Wirtschaft : „Nicht immer in Zwängen denken“

Foto: promo
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Frau Thieme, was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit?



Nachhaltigkeit erreicht man, indem man bei Entscheidungen nicht nur soziale und ökonomische, sondern auch ökologische Kriterien berücksichtigt. Sie ist die Grundlage für Generationengerechtigkeit.

Was kann jeder Einzelne tun?

Es ist wichtig, bei den größten Hebeln anzusetzen: Weniger Fleisch essen, vernünftiger heizen, Ökostrom beziehen und sparsame Mobilität nutzen. Wenn jeder das tut, ist schon viel gewonnen. Natürlich hilft es auch, bei den kleinen Dingen mitzudenken, also nicht jedes Mal eine Plastiktüte im Supermarkt zu kaufen.

Wie soll der Verbraucher bei den vielen grünen Versprechen der Industrie unterscheiden, was wirklich nachhaltig ist?

Der Rat hat einen nachhaltigen Warenkorb erarbeitet, der als Orientierungshilfe dienen kann. Für alle Bereiche des täglichen Bedarfs – Lebensmittel, Kleidung, Pflege – zeigt er, welche Siegel verlässlich sind und durch welche Verhaltensänderungen man wirklich etwas bewirken kann. Hier ist Carsharing ein gutes Beispiel, weil ich ein Auto nutzen kann, ohne es besitzen zu müssen.

Wälzt man damit nicht die Verantwortung auf den Bürger ab, obwohl eigentlich die Industrie am Zug wäre?

Heute haben die meisten großen Unternehmen in Deutschland verstanden, dass sie effizienter mit Energie und Rohstoffen umgehen müssen – allein schon aus Kostengründen. Für viele ist es heute schon ein Wettbewerbsvorteil, sie werben mit Nachhaltigkeit.

Das scheint nicht zu reichen, der Energieverbrauch nimmt zu. Und die Autoindustrie baut weiter Pkw mit hohem CO2-Ausstoß. Wie kann man die Konzerne zwingen?

Ich bin dagegen, immer nur in Zwängen zu denken. Wir müssen mit Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit auch an den Kapitalmärkten eine wichtige Größe wird. Wenn Unternehmen veröffentlichen, was sie zum Beispiel für mehr Energieffizienz tun, können Investoren sich daran orientieren.

Aber an der Börse zählt Rendite, nicht Nachhaltigkeit.

Längerfristig bleibt Rendite nur erreichbar, wenn Unternehmen effizient mit Rohstoffen umgehen und in Forschung und Bildung investieren.

Haben wir Zeit, darauf zu warten, oder muss die Politik strengere Regeln setzen?

Eine Nachhaltigkeitsdiktatur wird uns nicht weiterbringen, damit setzen wir nur unsere Demokratie aufs Spiel. Aber natürlich muss die Politik noch mehr tun, um Anreize für die Unternehmen zu schaffen. Die Förderung erneuerbarer Energien ist ein gelungenes Beispiel.

Was raten Sie der Bundesregierung?

Deutschland muss besser werden beim Recycling von Rohstoffen. Die Wärmedämmung von privaten und öffentlichen Gebäuden muss stärker gefördert werden.

Marlehn Thieme (55) ist Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, der von der Regierung berufen wird. Sie sitzt auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank. Mit ihr sprach Jahel Mielke.

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