähen im Akkord. 14-Stunden-Schichten sind üblich in der Modeproduktion in Asien.Foto: AFP

Berlin - In zartes Grün gehüllt lächelt Vanessa Paradis von den Plakaten herunter, für den schwedischen Modekonzern H&M. „Conscious Collection“ heißt die fabenfrohe Kollektion aus Bio-Baumwolle und Recycling-Polyester, mit der die Kunden in die Läden gelockt werden sollen. „Nachhaltigere Mode“, zu „erschwinglichen Preisen“ verspricht gerade das Unternehmen, das immer wieder von Hilfsorganisationen wegen seiner Billig-Angebote kritisiert wird.

Die großen Modekonzerne haben die Nachhaltigkeit für sich entdeckt und versuchen, ihr Schmuddelimage abzuschütteln. Nicht nur H&M, auch der Modekonzern Inditex, zu dem Marken wie Zara und Bershka gehören, wirbt mit seinen Nachhaltigkeitszielen. Bis 2020 will das Unternehmen giftige Chemikalien aus seiner Produktion verbannen. Die Tochter Zara eröffnete in Rom eine Energiespar-Filiale und versprach nach den Sklaverei-Skandalen in Brasilien mit einer Null-Toleranz-Vereinbarung strenge Kontrollen seiner Zulieferer.

„Ethisches Verhalten als Wettbewerbsfaktor kommt nun auch in der Modeindustrie an“, sagt der Ökonom Ulrich Thielemann, der die Denkfabrik für Wirtschaftsethik in Berlin leitet.Kleine Firmen, die im teureren Segment nachhaltige Kleider anbieten, gebe es schon lange, doch nun tue sich auch etwas bei den großen Billig-Ketten.

Textilarbeiter in Bangladesch kämpfen um Arbeitsrechte
03.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden  Sicherheitsvorkehrungen in den Textilfabriken protestiert. Ein Sprecher der Polizei sagte, Grund für den Protestzug seien  „Gerüchte“ über einen weiteren Brand in einer Textilfabrik gewesen. Diese Gerüchte seien aber falsch. Bei einem Brand in der Tazreen Fashion Fabrik in einem Industriegebiet von Ashulia in der Nähe von Dhaka waren am 24. November 110 Arbeiter ums Leben  gekommen - die meisten von ihnen Frauen. Sie konnten den Flammen nicht entkommen oder sprangen in Todesangst aus den Fenstern des  mehrstöckigen Gebäudes.
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03.12.2012 14:0103.12.2012: In Bangladesch haben am Montag erneut rund 10.000 Arbeiter gegen die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen in den...

Als einen Hauptauslöser dafür sieht Thielemann die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise, die einen Wandel bei den Konsumenten ausgelöst habe. „Die Krise hat den Glauben in den reinen Markt erschüttert und die Frage nach einer moralischeren Ordnung neu aufgeworfen“, sagt Thielemann. Zudem gerieten Skandale wie der verheerende Brand in einer Fabrik in Bangladesch vergangenen November, bei dem mehr als hundert Arbeiter ums Leben kamen, heute schneller an die Öffentlichkeit. „Die Konzerne müssen sich in Zeiten von Shitstorms und sozialen Netzwerken stärker darum kümmern, dass ihre Marke nicht beschädigt wird.“

Das lässt sich auch am Nachhaltigkeitsbericht von H&M erkennen. Was vor zehn Jahren einmal schlicht CSR-Report hieß, nennt sich heute „Conscious Actions Sustainability Report“. In dem fast 100 Seiten starken Dokument listet das Unternehmen seine Bemühungen in den Produktionsländern auf. Etwa, dass Vorstandschef Karl-Johan Persson sich im vergangenen Jahr mit der Premierministerin von Bangladesch, Sheikh Hasina, traf und die Anhebung der Mindestlöhne für Textilarbeiter forderte. Zudem veröffentlichte H&M eine Liste seiner rund 1800 Zulieferer in allen Produktionsländern, mit Adressen – ein großer Schritt in einer verschwiegenen Branche. 2012 habe man mehr als 2600 Kontrollen bei den Produzenten durchgeführt, sagt eine Firmensprecherin.

Auch der Modekonzern C&A, in dessen Zulieferer-Fabrik Tazreen im November das tödliche Feuer ausbrach, weil alle Brandschutzauflagen missachtet wurden, bemüht sich um ein besseres Image. Die Firma stelle mehr als eine Million US–Dollar bereit, um die Opfer, deren Familien und die Verletzten auszuzahlen, erklärt C&A. Zudem sollen die Kinder, die ein Elternteil verloren haben, bis zu ihrem 18. Lebensjahr mit monatlich 50 US-Dollar unterstützt werden. Das Unternehmen, das nach eigenen Angaben rund ein Viertel seiner Ware aus Bangladesch bezieht, habe außerdem „umfassende“ Untersuchungen „unabhängiger Sachverständiger“ beauftragt, um die Arbeitssicherheit bei den Zulieferern „zu prüfen und gegebenenfalls zu verbessern“, sagt C&A-Sprecher Thorsten Rolfes.